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Tertullian († um 220) - Über die Verschleierung der Jungfrauen. (De virginibus velandis)

3. Cap. Die Opposition gegen diese Sitte geht nur von verweltlichten Jungfrauen aus und thut ebenso der Sittsamkeit Abbruch, als sie auf unrichtigen Begriffen beruht.

Aber wollten denn die „hochwürdigsten Amtsvorgänger” auch nicht einmal, dass man unter den Gewohnheiten Umschau halte? Doch man verhielt sich bei uns bis auf die jüngste Zeit in duldsamerer Weise hinsichtlich beider Gewohnheiten gleich. Es war dem Gutdünken überlassen, sich, wie es jede wollte, entweder zu verschleiern oder preiszugeben, wie auch zu heiraten, was ja auch weder geboten noch verboten ist. Die richtige Ansicht begnügte sich damit, mit dem Herkommen zu unterhandeln, um stillschweigend wenigstens teilweise ihres Daseins zu geniessen unter dem Namen Herkommen. Allein weil die Erkenntnis angefangen hatte, zuzunehmen, und es sich infolge der Erlaubtheit beider Sitten zu erkennen gab, welches der bessere Teil sei, so begann sofort der Feind alles Guten, besonders der guten Einrichtungen, sein Werk. Die Jungfrauen der Menschen im Gegensatz zu den Jungfrauen Gottes gehen umher mit ganz unbedecktem Antlitz, zu verwegener Frechheit aufgestachelt und erschienen als Jungfrauen, sie, die sich wohl eine Bitte an die Männer erlauben können, geschweige denn etwas derartiges, dass ihnen ihre Gegnerinnen, die um so grössere Freiheit geniessen, weil sie allein Christi Dienerinnen sind, ausgeliefert werden. „Wir ärgern uns daran,” sagen sie, „dass die einen so, die anderen so gehen”, und sie wollen lieber Ärgernis leiden als eine Anspornung. Ärgern aber ist, wenn ich mich nicht sehr irre, nicht ein Beweis für die Güte, sondern für die Schlechtigkeit einer Sache, und es erbaut zur Sünde. Gute Thaten gereichen niemandem zum Ärgernis, höchstens einem bösen Gemüte. Wenn Sittsamkeit, Ehrbarkeit, Abscheu vor Ruhmsucht und das Bestreben, Gott allein zu gefallen, etwas gutes ist, dann sollten ihren eigenen schlechten Zustand diejenigen erkennen, welche sich an etwas so gutem ärgern. Denn wie? Falls die Unenthaltsamen vorgeben, an den Enthaltsamen Ärgernis zu nehmen, ist dann die Enthaltsamkeit abzuschaffen? Ist etwa die Monogamie zu verwerfen, damit die mehrmals Verheirateten sich nicht daran ärgern? Warum sollten sich nicht umgekehrt vielmehr jene darüber beklagen, dass ihnen die Ausgelassenheit und Frechheit einer bloss ostensibeln Jungfräulichkeit zum Ärgernis gereiche? Also [S. 359] wegen solcher feilen Personen sollen sich die heiligen Jungfrauen in die Kirche zerren lassen, errötend darüber, dass sie so allen kenntlich in der Mitte stehen, erschrocken, dass sie entschleiert sind, herbeigeschleppt gleichwie zur Entehrung?! Dem kommt es nämlich gleich, und das wollen sie doch nicht dulden. Jede Zurschaustellung einer wahren Jungfrau ist eine Entehrung derselben, und doch ist das Erleiden einer fleischlichen Gewaltthat noch das Geringere, weil sie nur Folge einer natürlichen Verrichtung ist. Da in der Jungfrau der Geist selbst durch Wegnahme des Schleiers verletzt wird, so hat sie gelernt, verlieren, was sie hütete. O über die gottesräuberischen Hände, welche eine gottgeweihte Tracht beseitigen konnten! Was hätte ein Verfolger schlimmeres thun können, falls er nämlich wusste, dass die Jungfrau sich den Schleier erwählt hatte. Du hast das Mädchen am Haupte entblösst, und schon hat sie ganz aufgehört, Jungfrau zu sein; sie ist eine andere geworden. Erhebe dich also, o Wahrheit, erhebe dich und brich los, sozusagen, aus den Fesseln deiner Geduld! Ich wünschte, dass du gar keine Gewohnheit mehr in Schutz nehmest. Denn schon wird auch die, unter deren Schutz du dich des Daseins erfreutest, bekämpft. Zeige, dass du es bist, die die Jungfrau verhüllt. Erkläre selber deine eigenen Schriften, welche von dem Herkommen ignoriert werden. Denn wenn dasselbe sie verstände, so würde es gar nicht existieren.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger