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Tertullian († um 220) - Über die Verschleierung der Jungfrauen. (De virginibus velandis)

14. Cap. Sie beschönigen dies mit dem Vorwande, auch andere zur Nachfolge anspornen zu wollen. Allein solche von blosser Ehrfurcht und Eifersucht Getriebenen werden dem Stande nur Schande bringen.

Man erzählt, es habe einmal eine, als zuerst diese Frage angeregt wurde, entgegnet: Wie würden wir denn sonst die andern zu diesem Werke aneifern können? Natürlich, es würde ein Glück für uns sein, wenn sich ihre Zahl mehrt, und nicht die Gnade Gottes oder die Verdienste einer jeden! Gereichen die Jungfrauen der Kirche oder die Kirche den Jungfrauen zur Zierde und zur Empfehlung bei Gott? Jene Person hat also damit nur gestanden, dass es sich um die Ehre handele. Wo aber Ehrgeiz ist, da ist Wetteifer; wo Wetteifer, da gezwungenes Wesen; wo gezwungenes Wesen, da Notwendigkeit; wo Notwendigkeit, da Schwäche. Da sie denn also ihr Haupt nicht bedecken und sich anspornen lassen durch den Ehrgeiz, so sehen sie sich dann, wie natürlich, gezwungen, ihren Mutterleib zu verdecken, wenn sie aus Schwäche gefallen sind. Denn ein Produkt der Rivalität sind diese Jungfrauen, nicht der Religiösität. Zuweilen ist sogar der Bauch ihr Gott, weil Jungfrauen bei der Christengemeinde leicht Aufnahme finden. Aber sie kommen nicht bloss zum Fall, sondern schleppen auch eine lange Kette von Fehltritten hinter sich her. Da sie nämlich in den Vordergrund gestellt, durch Schaustellungen ihres Vorzuges stolz gemacht und von den Mitchristen mit jeglicher Ehre und Liebeserweisung überhäuft worden sind, so sinnen sie, da sie, wenn etwas vorgefallen ist, nicht verborgen bleiben können, so viel Schande aus, als sie früher Ehre hatten. Gehört ein unverhülltes Haupt wesentlich zur Jungfrauschaft, so bleibt eine Jungfrau, wenn ihr die Gnade der Jungfräulichkeit abhanden gekommen ist, auch dann noch, um sich nicht zu verraten, unbedeckten Hauptes und geht nun in einer Tracht, die ihr gar nicht mehr zukommt. Solche sind sich ihrer zweifellosen Weibernatur schon sehr gut bewusst, wagen aber doch, blossen Hauptes sich Gott zu nahen. Aber unser Gott und Herr ist ein Eiferer, der gesagt hat: „Nichts ist verborgen, was nicht offenbar wird,”1 und der auch schon manches an [S. 373] den Tag gebracht hat. Denn bekennen werden sie nicht eher, als bis das Geschrei ihrer Kinder sie verrät. Je mehr ihrer aber werden, desto zahlreicherer Vergehungen wird man sie für verdächtig halten. Ich sage es, wenn auch ungern, schwerlich wird das Weib nur einmal das, was sie zu werden sich fürchtet, zumal, wenn sie es bereits geworden, sich vor dem Angesicht Gottes heuchlerisch noch als Jungfrau hinzustellen imstande ist. Wie viele Versuche wird sie an ihrem Mutterleibe wagen, um nicht auch als Mutter entdeckt zu werden! Gott weiss es, wie vielen Kindern er zur völligen Heranbildung und zur Geburt verholfen hat, die ihre Mütter eine zeitlang zu verderben gesucht hatten. Derartige Jungfrauen pflegen leicht zu empfangen und glücklich zu gebären, und zwar Kinder, die ihren Vätern gleichen.

Zu solchen Schandthaten führt eine erzwungene und unfreiwillige Jungfräulichkeit. Schon das Verlangen, nicht verborgen zu bleiben, ist ein Mangel an Schamhaftigkeit. Sie fühlt etwas, was der Jungfrau nicht ansteht, das Streben zu gefallen, und zwar noch dazu bei den Männern. Mag sie mit noch so gutem Willen anfangen; notwendig muss sie durch die Schaustellung ihrer Person in Gefahr kommen, wenn sie von unsicheren und häufigen Blicken getroffen, wenn sie durch die Finger der auf sie Zeigenden in Erregung versetzt, wenn sie zu gern gesehen wird und unter Umarmungen und unablässigen Küssen erglüht. Auf diese Weise wird die Stirn verhärtet; so wird die Sittsamkeit aufgezehrt, so vergeht sie, so lernt sie schon nach einem andern Wohlgefallen verlangen.

1: Matth. 10, 26.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger