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Petrus Chrysologus († 450) - Ausgewählte Predigten
I. Vorträge über das Matthäus-Evangelium

Vierter Vortrag: Über die Stelle: "Als der König Herodes dies hörte, erschrak er..." bis: "und opferten ihm, Geschenke, Gold, Weihrauch und Myrrhe." Mt 2,3-11

Oft haben wir [uns] gefragt, warum Christus so in die Welt gekommen sei, dass er die Enge des Mutterleibes [als Wohnung] nahm, dass er die Unbilden einer Geburt erduldete, dass er die Bande der Windeln ertrug, dass er sich eine armselige Wiege gefallen ließ, dass er durch seine Tränen die Nahrung einer Mutter sich erflehte, dass er die Stufen des Alters und seine Nöten ganz durchmachen wollte. Aber wie hätte er denn [anders] kommen sollen, er, der Gnade bringen, die Furcht verscheuchen und Liebe sich erwerben wollte? Die Natur belehrt uns alle, was ein Kinde vermag, was ein Lind verdient. Was ist doch ein Kind? Gibt es wohl eine Rohheit, die das Kind nicht besiegt? eine Wildheit, die ein Kind nicht besänftigt? eine Grausamkeit, die ein Kind nicht bezwingt? eine Härte, die ein Kind nicht erweicht? eine Rauheit, die ein Kind nicht mildert? Welche Liebe ist wohl, die ein Kind nicht verlangt? Welche Güte, die ein Kind nicht erzwingt? Welcher Dank, den ein Kind nicht auferlegt? Welche Liebe, die ein Kind nicht erlangt? Dass es so ist, wissen die Väter, fühlen die Mütter, erfahren alle; denn das menschliche Herz gibt davon Zeugnis. Darum wollte der [als Kind] geboren werden, der mehr geliebt als gefürchtet werden will. Und doch, hört, was dieses sanfte und gute und liebe Kind erfährt durch die Bosheit der Menschen! "Als der König Herodes", heißt es,"dies hörte, erschrak er und ganz Jerusalem mit ihm. Und er versammelte alle Hohenpriester und Schriftgelehrten des Volkes und fragte sie, wo Christus geboren werden sollte."1

Wenn Jerusalem, wenn der König, wenn die Schriftgelehrten, wenn die Hohenpriester bestürzt werden schon durch das Kind Christus was würden sie wohl tun, wenn Christus als ein erwachsener Mann plötzlich gekommen wäre, wenn er im Glanze seines Reichtums und seiner Macht, mit gefährlichen und fremden Völkerscharen gekommen wäre? Auf Zeit und Alter und Armut und Eltern nahmen diese Menschen keine Rücksicht, sondern sobald sie hören, dass er geboren sei, bereiten sie dem kaum Geborenen den Tod, dem Unschuldigen Nachstellungen, dem Guten frevelhafte Anschläge. Gegen einen Wehrlosen zücken sie das Schwert, bieten ganze Kriegerscharen auf gegen einen, dem wimmernden Kinde drohen sie mit Mord, der Mutter mit Strafe. Und damit Gewalt sich mische mit Blut, kündigt die Grausamkeit den Kleinen in der Wiege an herzlosen Krieg, durchbohrt mit Pfeilen der Mütter Brüste, stößt die Schilde gegen den Schoß der Mutter, nur um dieses göttliche Kind, noch ehe es die Welt betreten hat, in das Grab hinabzustoßen. Mag auch der König Herodes aus Liebe zu seiner Herrschaft, aus Furcht vor einem Thronfolger, gezwungen gewesen sein, solches zu tun, warum denn aber Jerusalem? Warum, die Hohenpriester? Warum die Schriftgelehrten? Weil der Gottlose nicht die Geburt eines Gottes will, der Sklave nicht die eines Herrn, der Schuldige nicht die eines Richters, der Rebell nicht die eines Herrschers, der Treulose nicht die eines Untersuchers! Jerusalem hatte sich befleckt durch mannigfache Missetat; die Priester hatten das Heiligtum geschändet und, indem sie Handel trieben mit Sünden, die Macht der Verzeihung und der Liebe, die ihnen gegeben war, benützt zu schimpflichem Gewinn. Die Schriftgelehrten hatten die Lehre des Himmels, die heil bringende Wissenschaft, den Lehrstuhl des Lebens umgewandelt in grausame Denkart, zur Schlinge des Unglaubens, zum Geschwätz des Todes. Darum wollen sie nicht, dass Christus geboren werden sollte; darum, fürchten sie sein Leben, weil sie erkannt hatten, dass sie dann bald der Schande preis gegeben, dem Schimpf überliefert, aus dem Tempel vertrieben, des Priestertums entkleidet, der Einnahmen aus den Opfern beraubt werden müßten. Denn nachdem sie einmal von ihrer Leidenschaft entflammt, von ihrem Hochmut ergriffen, von ihren Lastern verwundet, von ihrer Eitelkeit berauscht, durch ihre Schwelgerei entkräftet waren, konnten sie nicht mehr auf Vergebung hoffen, weil sie an ihre Besserung nicht mehr glauben konnten.

Wenn ein guter Verwalter durch unausgesetzte Arbeit reiche Früchte zusammengeschafft hat, wünscht er, dass sein Herr komme, seinen Gewinn zu betrachten; ja er sehnt sich darnach zu seiner eigenen Freude. Wenn der fleißige Arbeiter das Werk der unternommenen Aufgabe vollendet hat, wünscht er, dass der Hausvater komme, damit er seinen Lohn empfange. Der treuergebene Soldat ersehnt nach dem Kampfe, nach dem Siege die Gegenwart seines Königs, damit er ihm lohne die Mühen und Wunden mit dem Lohne des Lorbeers. So wünscht auch der, welcher mit besiegter Kraft die Kämpfe dieser Welt zu Boden geschlagen hat, dass auch Christus komme zu seinem Siege; derjenige aber, der durch die Lockungen der Welt überwunden wegen der Strafe bangt, keine Verzeihung erhofft, wünscht nicht, dass er komme. Brüder! Laßt uns [darum] das Gute tun, das Böse meiden; laßt uns die Laster fliehen, den Tugenden folgen; laßt uns losreißen von der Gegenwart und nur die Zukunft bedenken; laßt uns streben nach unserem Reich, laßt uns trachten nach unserem Siege, laßt uns verlangen nach der Herrlichkeit, mit ganzer Seele eilen zur Krone! Doch nun wollen wir in unserer Rede wieder zurückkehren zu dem, was noch folgt.

"Dann", heißt es, "berief Herodes heimlich die Weisen, fragte sie genau nach der Zeit des Sterns, der ihnen erschienen war, schickte sie nach Bethlehem und sprach: Gehet und forschet fleißig nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, berichtet es mir, damit auch ich komme und es anbete."2 Heimlich beruft er die Weisen, weil ein trügerischer Sinn, ein heuchlerisches Gewissen die Öffentlichkeit scheut. Heimlich beruft er die Weisen, weil der Dieb die Nächte liebt, weil der Räuber seine Nachstellungen im verborgenen bereitet. "Genau fragte er nach der Zeit des Sterns." Doch, wenn er auch fürchtet für sein Reich, das Zeichen des Himmels fürchtet er nicht, den Urheber der Zeit fürchtet er nicht. Was er schrickst du, Herodes? Bangst du vielleicht wegen eines Thronfolgers?3 Dem die Gestirne dienen, der wird nicht durch ein irdisches Reich eingeschlossen. "Gehet und forschet fleißig nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, berichtet es auch mir!" Herodes! du irrst: Der Magier hat den Befehl erhalten, anzubeten, nicht anzuklagen4 ; er ist gekommen, um Zeugnis abzulegen, nicht um zu verraten; ihm ward es verliehen, zu sehen, dir ist es nicht gegeben, zu finden. "Gehet und forschet."

Als hätte es nicht genügt, dass die Weisen einmal fragten! Als die voll Liebe fragten, erhielten sie eine lieblose Antwort; die Nachricht von dem Heile wurde jenen, die sie mit bösem Herzen aufnahmen, zum Falle. Der boshafte Sklave vernimmt, dass sein Herr geboren worden sei, aber legt dem Herrn schon in die Wiege Fallstricke statt der Ehrenbezeugungen; er bereitet ihm den Tod, um der Knechtschaft zu entgehen! Doch weil Gott weder aufhören noch das Heil untergehen noch das Leben getötet werden kann, bleibt der Herr in seiner Ehre, der Sklave in seiner Schande; und zur Strafe wird hiabgezogen derjenige, der es verschmähte, zum Dienste zu kommen; und dem Tode wird überliefert, der nicht kommen wollte zur Gnade. "Gehet und forschet fleißig nach dem Kinde, und wenn ihr es gefunden habt, berichtet es mir!" Mit Recht heißt es: renuntiate mihi!5 ; denn immer widersagt der dem Teufel, der zu Christus zu kommen sich beeilt; wenn der, der Christ werden will, von dem Priester [die Worte] hört:"Widersagst du dem Teufel?" so antwortet er: "Ich widersage." Ganz mit Recht also sagt Herodes, dass die Weisen ihm widersagen sollten; denn er wußte, dass er des Teufels Platz einnehme, des Satans Rolle spiele. "Damit auch ich komme und anbete." Er will lügen, kann es aber nicht; hinkommen wird er, damit er sich winde unter der Folter, unterworfen werde der Strafe, überantwortet werde der Qual, er, der vorgab, anbeten zu wollen, um ihn zu töten. Die Weisen aber gelangten, nachdem sie den Wolken der jüdischen Treulosigkeit entronnen sind und unter dem heiteren Himmel6 des christlichen Glaubens den Stern, den sie früher gesehen hatten, wieder leuchten sahen, unter seinem Voranleuchten und seiner Führung hin zu der hochheiligen Geburtsstätte des Herrn.

"Und sie öffneten ihre Schätze und opferten ihm Geschenke: Gold, Weih rauch und Myrrhe."7 . Gold dem Könige, Weihrauch dem Gotte, Myrrhe dem sterblichen Menschen; dem Herrn opferten sie dies zur Verehrung und allen denen, die später glauben werden, als die größten Schätze der Erkenntnis. So kehren sie in ihre Heimat wieder zurück auf dem Wege der Unschuld, sie, die die [Schleich]wege des betrügerischen Herodes zerstört hatten.

1: Mt 2,3f.
2: Mt 2,7f.
3: Fürchte dich nicht!
4: adorare, non deferre
5: d. i. widersaget mir!
6: Migne hat infolge eines Druckfeh lers sermo statt sereno
7: Mt 2,11

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger