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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

58. Cap. Die Belohnung oder Bestrafung der Seele in der Unterwelt nimmt sofort nach dem Tode ihren Anfang und es gibt keinen indifferenten Zustand für dieselben.

Sind also sämtliche Seelen in der Unterwelt? Man mag es wollen oder nicht, ja; und es gibt dort bereits auch Bestrafungen und Erquickungen, –— vergleiche den Armen und den Reichen. Und weil ich in bezug auf diesen Punkt noch Etwas aufgespart hatte, so will ich es nun hier am Schluss richtigen Orts vorbringen. Warum will man nicht glauben, dass die Seele jetzt schon in der Unterwelt Strafen leide oder erquickt werde, in der Erwartung des doppelten Gerichtes und gewissermaassen in einer Vorwegnahme desselben und Anwartschaft darauf? Weil, wird man antworten, dem göttlichen Gerichte1 sein Geschäft unverkümmert bleiben muss, ohne irgend eine Vorwegnahme seiner Sentenz. Sodann auch deshalb nicht, weil die Auferstehung des Fleisches, als des Genossen der Arbeit und des Lohnes, noch abzuwarten ist.2

[S. 376] Gut, was soll denn also in jenem Zeitraume geschehen? Werden wir schlafen? Nun schlafen aber die Seelen nicht einmal zu Lebzeiten des Menschen, denn der Schlaf ist nur Sache des Leibes, den allein der Tod angeht, so gut wie sein Abbild, der Schlaf. Oder willst du etwa, dass dort, wohin die ganze Menschheit gezogen, wo jede Hoffnung sicher gestellt wird, Nichtsthun herrsche? Meinst du, damit würde das Gericht vorweggenommen und nicht vielmehr angefangen? übereilt und nicht vielmehr vorbereitet? Wie ungerecht vollends würde in der Unterwelt ein müssiger Zustand3 sein, wenn dabei dem Schuldigen immer noch ganz gut zu Sinne ist und dem Unschuldigen noch nicht? Warum will man, dass es nach dem Tode noch unklare Hoffnungen, die in ungewisser Erwartung schweben, geben soll, und nicht vielmehr eine prüfende Rückschau über das Leben und die drohende Vorbereitung des Gerichts stattfinde?

Aber muss denn die Seele immer auf ihren Körper warten, um zu trauern oder zu frohlocken? Ist sie sich nicht selber genug, um beides zu erleiden? Wie oft wird die Seele gequält, ohne dass der Leib einen Schaden gelitten, von Trübsinn, Zorn und Widerwillen allein, dessen sie sehr oft sich selbst nicht einmal bewusst ist? Wie oft sucht sich dagegen, wenn der Körper geschlagen ist, die Seele eine heimliche Freude und macht sich von der Gemeinschaft mit dem Leibe, die ihr dann ungelegen ist, los? Ich will ein Lügner sein, wenn sie nicht wegen körperlicher Leiden sich sogar zu rühmen und zu freuen pflegt.

Blicke hin auf die Seele des Mucius, wie er seine rechte Hand im Feuer zerstört! Blicke hin auf Zeno, wie an seiner Seele die Martern des Tyrannen vorübergehen! Die Bisse wilder Tiere sind eine Zierde für die Jugend, wie bei Cyrus die von einem Bären herrührenden Narben.

Folglich wird sich die Seele auch in der Unterwelt zu freuen und zu betrüben wissen ohne das Fleisch, weil sie sich auch im Fleische, wenn sie will, sogar im unverletzten Fleische, betrübt, und im verletzten, wenn sie will, sich freut. Wenn sie während des Lebens das nach Gutdünken kann, warum nicht infolge des Gerichtes Gottes in noch höherem Maasse nach dem Tode? Aber noch nicht einmal das gesamte Thun teilt die Seele mit dem dienenden Fleische. Denn der Tadel Gottes verfolgt schon die blossen Gedanken und nackten Willensthätigkeiten. „Wer anblickt, um zu begehren, der hat im Herzen schon Ehebruch begangen.” Folglich ist es schon aus diesem Grunde sehr angemessen, dass die Seele, auch ohne den Leib zu erwarten, gestraft werde für das, was sie ohne Teilnahme des Leibes begangen hat. Ebenso wird sie wegen der frommen und guten Gedanken, bei denen sie des Fleisches nicht bedurfte, ohne das Fleisch belohnt werden. Wie, wenn sie selbst bei den körperlichen Thätigkeiten [S. 377] diejenige ist, welche zuerst den Gedanken fasst, den Plan macht, befiehlt und antreibt? Und wenn sie manchmal auch nicht recht will, so ist sie doch die erste, die sich mit dem befasst, was sie durch den Leib zu vollbringen im Begriff steht. Denn niemals ist das Wissen später als das Thun. So harmoniert es ganz gut mit diesem Hergange, dass sie zuerst ihre Vergeltung erhält, da sie ihr zuerst gebührt.

In Summa, da wir unter jenem Kerker, welchen das Evangelium andeutet, die Unterwelt verstehen und den letzten Heller auf die geringen Vergehen beziehen, welche durch Hinausschieben der Auferstehung daselbst zu sühnen sind, so wird niemand daran zweifeln, dass die Seele in der Unterwelt büsse, ohne dass die Vollständigkeit der Auferstehung hinsichtlich des Leibes dadurch verkürzt werde. Das hat auch der Paraklet sehr häufig ans Herz gelegt, wenn er etwa Aussprüche als Folge der Anerkennung der von ihm verheissenen Gnadengaben zugelassen hat.

Wir haben nun jeglicher menschlichen Meinung über die Seele vom Standpunkte der christlichen Lehre aus Rede und Antwort gestanden und so, dünkt mich, der Wissbegierde, wenigstens der gerechtfertigten und notwendigen, Genüge geleistet; die übertriebene und müssige wird desto weniger lernen, jemehr ihr zu fragen beliebt.

1: Das in vor judicio ist mit Ursinus zu streichen.
2: Ich gebe der Schreibart operienda statt opperienda des cod. Agob. den Vorzug.
3: Der cod. Agob. gibt anscheinend richtig: otium statt etiam.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger