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Petrus Chrysologus († 450) - Ausgewählte Predigten
I. Vorträge über das Matthäus-Evangelium

Sechster Vortrag: Über die Stelle: "In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf..." bis: "seine Nahrung aber waren Heuschrecken und Waldhonig." Mt 3,1-4

Eben recht ist der hl. Johannes zur Fastenzeit als ein Lehrer der Buße zu uns gekommen, ein Lehrer in Wort und Tat, ein wahrer Lehrer. Denn was er im Worte lehrte, zeigte er durch sein Beispiel. Das Lehramt gründet sich auf das Wissen, des Lehramtes Wirksamkeit aber auf das Leben: wer selbst übt, was er lehrt, macht seine Zuhörerfolgsam. Durch Taten lehren ist die einzige Norm des Unterrichtes; nur in Worten unterrichten ist [bloßes] Wissen, [unterrichten] durch die Tat aber Tugend! Wahres Wissen ist nur dann vorhanden, wenn es gepaart ist mit Tugend; das ist nicht menschliche, sondern göttliche Weisheit, wie der Evangelist beweist, wenn er sagt: "Was Jesus von Anfang an tat und lehrte"1 . Wenn der Lehrer tut, was er lehrt, so belehrt er zugleich durch sein Wort und erzielt durch sein Beispiel. "In jenen Tagen", heißt es, "trat Johannes der Täufer auf, predigte in der Wüste von Judäa und sprach: "Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe!"2

"Tut Buße!" Warum nicht vielmehr: "Freuet euch!"? Ihr sollt euch doch vielmehr freuen, wenn auf Menschliches Göttliches, auf Irdisches Himmlisches, auf Zeitliches Ewiges, auf Schlechtes Gutes, auf Ungewisses gewisses, auf Leiden Glückseligkeit, auf Vergänglichkeit Bleibendes folgt! "Tut Buße!" Buße tun soll, ja sicher Buße tun soll, wer Menschliches dem Göttlichen vorzieht, wer der Welt dienen und nicht die Herrschaft über die Welt mit dem Herrn der Welt besitzen sollte. Buße tun soll, wer leer mit dem Teufel zugrunde gehen als mit Christus herrschen wollte3 . Buße tun soll, wer, der Freiheit der Tugend entfliehend, ein Sklave der Laster sein wollte. Buße tun doll, und ganz Buße tun soll, wer immer, anstatt das Leben zu gewinnen, seine Hände nach dem Tode ausstreckte. "Denn das Himmelreich ist nahe!" Das Himmelreich ist der Lohn der Gerechten, das Gericht der Sünder, die Strafe der Gottlosen. Selig darum Johannes, der durch Buße dem Gerichte zuvorkommen wollte; er wollte nicht, dass das Gericht, sondern der Lohn den Sündern zuteil würde, und dass die Gottlosen eingehen möchten in das Reich und nicht in die Pein. Und damals schon kündigte Johannes an, dass das Himmelreich nahe sei, als die Welt, noch im Kindesalter stehend, erwartete die Vermehrung ihres Lebensalters. Und wie nahe ist nun das Reich Gottes, wo, wie wir wissen, die Welt bereits erschöpft ist im höchsten Greisenalter, ihrer Kraft beraubt ist, wo ihre Glieder erschlafft und ihre Sinne geschwunden sind, wo sie in Schmerzen dahinsiecht, der Heilung wider strebt, dem Leben abstirbt, noch in Krankheit lebt, ihre Ermattung selbst bekundet, ihr Ende selbst bezeugt! Wir sind verstockter als die Juden, weil wir der dahinschwindenden Welt nachlaufen, die zukünftige Zeit vergessen; weil wir nach der Gegenwart haschen und uns, obschon wir mitten im Gerichte stehen, dennoch nicht fürchten; weil wir nicht entgegeneilen dem bereits herannahenden Herrn, lieber den Tod als die Auferstehung der Toten erwarten; weil wir lieber dienen wollen als herrschen und so unseren Herrn selbst an der vollen Herrschaft hindern. Wo bleibt denn das Wort: "Wenn ihr betet, so sprecht: Zukomme uns dein Reich!"?4

Einer größeren Buße also bedürfen wir noch; denn nach der Größe der Wunde muß das Heilmittel bemessen werden. Brüder! Laßt uns Buße tun, schnelle Buße! Denn bereits ist uns die Spanne unseres Lebens beschnitten, die Stunde selbst schon beschlossen, das nahe Gericht beraubt uns der Möglichkeit, Genugtuung zu leisten. Es eile die Buße, damit die Strafe uns nicht zuvorkomme! Wenn der Herr noch nicht gekommen ist, wenn er noch wartet und zögert,5 , weil er nicht unseren Tod, sondern unsere Rückkehr ersehnt, wie er selbst in so großer Liebe zu uns immer gesprochen hat: "Ich will nicht den Tod des Sünders, sondern dass der Gottlose umkehre auf seinem Wege und lebe!"6 . In Bußfertigkeit also, Brüder, laßt uns zurückkehren; fürchten wir nicht, die Zeit sei kurz; denn der Schöpfer der Zeit kennt keine Einschränkung durch die Zeit. Das beweist jener Schächer im Evangelium, der am Kreuze in der Stunde des Todes sich Gnade erbeutete, das Leben erlang te, das Paradies sich öffnete, den Eintritt ins Reich gewann7 . So laßt uns denn, Brüder, die wir bisher aus freiem Antrieb das Verdienst nicht gesucht haben, doch jetzt notgedrungen nach Tugend streben; laßt uns, damit wir nicht gerichtet werden, selbst unsere Richter sein; laßt uns, damit wir das Strafurteil von uns abwenden, uns selbst Buße auf erlegen! Das höchste Glück ist es freilich, sich stets der Unschuld zu erfreu en, allezeit unbefleckt zu bewahren der Seele und des Leibes Heiligkeit, nie zu empfinden die unreine Berührungen der Welt, nie zu tragen das Bewußtsein der Schuld, nie zu kennen die Wunden der Sünde, immer zu besitzen die Anmut der Tugenden, stets zu leben unter der Hoffnung auf die Belohnungen des Himmels. Aber wenn einmal unser Herz getroffen ist von dem Pfeil der Sünde; wenn das Fleisch aufwallt durch das Verbrechen; wenn durch den Geifer der Laster der gebrechliche Mensch verdorben ist: dann soll zu Hilfe kommen jenes Heilmittel der Buße, das lege man auf das [glühende] Eisen der Reue; dann bringe man herbei die Glut des [Seelen]schmerzes; dann wende man an das Heilmittel der Seufzer; dann kühle der Eifer die Glut des aufwallenden Gewissens; dann soll man abwaschen mit den Tränen den Eiter der Schuld; dann sollen Bußgürtel reinigen die Unreinheit des Leibes! Wer, wie er es sollte, die Gesundheit [der Seele] nicht bewahrt hat, der wende an, der gebrauche die bittere Arznei der Buße!

Wem sein Leben teuer ist, dem ist kein Mittel zu hart; der Arzt darf ihm nicht unwillkommen sein, wenn dieser ihn auch mit Schmerzen zum Heile zurückführt. Wer die ihm anvertraute Unschuld bewahrt hat, braucht nicht den Zins der Buße zu zahlen. Dies beweist der Herr selbst mit den Worten: "Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken"8 . Und wer diese Kranken sind, erklärt er, indem er hinzufügt: "Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu berufen, sondern Sünder"9 . Johannes ruft uns zurück durch seine Buße, Christus beruft und durch seine Gnade. Deshalb schreitet Johannes nach Kleidung, Lebenshaltung und Wohnrot ganz in der Gestalt der Buße einher: "Johannes der Täufer", heißt es,"trat auf, predigte in der Wüste von Judäa und sprach: Tut Buße!" Durch die Wüsten von Judäa hin ließ Johannes den Ruf der Buße erschallen; denn diese10 hatten alle Vorschriften des Gesetzes, die Bemühungen der Propheten, die Fruchtbarkeit der Väter, die Früchte Gottes selbst durch ihre völlige Unfruchtbarkeit vernichtet. Deshalb werden sie mit Recht zur Buße gerufen, diese Wüsten, die nicht so fast von Menschen, sondern von jeder Zucht verödet waren. Doch die Stimme ruft, und keiner ist, der sie hört! "Johannes aber trug ein Kleid von Kamelhaaren."11 Er hätte auch ein Kleid von Ziegenhaaren tragen können; denn er hatte kein Bußkleid verdient. Doch ertrug er die Haare jenes sehr gekrümmten Tieres12 , das kein gerades Glied, keine Anmut, keine Zierlichkeit besitzt, das die Natur bestimmt hat zu harter Arbeit, verurteilt hat zu den schwersten Lasten, ausgeliefert hat der schlimmsten Dienstbarkeit. Gerade mit solcher Kleidung geziemte es sich für den Lehrer der Buße sich zu bekleiden, damit alle, die von dem geraden Wege der Zucht sich abgewandt und sich durch die verschiedenen Sündenarten ganz verunstaltet hatten, der schweren Last der Buße sich unterzögen, die großen Beschwerden der Genugtuung auf sich nähmen, die mühsamen Seufzer der Reue ertrügen, bis sie, wie eine Nadel geschmeidig und zurecht gemacht, hindurchgehen könnten durch die enge Öffnung der Buße in das weite Reich der Gnade, damit so in Erfüllung ginge, was der Herr gesagt hat: "dass ein Kamel durch ein Nadelöhr zu gehen vermöge"13 .

"Seine Nahrung aber waren Heuschrecken und Waldhonig."14 . Die Heuschrecke, so oft zur Züchtigung der Sünder gebraucht, sinnbildet treffend die Nahrung der Buße, indem sie, von der Stätte der Sünde hinüberspringend, zur Stätte der Buße, sich emporzuschwingen vermag auf den Flügeln der Gnade zum Himmel! Dies meinte auch der Prophet, wenn er sagte: "Wie ein Schatten, der sich neigt, werde ich hinweggerafft und werde ich verscheucht wie eine Heuschrecke. Meine Knie werden kraftlos vor Fasten, und mein Fleisch zehrt ab um der Erbarmung willen"15 Hörst du, wie er von der Sünde verscheucht ist zur Buße gleich einer Heuschrecke, und wie er beugte seine Knie, um der Buße Lasten auf sich zu nehmen? Dazu nahm er als Nahrung Honig, damit die Bitterkeit der Buße gemildert werde durch die Süßigkeit der Erbarmung!

1: Apg 1,1
2: Mt 3,1f.
3: vgl. 91. Vortrag
4: Mt 6,9f.
5: so tut er es nur
6: Ez 33,11
7: Lk 23,42f.
8: Mt 9,12
9: Mt 9,13
10: gemeint sind natürlich die Menschen, die in der "Wüste des Geistes" wohnten, also die Pharisäer und ihr Anhang
11: Mt 3,4
12: Tortuosissimi animantis
13: Mt 19,24
14: Mt 3,4
15: Ps 108,23f.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger