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Tertullian († um 220) - Über die Verschleierung der Jungfrauen. (De virginibus velandis)

5. Cap. Fortsetzung. So sei auch der Sprachgebrauch der Genesis.

Allein da man den Ausdruck Frauensperson so nimmt, als passe er nur allein und ausdrücklich auf die, welche mit einem Manne zu thun gehabt hat, so muss von uns der Beweis erbracht werden, dass die eigentliche Bedeutung dieses Wortes auf das Geschlecht an sich, nicht auf eine Stufe dieses Geschlechtes geht, zu welchem allgemein auch die Jungfrauen gerechnet werden. Als dieses zweite menschliche Geschlecht von Gott zum Beistande des Mannes geschaffen wurde, erhielt das weibliche Wesen sofort den Namen Frauensperson, noch im Stande des Glückes, der Würdigkeit fürs Paradies und der Jungfräulichkeit. „Sie wird Weib genannt werden”, heisst es.1 Das ist also der Name, der der Jungfrau, ich sage schon nicht mehr, gemeinsam mit andern, sondern ihr eigentümlich angehörig ist und den sie als Jungfrau vom Anfang an bekommen hat.

Gar nicht übel wollen einige es auf die Zukunft beziehen, wenn es heisst: „Sie wird Weib genannt werden”, als wenn sie das erst hätte werden sollen, sobald das Siegel ihrer Jungfrauschaft gelöst sein würde, da hinzugefügt ist: „Deswegen wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen, und sie werden zwei sein in einem Fleische”! Diese müssten zuerst zeigen, wo hier die Feinheit stecke, und welche Benennung sie, wenn sie erst für die Zukunft Weib genannt worden ist, bis dahin geführt hat. Denn sie kann doch nicht ohne eine, ihre gegenwärtige Eigenschaft ausdrückende Bezeichnung geblieben sein. Was soll es aber heissen, dass sie, die in der Zukunft mit dem ihr bestimmten Namen benannt werden soll, gegenwärtig gar keinen Namen führt?! Allen lebenden Wesen gab Adam Namen, keinem einzigen aber auf Grund seiner zukünftigen Beschaffenheit, sondern nach ihrer augenblicklichen Einrichtung, der eine jede Art diente; sie wurde nach dem benannt, was sie von Anfang an wollte. Wie wurde sie also damals genannt? So oft sie in der hl. Schrift genannt wird, bekommt sie den Namen Weib, noch bevor sie heiratete, niemals den Namen Jungfrau, da sie doch Jungfrau war. Diese Benennung war damals ihre einzige, auch darum, weil der Ausspruch gar nicht in prophetischer Weise gethan wurde. Denn wenn die Schrift berichtet, dass sie beide, Adam und sein Weib, nackt gewesen seien, so geht auch das nicht auf die Zukunft, als wäre sie Weib genannt worden in Vorhersagung ihrer Eigenschaft als Gattin, sondern weil sie, obwohl auch unverehelicht, doch sein Weib war, weil von seiner Substanz entnommen. „Dies ist”, [S. 362] sagt er, „Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch und wird Weib genannt werden.”

Auf Grund dessen also hat unter stillschweigendem Mitwissen der Natur das, was in der Seele göttlich ist, selber manche andere Ausdrucksweisen hervorgerufen, welche, wie wir anderweitig werden zeigen können,2 ohne dass die Menschen eine Ahnung davon haben, gewöhnlich durch die hl. Schrift veranlasst sind, und auch den Sprachgebrauch hervorgebracht, dass wir unsere Gattinnen Frauenzimmer oder Weiber nennen, obwohl wir uns bei manchen Dingen auch uneigentlich ausdrücken. Auch die Griechen brauchen das Wort Weib von den Ehefrauen, obwohl sie andere, eigentliche Bezeichnungen für letztere besitzen. Ich ziehe es vor, diesen Sprachgebrauch auf das Zeugnis der hl. Schrift zurückzuführen. Denn als die zwei zu einem Fleische werden durch die eheliche Verbindung, da wird „das Fleisch vom Fleische und das Gebein vom Gebein”, seinem Ursprunge entsprechend Weib3 dessen genannt, aus dessen Substanz es sein Dasein genommen hat, obwohl sie nun seine Gattin geworden. Darum ist „Weib” nicht von Natur aus die Bezeichnung für eine Ehefrau, sondern Ehefrau ist unter besonderem Verhältnis die Benennung eines Weibes. Daher kann auch eine, die keine Gattin ist, Weib genannt werden; was aber nicht Weib ist, kann auch nicht Gattin genannt werden, weil es das nicht sein kann.4

Nachdem also die Bezeichnung für das neu geschaffene weibliche Wesen, nämlich „Weib”, festgestellt und was sie früher war, angegeben ist, nämlich durch den angewiesenen Namen, geht Gott zur prophetischen Weise über und sagt: „Um ihretwillen wird der Mensch Vater und Mutter verlassen.” Folglich ist ihre Benennung von der Vorherverkündigung gesondert, so gut wie auch von der Person selber, und er sagt dies nicht von der Person der Eva selber aus, sondern mit Bezug auf die späteren Frauenspersonen, denen er in der Stammmutter des weiblichen Geschlechts ihre Bezeichnung gegeben hat. Wenn das nicht wäre, wie hätte dann Adam Vater und Mutter, die er nicht hatte, verlassen sollen wegen der Eva? Der prophetische Teil des Ausspruchs also bezieht sich nicht auf Eva, weil auch nicht auf Adam. Denn es ist darin von der Stellung der Verehelichten die Rede, welche um des Weibes willen Vater und Mutter verlassen sollten, was weder bei Eva zutreffen konnte noch bei Adam. Wenn dem nun so ist, so leuchtet ein, dass sie nicht wegen der Zukunft „Weib” genannt worden ist, da diese Zukunft nicht auf sie passte. Dazu kommt, dass Adam selbst den Grund dieser „Bezeichnung” angibt. Da er gesagt hatte: „Sie wird Weib genannt werden”, fügte er noch [S. 363] hinzu: „Weil sie von ihrem Manne genommen ist”, der auch selber noch jungfräulich war. Über den Namen „Mann” jedoch wollen wir betreffenden Orts reden. Daher gebe niemand dem Namen eine prophetische Deutung; denn er ist von einer anderen Bezeichnung abgeleitet, zumal da es klar ist, wo Eva den auf die Zukunft bezüglichen Namen erhalten hat, dort nämlich, wo sie Eva genannt wird. Dies ist nur noch ein Personenname, da sie ihre Naturbezeichnung bereits hat. Denn wenn Eva Mutter des Lebendigen bedeutet, siehe da, so wird sie mit Rücksicht auf die Zukunft so genannt; da wird prophezeit, dass sie Gattin ist, nicht Jungfrau. Das wäre die Ehestandsbezeichnung, weil aus der Verehelichten eine Mutter wird. Und so geht auch daraus klar hervor, dass sie damals nicht mit Rücksicht auf die Zukunft „Weib” genannt worden ist, da sie erst später den auf ihre künftige Stellung bezüglichen Namen erhalten sollte. Auf diesen Punkt ist nun zur Genüge geantwortet.

1: Gen. 2, 23.
2: In dem Büchlein de testimonio animae.
3: Gen. 2, 22 [lies: Gen. 2, 23].
4: Latinius’ Emendation scheint hier das richtige zu enthalten. Er tilgt non und setzt et für sed.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger