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Petrus Chrysologus († 450) - Ausgewählte Predigten
I. Vorträge über das Matthäus-Evangelium

Neunter Vortrag: Über die Stelle: "Wenn du Gottes Sohn bist..." bis: "du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten." Mt 4,3-10

Seht, die Zeit ist da, wo der Krieger hinauseilt auf das Kampffeld, wo zum göttlichen Fasten hineilt der gläubige Christ. Die Zeit ist nun da, wo die Ruhe des Fleisches, die Trägheit des Geistes, die Sorge für den Leib und alle Schlaffheit des häuslichen Lebens zu beseitigen ist. Die Zeit ist nun da, wo in der Übung himmlischer Waffen der Seele und des Körpers Kräfte gestählt werden sollen. Die Zeit ist nun da, wo unter Christi Führung, unter dem Beistand der Engel unsere Stärke im Kampf erprobt werden soll. Nun ist die Zeit da, wo im Kampfe liegt die Unenthaltsamkeit mit dem Fasten, die Enthaltsamkeit mit der Völlerei, die Keuschheit mit der Schwelgerei, die Treue mit der Untreue, die Frömmigkeit mit der Gottlosigkeit, die Geduld mit der Raserei, die Gier mit der Freigebig keit, die Barmherzigkeit mit der Habsucht, die Demut mit dem Stolz, die Heiligkeit mit der Schuld, [ein Kampf, in dem] Christus verleiht den Siegespreis. Wenn also einer unter den Augen Gottes, beim Schall der himmlischen Posaune selbst, unter dem helfenden Beistand der Engel, es unterläßt, den Kampfplatz der Tugend zu betreten, mag er auch noch so verstrickt sein in den Lüsten des weichen Pfühls, entnervt sein durch weichliche Hände, vollständig entmannt sein durch eheliche Liebkosungen so verliert er auch den Preis des Kampfes, den Ruhm der Tugend, die Palme des Sieges, den Lorbeerkranz der Gerechtigkeit; denn mit der Schande des Fahnenflüchtigen wird er gebrandmarkt für alle Zeit. Brüder! Heute hat Christus, unser König, seine Kampfgenossen ermahnt von dem Lehrstuhl des Evangeliums aus, den Feinden den Kampf angesagt, den Kämpfenden Belohnung verheißen; er hat uns kundgetan die Ursachen des Kampfes, und offen gezeigt die Ränke der Feinde und ihre Pläne, aber auch mit sieghaftem Beweis uns gelehrt, wo und wann und wie wir den Kampf aufnehmen müssen. Und obwohl er allein den Sieg erringen konnte, bot er dennoch unseretwegen und um unserer Furcht willen die ganze Streitmacht des Himmels zu unserer Hilfe auf. Wenn also einer darauf nicht hören und dieses große und wichtige Gesetz unseres Königs anzuerkennen verschmähen wollte, dann urteilt selbst, ob er sich nicht selbst beraubt der geheimnisvollen Hilfsmittel in unserem Kampfe, ob er sich nicht selbst völlig ausschließt von der Waffenbrüderschaft des Himmels.

Ihr aber, Brüder, die ihr in diesen vierzigtägigen Fasten genau nach dem Fasten des Herrn kämpfen wollt, wie wir eben gesagt haben, gegen die Heerscharen des Lasters, gegen die Kampfesreihen der Verbrechen, gegen die häßlichen Gestalten der Leidenschaften, gegen alle überall verbreiteten und unzähligen Legionen der geistigen Dämonen in der Luft:erweist euch siegreich im Hinblick auf die Versuchungen selbst, die dem Fasten des Herrn folgten. Denn erst als der Herr sich dem vierzigtägigen Fasten durch den unerschütterlichen Erweis seiner Kraft unterzogen hatte, trat ihm sogleich der Satan entgegen, um ihn mit List zu bekämpfen; denn dem Fastenden konnte er mit seiner Kraft nicht entgegentreten. Ebenso nämlich, wie der Teufel herrscht über die, die ergeben sind der Völlerei und der Trunksucht, so fürchtet er, die da beten; ebenso flieht er zurück vor denen, die fasten, wie der Herr sagt: "Dies Geschlecht wird nicht anders ausgetrieben als durch Fasten und Gebet"1 . Doch laßt uns hören, mit welchem Betrug der Teufel es wagt, den Herrn zu versuchen. "Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden!"2 . Habt ihr gehört, was der böse Feind selbst über das Fasten denkt und urteilt, wenn er sagt: "Wenn du Gottes Sohn bist!? Ihr seht: er hält ihn nicht für einen Menschen, sondern für Gott, weil er ihn frei sieht von der Knechtschaft des Fleisches. Er erkannte, ja es erkannte der Teufel, dass das Fasten allen Tugenden den Rang abläuft. Er sah, dass Johannes die Lockungen des Stadtlebens vertauschte mit dem Aufenthalt in der unwirtlichen Wüste, dass er die Verweichlichung des Fleisches überwand durch das rauhe Gewand, dass er alle Genüsse der Welt bezwang durch die Nahrung des einfachen Landlebens, und dass er, was nur ein Zeichen göttlicher Kraft ist, so den Menschen die Verzeihung der Sünden erwirkte.3 Aber trotzdem hat er nie zu ihm gesagt: "Wenn du Gottes Sohn bist". Aber als er den Herrn so lange ununterbrochen fasten sah, rief er aus: "Wenn du Gottes Sohn bist".

Der Teufel täuscht sich, wenn er so gegen den Herrn die gottlosen Anschläge seiner Schlauheit schleudert: "Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden!" Warum sucht er denn, als Christus fastete, einen Beweis für seine göttliche Kraft nur dadurch, dass er von ihm Brot verlangte? Und warum wünscht er, der den Sohn Gottes erkennt durch den Be weis des ununterbrochenen Fastens, warum wünscht er einen Beweis dadurch, dass er ihm Brot für seinen Leib anbot: "Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass diese Steine Brot werden"? Warum sagt er nicht: "Wenn du Gottes Sohn bist, sprich, dass Menschen oder Engel oder sonst etwas werde", sondern: "Sprich, dass diese Steine Brot werden"? Er fordert den Beweis aus dem Brote, weil er den Beweis aus dem Fasten scheute. Er fordert den Beweis aus dem Brote, damit er dem erschreckenden Beweis aus dem Fasten entgegentreten könne. "Brot" flüstert der Versucher ihm zu, um die Tugend zu er schüttern und die feste Absicht des Fastenden zu verletzen. Doch laßt uns sehen, welche Antwort das Brot gibt, "das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist"4 . "Nicht vom Brote allein lebt der Mensch, sondern von jedem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt."5 Wie wahr lebt doch "Gottes Wort" vom Worte Gottes; wie wahr bedarf doch dieses Brot nicht des Brotes! Wie wahrhaft göttlich verwandelt er die Steine in Menschen, der aus den Steinen Söhne Abrahams erweckt zum Erweis seiner Herrlichkeit!6 . Und weil der unverschämte böse Feind mit einem Male nicht zum Siege kommen konnte,"stellte er", nur um den Triumph des Siegers noch zu vermehren, "den Herrn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: "Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinab!"7

Wie bezeichnend: „stürze dich hinab"! Wie passender hätte er gesagt: "Wenn du Gottes Sohn bist, steige zum Himmel hinauf!" Denn der Mensch stürzt doch allezeit in die Tiefe, Gott aber steigt auf zur Höhe8 . "Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinab!"

So rät er, so gibt er ein den Seinigen, so erhebt er sie, um sie dann von der Höhe in einen noch schrecklicheren Abgrund zu stürzen. "Wenn du Gottes Sohn bist, stürze dich hinab!" Sein eigener Rat verrät ihn als den Teufel, weil er sagt: Stürze dich hinab!" Er verlangt einen Fall, er befiehlt das Hinabstürzen mit solchem Rat erwirbt er sich in Afrika Märtyrer, indem er ihnen leise zuruft: "Wenn du Märtyrer sein willst, stürze dich hinab", um sie so von der Höhe zum Tode zu führen, sie aber nicht von der Niedrigkeit zur hohen Krone empor zuführen9 . Aber wie sich der Teufel durch seinen Rat als solchen verriet, so offenbart sich der Herr als Gott durch seine Antwort, indem er spricht: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen!"10 . Er will, dass er als Herr, als Gott erkannt werde durch seine Antwort; denn nicht nur von der Zinne des Tempels hat er sich zur Erde herabgelassen, sondern von dem Himmel hat er sich erniedrigt bis zur Unterwelt, nicht um ein Bild des Falles zu sein, sondern die Auferstehung für die Toten. Merket wohl, Brüder; ob wohl der grimmige Feind, wenn auch mehrfach besiegt, vom Menschen ablassen könne, er, der sogar hört und sieht den Herrn und Gott und dennoch nicht davon absteht, ihn zu versuchen. "Er nahm ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und sprach zu ihm: "Dieses alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest"11 Dies sprach der, in dessen Macht nicht das Geben, sondern nur das Täuschen lag, der das Versprechen nicht halten, sondern durch sein Versprechen den Besitz nur schmälern konnte. "Dies alles will ich dir geben."

Er bietet Gott an, was Gott gehört, dem Schöpfer, was schon dem Schöpfer gehört, versprach er wieder; er will den zur Anbetung bringen, der allein angebetet werden darf, und verblendet durch seine Verführungskünste, offenbart er schon vor dem Urteilsspruch dem Richter, wie er die Einfältigen täuschen wollte. Ihm gibt der Herr nicht so sehr nach dem Zeugnis des Gesetzes, als mit dem Befehl seiner Gottheit zur Antwort: "Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten!"12 . Du sollst anbeten den Herrn, jenen Gott, dem sich alle Knie beugen, nicht nur der Himmlischen und Irdischen, sondern auch derer, die in der Unterwelt sind13 . Du sollst also in der Unterwelt knirschend und heulend anbeten, den du als tollkühner Verräter eben noch einludest zu deiner Anbetung. So oft und in so [glänzender] Weise vom Herrn zurückgewiesen, bedrängt der Teufel auch uns Knechte mit seinem ganzen Grimme in ähnlicher Weise; und wie Christus seine Soldaten, so redet und feuert jener seine Diener also an; so spricht also der Teufel: Die Zeit bedrängt uns jetzt durch die Beobachtung der Fastenzeit; durch Schlemmerei, Völlerei, Trunksucht und Ausschweifung können wir die Menschen jetzt nicht versuchen; schmiedet Ränke, sät Zwietracht, erreget Haß, schürt Zorn, gebet Lügen ein, erzwingt Meineide, flüstert Gotteslästerungen zu, breitet eitle Redereien aus, erreget Habsucht, lockt mit schimpflichem Gewinn, damit, was der Bauch jetzt nicht zur Schlemmerei aufwendet, wenigstens der Geldsack verschließe und verwahre zur Strafe! Vor allem hütet euch, dass keine Barmherzigkeit, kein Almosen, keine Wohltätigkeit unsere frühere Arbeit verderbe, die gegenwärtige uns raube und die zukünftige uns unmöglich mache! Wir aber, Brüder, die wir die Mahnungen unseres Königs erkennen und vernehmen, wozu uns der Teufel durch seine [Diener] antreibt, wollen unser Fasten ohne Streit, ohne Lärm, ohne Trug, ohne Heuchelei, ganz in Wohltun, Liebe und Güte vollführen, damit Christus, unser Herr, der das blutige Opfer der Tiere verschmähend das Opfer einer betrübten Geistes und zerknirschten Herzens verlangt14 , in der Ruhe des Friedens das Opfer unseres Fastens in Huld und Gnade aufnehmen. Amen.

1: Mt 17,20
2: Mt 4,3
3: Von einer eigentlichen Sündenvergebung kann weder für die Predigt noch das Bußleben noch die Taufe des Johannes die Rede sein, sondern nur im Sinne einer Weckung der Buß- und Reuestimmung, der dann die Vergebung der Sünden durch Gottes Gnade folgte.
4: Joh 6,59
5: Mt 4,4
6: Mt 3,9
7: Mt 4,6
8: vgl. Joh 3,13
9: Dies taten die Donatischen, Zirkumzellionen genannt, nach dem Zeugnis des Augustinus
10: Mt 4,7;Dt 6,16
11: Mt 4,8f.
12: Dt 6,13
13: vgl. Phil 2,10
14: Vgl. Ps 50,19

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger