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Tertullian († um 220) - Über die Verschleierung der Jungfrauen. (De virginibus velandis)

7. Cap. Dass Paulus jenes Wort so genommen habe, beweisen auch die in der betreffenden Stelle von ihm hervorgehobenen Motive.

Wir wenden uns nun zu den Motiven selbst, um derentwillen der Apostel die Notwendigkeit der Verschleierung des Weibes lehrt, um zu sehen, ob sie auch auf die Jungfrauen passen. Die gemeinschaftliche Anwendung derselben Benennung auf Jungfrauen und Nichtjungfrauen würde eine weitere Bestätigung erhalten, wenn es sich findet, dass auf beiden Seiten dieselben Ursachen zum Verschleiern vorhanden sind. Wenn der Mann das Haupt des Weibes ist, dann ist er offenbar auch das Haupt der Jungfrau, welche ja zum verehelichten Weibe wird; oder es müsste sein, dass die Jungfrauen eine dritte Art Wesen wären, und zwar eine ungeheuerliche, mit einem besondern Haupte. Wenn es für das Weib schimpflich ist, sich kahl zu scheren oder rasieren zu lassen, dann sicher auch für die Jungfrau. Wenn mithin die Welt, diese Feindin Gottes, lügenhaft vorgibt, solch kurz geschnittenes Haar, wie es dem Knaben erlaubt ist, gereiche der Jungfrau zur Zierde, so ist das ihre Sache. Also, wem es nicht ansteht, sich zu rasieren oder zu scheren, dem steht es umgekehrt in gleicher Weise an, bedeckt zu sein. Wenn das Weib der Stolz des Mannes ist,1 um wie viel mehr noch die Jungfrau, die ihr eigener Stolz ist. Wenn das Weib aus dem Manne und wegen des Mannes erschaffen ist,2 so war jene bewusste Rippe Adams zuerst eine Jungfrau. Wenn das Weib eine Macht über seinem Haupte haben muss,3 dann noch umsomehr die Jungfrau, auf welche sich das bezieht, was schuld daran ist. Wenn es nämlich wegen der Engel geschieht, versteht sich wegen derjenigen, die, wie wir lesen, aus Begierde nach Weibern von Gott und vom Himmel abgefallen sind, wer könnte sich dann einbilden, dass diese Engel nach bereits befleckten Leibern Begierde gehabt hätten, und nach dem, was die Wollust der Menschen übrig gelassen? Sie müssen im Gegenteil für Jungfrauen entbrannt sein, deren jugendliche Blüte auch [S. 365] der Begierlichkeit der Menschen als Entschuldigung dienen muss. Auch die hl. Schrift deutet dies an: „Und es geschah,” heisst es, „als die Menschen anfingen zahlreich zu werden auf der Erde und ihnen Töchter geboren wurden, die Söhne Gottes aber auf die Töchter der Menschen blickten und sahen, dass sie schön waren, so nahmen sie sich Weiber aus allen, welche sie wollten.”4 Hier bedeutet das griechische Wort „Weib” Eheweib, weil vom Heiraten die Rede ist. Da es also heisst: „Töchter der Menschen”, so sind offenbar Jungfrauen damit bezeichnet, die noch ihren Eltern zugezählt werden — denn die Verheirateten werden nach ihren Ehemännern genannt — während es hätte heissen können: „Die Eheweiber der Menschen”. In gleicher Weise werden dort die Engel nicht Ehebrecher, sondern Ehemänner genannt, weil sie ledige Töchter der Menschen nahmen, die eben als „geborene” bezeichnet wurden, womit ebenfalls ihr jungfräulicher Stand angedeutet ist. Oben waren sie Geborene, hier sind sie den Engeln Vermählte. Anders kenne ich sie nicht, nur als Geborene und darnach Vermählte. Verdeckt also muss ein Antlitz werden, welches so gefährlich ist, dass es sein Ärgernis bis zum Himmel hinauf zu schleudern vermochte; und, wenn es vor Gott erscheint, vor dem es des Falles der Engel schuldig ist, muss es sich auch vor den übrigen Engeln schämen, die einst von so übeln Folgen begleitete Ungebundenheit seines Hauptes einschränken und es auch den Blicken der Menschen nicht einmal mehr darbieten. Aber gesetzt, die Engel hätten nach bereits befleckten Frauen Begierde gehabt, dann hätten die Jungfrauen noch umsomehr wegen der Engel verschleiert werden müssen, weil die Engel um Jungfrauen halber noch leichter hätten sündigen können. Wenn aber der Apostel als einen Fingerzeig der Natur hinzufügt, dass das Überwallen des Haares „eine Auszeichnung des Weibes sei, weil ihr das Haar zur Bedeckung diene”,5 so ist dasselbe gewiss im höchsten Masse eine Auszeichnung der Jungfrau. Es ist recht eigentlich ihr Schmuck in der Weise, dass es, auf dem Scheitel angesammelt, den Gipfel des Hauptes mit einem Kranze bedeckt.

1: 1. Kor. 11, 7.
2: Ebend.[1. Kor. 11] Vers 8 u. 9.
3: Ebend. [1. Kor. 11] Vers 10.
4: 1. Mos. 6, 1.
5: Ebend. [1. Kor. 11] Vers 15.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger