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Tertullian († um 220)
Über die Seele.
(De anima)

 1. Cap. Die Philosophen haben vielfach Untersuchungen über das Wesen der Seele angestellt. Doch sind auch auf diesem Gebiete ohne die Offenbarung keine rechten Resultate zu erzielen.

[S. 287] Nachdem ich früher gegen Hermogenes bloss in betreff der Frage nach dem Ursprunge der Seele in die Schranken getreten bin, insoweit derselbe ihn lieber aus Einflüssen der Materie als aus dem Hauche Gottes ableitet, werde ich mich jetzt zu den übrigen Fragen wenden und dabei wohl meistens mit Philosophen zu kämpfen haben.

Sogar im Kerker des Sokrates wurde noch über den Zustand der Seele gestritten. Obschon auf den Ort nichts ankommt, so ist mir doch [S. 288] erstens nicht klar, ob, was die Person des Lehrmeisters angeht, die Zeit eine gelegene war. Denn was sollte wohl die Seele des Sokrates in jenem Augenblick noch mit Evidenz erkennen, nachdem das heilige Schifflein schon vom Lande abgestossen, der Schierlingsbecher, wozu er verurteilt, bereits getrunken und sie, wenn es nach der Ordnung der Natur ging, durch die Nähe des Todes in jedem Falle zu einer gewissen Erregung aufgeschreckt war? Wofern es aber nicht nach dem Laufe der Natur ging, war sie ausser sich. Wie heiter und ruhig sie sich auch befand, wie wenig sie auch durch das Weinen der Gattin, die bald eine Witwe, oder durch den Anblick der Kinder, die nun Waisen werden sollten, unter das Gesetz der Verwandtenliebe sich beugen liess, so war sie doch beunruhigt durch das Streben, nicht unruhig werden zu wollen. Ihre Standhaftigkeit war erschüttert durch das Ankämpfen gegen den Mangel an Standhaftigkeit.

Wofür aber wird ein mit Unrecht Verurteilter sonst noch Sinn haben als nur für Tröstungen über das Unrecht? Und nun gar erst der Philosoph, der geborne Sklave der Ruhmbegier, der nicht sowohl die Aufgabe hat, über Unrecht zu trösten, als vielmehr es sogar verachten soll! So hatte Sokrates gleich nach der Verurteilung seiner Gattin, die ihm begegnete und nach Weiberart schrie: „Sokrates, deine Verurteilung ist eine ungerechte!” auf diese Gratulation geantwortet: „Wünschest du denn etwa, dass sie eine gerechte wäre?” Darum ist es nicht zu verwundern, wenn er im Bestreben, die fragwürdigen Lorbern des Anytus und Melitus zu nichte zu machen, im Kerker und angesichts des Todes selbst die Unsterblichkeit der Seele aufrecht erhält, um der Ungerechtigkeit ihren Erfolg zu rauben.

Deshalb stammte die ganze damalige Weisheit des Sokrates aus dem Streben eines absichtlich angenommenen Gleichmuts, nicht aus der zuversichtlichen Überzeugung von der Wahrheit. Denn wer kann zur Überzeugung von der Wahrheit gelangen ohne die Hilfe Gottes? Wer Gott erkennen ohne Christus? Wer hat Christus gefunden ohne den heiligen Geist? Wem ist der heilige Geist zu teil geworden ohne das Sakrament des Glaubens? In Wirklichkeit wurde Sokrates eher von einem weit verschiedenen Geiste bewegt. Denn man sagt ja, dass von seiner Kindheit an beständig ein Dämonium um ihn gewesen sei. Wahrhaftig, ein schlechter Erzieher! wenn die Dämonen bei den Dichtern und Philosophen auch als Wesen gelten, die gleich nach den Göttern kommen und sich in der Gesellschaft der Götter befinden. Noch waren nämlich die Belege der Macht des Christentums nicht erschienen, welches allein imstande ist, jene so verderblichen Mächte zu beschämen, die niemals gut sind, sondern jeglichen Irrtum erzeugen und alle Wahrheit fernhalten.

Wenn nun Sokrates nach dem Urteile des Pythischen Dämons, der freilich nur seinem Bundesgenossen beistand, schon aus der angegebenen [S. 289] Ursache der allerweiseste war, um wie viel mehr Würde und Bestand haben nicht die Aussagen der christlichen Weisheit, bei deren Anhauch die ganze Macht der Dämonen zurückweicht! Sie ist die Weisheit aus der Schule des Himmels, die sich allerdings die Freiheit nimmt, die heidnischen Götter zu leugnen, und sich nicht durch den Befehl, dem Äskulap ein Hahnopfer zu bringen, zweideutig erweist, keine neuen Dämonen einführt, sondern die alten beseitigt, auch die Jugend nicht verführt, sondern sie zur Tugend der Schamhaftigkeit anleitet. Darum, als die Wahrheit, hat sie ungerechte Verurteilung auch nicht bloss von seiten einer Stadt, sondern des ganzen Erdkreises zu tragen, und wird um so viel mehr gehasst, als sie vollkommener ist. Sie hat den Tod nicht in festlichem Anzuge aus einem Becher zu schlürfen, sondern am Kreuze oder auf dem Scheiterhaufen ihn nebst allen Erfindungen der Grausamkeit durchzukosten und stellt in dem viel finstereren Kerker dieser Welt mittlerweile ihre etwaigen Untersuchungen über die Seele mit ihren Gebeten und Phädonen1 nach den Anweisungen Gottes an.

Du bist sicherlich nicht imstande, einen besseren Nachweiser der Seele anzugeben2 als den Urheber derselben. Durch Gott magst du kennen lernen, was du von Gott erhalten hast, oder wenn nicht von Gott, dann auch von keinem andern. Denn wer vermöchte zu enthüllen, was Gott zugedeckt hat? Man muss seine Belehrung da suchen, wo man selbst beim Nichtwissen ganz sicher geht. Es ist besser, etwas nicht wissen um Gottes willen, weil er es nicht geoffenbart hat, als es durch einen Menschen erfahren, weil dieser selbst es gemutmasst hat.

1: Mitunterredner im Dialoge Phädon.
2: Die Konjektur von Öhler: demonstras empfiehlt sich.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger