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Tertullian († um 220) - Über die Verschleierung der Jungfrauen. (De virginibus velandis)

17. Cap. Auch die Frauen mögen der Gewohnheit, sich in der Kirche zu verschleiern, getreu bleiben und sie genau befolgen. Schluss.

Aber auch an Euch, Ihr Weiber, denen eine Schamhaftigkeit anderer Art Pflicht ist, die Ihr in eine Ehe getreten seid, richten wir unsere Ermahnung, dass auch Ihr die gute Sitte des Verschleierns nicht [S. 375] in Abgang kommen lasset, auch nicht einmal für die kurze Zeit einer Stunde, und dass Ihr nicht, da Ihr den Schleier nicht gänzlich ablegen könnt, ihn auch nicht auf eine andere Weise beseitigt, indem Ihr weder bedeckten, noch blossen Kopfes einhergeht. Einige nämlich bedienen sich der Baschlicks und wollener Binden und verschleiern nicht sowohl ihr Haupt, als dass sie es umwickeln, ihre Stirn ist dann wohl bedeckt, aber das eigentliche Haupt nicht. Andere, vermutlich um den Kopf nicht zu drücken, bedecken sich mit kleinen Leintüchern, die nicht einmal bis zu den Ohren reichen, den Oberkopf. Es thut mir leid, wenn ihr Gehör so schwach ist, dass sie durch eine Umhüllung hindurch nicht hören können. Sie sollten wissen, dass ihr ganzer Kopf ein Weiberkopf ist, seine Grenzen und Enden erstrecken sich bis dahin, wo das Kleid anfängt. So weit als sich das aufgelöste Haar erstreckt, so weit geht das Gebiet des Schleiers, so dass auch der Nacken umhüllt wird. Denn dieser ist es, der unterwürfig sein soll, um dessentwillen das Weib auch eine Gewalt über seinem Haupte haben muss.1 Der Schleier ist also das Joch für ihn. Es werden Euch die heidnischen Frauen Arabiens beschämen, welche nicht bloss ihr Haupt, sondern auch das ganze Gesicht derart verhüllen, dass es ihnen genügt, wenn sie ein einziges Auge frei haben und die lieber das Licht nur halb geniessen, als ihr ganzes Antlitz prostituieren. Die Frau will lieber sehen, als gesehen werden. Eine römische Königin nennt sie darum höchst unglückliche Wesen, weil sie Liebe zu empfinden, aber nicht Liebe einzuflössen imstande seien,2 obwohl sie gerade glücklich sind wegen ihrer Freiheit von dem andern und zwar häufigeren Übel, da Frauen eher geliebt werden als lieben können. Die Sittsamkeit, welche die heidnische Sittenzucht verlangt, ist unverfälschter und sozusagen naturwüchsiger.

Uns hat der Herr auch das Mass der Ausdehnung des Schleiers durch Offenbarungen angegeben. Denn einer von unsern Mitschwestern hat im Traumgesicht ein Engel auf den Nacken geschlagen, als wenn er Gefallen daran hätte, und gesagt: „Ein zierlicher Nacken und mit Fug und Recht unbedeckt! Du thätest gut, dich nun vom Kopfe bis auf die Lenden zu enthüllen, damit dir ja diese Freiheit des Nackens Vorteil bringe.”3 Und was du einer sagst, wirst du sicher allen sagen. Welch' grosse Züchtigung aber werden diejenigen verdienen,4 die auch beim Psalmengesang und jeder Erwähnung Gottes unbedeckt bleiben! Etwa nicht auch mit Recht? Bei dem eigentlichen Gebete legen sie sich gern einen Zipfel des Gewandes, [S. 376] ein Läppchen oder ein Fädchen um das Haupt und bilden sich dann ein, sie seien verschleiert?! Sie taxieren ihr Köpfchen nicht grösser. Noch andere, deren flache Hand freilich grösser ist als jedes Zipfelchen und Fädchen, verfahren mit ihrem Haupte ebenso verkehrt wie ein gewisses Tier, das, obwohl gefiedert, eigentlich doch kein Vogel ist, das einen kleinen Kopf und einen langen Hals hat und im übrigen hochbeinig einhergeht. Von diesem sagt man, dass es, wenn es sich verbergen muss, bloss den Kopf, allerdings den ganzen, in ein Dickicht stecke, den übrigen Körper aber unbedeckt lasse. Während so sein Kopf in Sicherheit, der grössere Teil aber unbedeckt ist, wird das ganze Tier gefangen mitsamt seinem Kopfe. So wird es auch diesen Personen gehen, die weniger verhüllt sind, als gut ist.

Man muss also jederzeit und überall wandeln im Hinblick auf das Gesetz, bereit und empfänglich sein für jedes Andenken an Gott. Wenn dieser im Herzen der Frauen wohnt, so muss es auch an ihrem Haupte zu erkennen sein. Denen, die dieses in gutem Frieden lesen und dem heilsamen Erfolge vor der Gewohnheit den Vorzug geben, möge Friede und Gnade von unserm Herrn Jesus reichlich zu teil werden mit mir, dem Septimius Tertullianus, welcher dieses Werkchen verfasst hat!

1: 1. Kor. 11, 10.
2: In der römischen Fürstin, die hier gemeint ist, wird Valeria Messalina, die Gemahlin des Claudius, vermutet.
3: Dieses Traumgesicht hat einen solchen Anflug von Frivolität, dass man sich wundern muss, dass ein so ernster Mann, wie Tertullian, ihm irgendwie Bedeutsamkeit beilegen konnte.
4: Die Lesart meritone verursacht Schwierigkeiten. Die Konjektur moraturae von Öhler ist nicht übel, aber wohl zu kühn.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger