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Petrus Chrysologus († 450) - Ausgewählte Predigten
I. Vorträge über das Matthäus-Evangelium

Achtzehnter Vortrag: Über die Stelle: "Ihr aber, wenn ihr fastet, seid nicht betrübt wie die Heuchler; denn sie entstellen ihr Gesicht, damit ihr Fasten von den Leuten gesehen werde." Mt 6,16

Wenn der kluge Steuermann sein Schiff vom Gestade löst, wenn er, um auf Meer hinauszufahren, in See geht, legt er ab die Sorgen um Haus und Heimat, um Gattin und Kind; mit seinem Geiste, seinem Körper, seinem Sinn weiht er sich ganz den Mühen der Schifffahrt, damit er die Gefahren des wogenden Meeres überwinden und als glücklicher Überwinder der Gefahr den gewinnbringenden Hafen erreiche. So laßt auch uns, Brüder, die wir den Pfad der Abtötung, das Meer des Fastens, den Weg der vierzig Tage beschritten haben, das Schifflein unseres Lebens lösen von dem Gestade der Welt! Laßt uns entsagen den Sorgen der irdischen Heimat, laßt uns am Kreuzesbaume die vollen Segeln des Geistes ausspannen, laßt uns die Ausfahrt unseres Schiffleins stärken mit dem Tau der Tugenden, mit dem Ruder der Weisheit, mit dem Steuer der Zucht! Wenn wir so der Erde entrückt sind, laßt uns hinaufschauen zum Himmel, damit wir unter der Führung der Zeichen des Himmels mitten hin durch durch die schlüpfrigen Hohlpfade einer verborgenen Reise ungehindert unseren Weg nehmen können und so unter der Leitung Christi, unter dem Wehen des Hl. Geistes überwinden die hochsaufsteigende Gischt der Sinneslust, besiegen die Flut der Sünden, überstehen die Stürme der Leidenschaften, umschiffen die Klippen der Verbrechen! Und dann wollen wir, wenn wir so allem Schiffbruch der Sünden entgangen sind, in den Hafen des Osterfestes, des Festes des wiedergewonnenen Lebens, der freudevollen Auferstehung einlaufen. Da wir aber durch leere Felder, über trügerische Abgründe hin, durch unsichere Einöden unseren Weg nehmen werden, so müssen wir mit uns nehmen hinlänglichen Vorrat an Speise und Trank. Laßt uns daher überreiche Barmherzigkeit mitnehmen als Lebensnahrung!

Brüder! Das Fasten hungert, das Fasten dürstet, wenn es nicht genährt wird durch die Speise der Liebe, wenn es nicht benetzt wird durch den Trank der Barmherzigkeit. Es leidet an Frost, es schwindet dahin das Fasten, das nicht deckt der Mantel des Almosens, das nicht umhüllt das Gewand der Barmherzigkeit. Brüder! Was für die Erde der Frühling ist, das ist, wie wir wissen, die Barmherzigkeit für das Fasten. Wie des Frühlings Winde alle Saat des Feldes zum Blühen bringen, so bringt auch die Barmherzigkeit allen Samen des Fastens zur Blüte und läßt die volle Kraft des Fastens Frucht bringen für den Erntetag im Himmel. Was für die Lampe das Öl ist, das ist die Liebe für das Fasten. Wie die Fülle des Öls das Licht der Lampe entzündet und es mäßig nährend leuchten läßt mit tröstlichem Schein durch die ganze Nacht, so läßt auch die Liebe das Fasten erglänzen und es erstrahlen zur vollen Herrlichkeit der Enthaltsamkeit. Was die Sonne für den Tag, das ist, wir wissen es, das Almosen für das Fasten. Wie der Glanz der Sonne den Tag noch herrlicher macht und den dunklen Nebelschleier verscheucht, so heiligt das Almosen die Heiligkeit des Fastens und verscheucht die tiefe Nacht der Begierlichkeit mit dem Lichte der Liebe. Und um anderes zu übergehen: Was die Seele für den Körper, das ist die Freigebigkeit für das Fasten. Denn wie der Körper tot ist, wenn die Seele aus ihm scheidet, so bedeutet das Fehlen der Freigebigkeit den Tod für das Fasten. Das Fasten ist der Tod für die Sünde, aber das Leben für die Tugend. Das Fasten ist die Freude für den Körper, die Zierde der Glieder, der Schmuck des Lebens. Es ist die Kraft des Geistes, die Stärke der Seelen. Es ist die Schutzmauer der Keuschheit, das Bollwerk der Reinheit, die Burg der Heiligkeit. Das Fasten ist die Schule der Tugenden, die Lehrerin aller Wissenschaft, die Zucht aller Zucht. Das Fasten ist das Heilmittel auf dem Lebenswege des Christen, der unbesiegte Fürst des christlichen Kriegsdienstes. Aber in all diesen Tugenden ist das Fasten nur dann stark, nur dann siegreich und triumphierend, wenn es kämpft unter der Führung der Barmherzigkeit. Denn Barmherzigkeit und Güte sind die Flügel des Fastens; durch sie erhebt es sich und flieht zum Himmel, ohne sie liegt und wälzt es sich auf der Erde. Fasten ohne Barmherzigkeit ist gleich einem Hungerbilde, aber kein Bild der Heiligkeit. Ohne die Güte ist das Fasten nur eine Gelegenheit zur Habsucht, aber nicht ein Vorsatz der Sparsamkeit.

Denn eine solche Sparsamkeit läßt den Leib eintrocknen, aber anschwellen den Geldsack. Fasten ohne Barmherzigkeit ist keine Wahrheit, sondern nur ein Trugbild. Aber wo Barmherzigkeit, da auch Wahrheit, wie der Prophet beweist, der da spricht:"Barmherzigkeit und Wahrheit kamen sich entgegen"1 . Fasten ohne Barmherzigkeit ist keine Tugend, sondern Heuchelei, wie der Herr sagt: "Ihr aber, wenn ihr fastet, seid nicht betrübt wie die Heuchler; denn sie entstellen ihr Gesicht, damit ihr Fasten von den Leuten gesehen wird". Wer für den Armen nicht fastet, der belügt Gott; wer zwar fastet, sein Mahl aber nicht mit anderen teilt, sondern es für sich bewahrt, der fastet offenbar nicht für Christus, sondern nur für seine Begierlichkeit. Wenn wir also fasten, Brüder, so wollen wir unser Mahl hingeben in die Hände des Armen, damit uns die Hand des Armen bewahre, was unser Bauch uns sicher verschlungen hätte! Die Hand des Armen ist der Schoß Abrahams; denn dort legt der Arme sogleich nieder, was er empfangen hat. Die Hand des Armen ist die Schatzkammer des Himmels, weil er das, was er empfangen, im Himmel niederlegt, damit es nicht auf Erden zugrunde gehe. "Sammelt euch Schätze im Himmel"2 heißt es. Die Hand des Armen ist die Schatzkammer3 Christi; denn was immer der Arme empfängt, das empfängt Christus. Gib also, Mensch, dem Armen die Erde, damit du empfängst den Himmel! Gib ihm einen Pfennig, damit du den Himmel erlangst; gib ihm ein Krümchen Brot, damit du das Ganze erhältst" Gib dem Armen, damit du dir gibst, denn was immer du dem Armen gibst, wirst du haben; was du aber dem Armen entziehst, wird ein anderer besitzen.

Es ruft der Herr: "Ich will Barmherzigkeit!"4 . Wer dem Herrn versagt, was der Herr will, will auch, dass Gott ihm verweigere. was er wünscht. "Ich will Barmherzigkeit!" Mensch! Gott fordert es von dir, aber nicht für sich, sondern für dich. "Ich will Barmherzigkeit!" Menschliche Barmherzigkeit fordert er von dir, um dir göttliche zu gewähren. Ja, im Himmel ist Barmherzigkeit, aber zu ihr gelangst du nur durch Barmherzig keit, die du auf Erden geübt. Es heißt ja: "Herr, im Himmel ist deine Barmherzigkeit!"5 . Weil du einmal Rechenschaft ablegen wirst vor dem Richterstuhle Gottes, so erwirb dir als Anwalt die Barmherzigkeit; durch sie kannst du die Freiheit erwirken. Und wer auf die Fürsprache dieses Anwalts Barmherzigkeit vertrauen kann, mag sicher sein der Vergebung, nicht zweifeln an der Versöhnung. Denn die Barmherzigkeit eilt nicht nur dem Richterspruch vorauf, nimmt nicht nur vorher den Richter gefangen, sondern ruft auch sogar den Urteilsspruch zurück, spricht frei die Verurteilten. Das beweisen die Niniviten6 ; dem Urteilsspruch schon verfallen, der Strafe schon überliefert, schon überantwortet dem Opfertode, dem Untergang schon geweiht, reißt sie ihre Barmherzigkeit doch wieder los, schützt sie und hemmt die Vollstreckung so, dass Gott lieber den Urteilsspruch zurück ziehen7 will, damit er der Barmherzigkeit nichts versage. Als Anwalt stand ihnen eben damals zwar zur Seite das Fasten: es benetzte ihre Asche, legte sich um ihren Bußgürtel, entlockte ihnen Seufzer, ließ hervorbrechen ihre Tränen. Und was es nicht durch Worte wieder gut machen konnte, milderte es durch Trauer. Aber den [einmal gefällten] Urteilsspruch konnte doch nichts anderes umstürzen als die siegreich bittende Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit erlöst die Sünder und macht sie wieder zu Heiligen. Und hätte dem ehebrecherischen David8 nicht die Barmherzigkeit zur Seite gestanden, so hätte er auch sein Prophetenamt verloren, und der verleugnende Petrus wäre verlustig gegangen des Vorganges in der Ordnung der Apostel, und der Gotteslästerer Paulus wäre ein Verfolger geblieben. Dies bekennt ja auch Paulus selbst, wenn er sagt: "Da ich vorher ein Lästerer, Verfolger und Bedrücker war; aber ich habe Erbarmen gefunden"9 .

Brüder! Laßt uns durch Barmherzigkeit gegen die Armen Erbarmen für uns verdienen, damit wir von der Strafe frei und unseres Heiles sicher seien! Es heißt ja: "Selit die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen"10 . Vergeblich hofft der auf Barmherzigkeit, der nicht Barmherzigkeit geübt hat. Wer Barmherzigkeit übt, eilt der Siegeskrone entgegen, wer sie aber nicht übt, der Strafe.

1: Ps 84,11
2: Mt 6,20
3: Gazophylacium
4: Osee 6,6
5: Ps 35,6
6: Jon 3
7: ich lese mit Januel reduci statt deduci
8: 2Kön 11. u. 12
9: 1 Tim 1,13
10: Mt 5,7

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger