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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

57. Cap. Was von den angeblichen Beschwörungen von Abgestorbenen zu halten sei.

Hier zurückgehalten werden ist entweder etwas sehr Gutes wegen der Aori1 oder etwas sehr Schlimmes wegen der Biäothanati, um mich der Ausdrücke zu bedienen, welche bei den Urhebern dieser Meinungen, [S. 373] den Magiern, in Gebrauch sind: Ostanes, Typhon, Dardanus, Damigeron, Nektabis und Berenice.2 Allgemein bekannt ist bereits jene Art Litteratur, worin versprochen wird, sogar die in reifem Lebensalter entschlummerten Seelen sowie auch die durch anständige Todesarten dahingeschiedenen und die durch eine pünktliche Beerdigung beseitigten aus ihrer unterweltlichen Wohnung hervorzurufen. Als was sollen wir also die Magie bezeichnen? Wie fast alle, als Betrügerei.

Die einzigen aber, welchen das wahre Wesen dieses Betrugs nicht entgeht, sind wir Christen, die wir von dieser geistigen Bosheit nicht etwa durch eine mit ihr im Bunde stehende Mitwisserschaft, sondern durch ein ihr gegensätzliches Wissen Kenntnis haben und diese vielgestaltige Seuche des menschlichen Geistes nicht herbeilocken, sondern sie mit einer sie bekämpfenden Übermacht behandeln, sie, die Bewirkerin jeglichen Irrtums, diese Verwüsterin des Heils und der Seelen zugleich. Durch die Kunst der Magie, jener zweiten Sorte des Götzendienstes, in welcher sich die Dämonen als Tote darstellen, gerade wie bei dem eigentlichen Götzendienste als Götter –— und warum sollten sie es denn nicht, da die Götter ja auch blosse Verstorbene sind?3 –— werden also4 die vorzeitig und gewaltsam aus dem Leben Geschiedenen zwar citiert, unter dem scheinbar plausibeln Grunde, es sei glaublich, dass gerade die Seelen, welche ein durch Gewaltthat und Unrecht herbeigeführtes, grausiges, vorzeitiges Ende des Lebens beraubte, vorzugsweise zu Gewaltthaten und Unrecht mitwirken, sozusagen, zur Wiedervergeltung des Unrechtes, wirklich sind es aber die Dämonen, welche unter ihrem Deckmantel wirtschaften, und zwar gerade die, welche damals in ihnen sassen, als sie noch lebten, und ihnen ein derartiges Ende bereiteten. Wir haben ja bereits angedeutet, dass kein Mensch ohne ein Dämonium sei, und es ist mehrfach bekannt, dass durch das Treiben der Dämonen vorzeitige und schreckliche Todesfälle bewirkt werden, welche man ihren Angriffen zuschreibt. Auch diesen Betrug des bösen Geistes, der sich unter den Personen Verstorbener versteckt, thun wir, wenn ich nicht sehr irre, durch Thatsachen dar. Denn derselbe behauptet bei den Exorzismen zuweilen, er sei einer von den beiden Eltern des ihm angehörigen Menschen,5 manchmal, er sei ein Gladiator oder Bestiarier, so gut wie ein andermal, er sei ein Gott, indem er auf weiter nichts sinnt, als unsere Lehren zu beseitigen, damit wir nur ja nicht glauben, dass sämtliche Seelen in die Unterwelt gethan werden, und den Glauben an das Gericht und die Auferstehung zu erschüttern. Aber [S. 374] nachdem der Dämon die Anwesenden zu täuschen versucht hat, muss er durch fortgesetzte Anwendung der göttlichen Gnade6 besiegt, schliesslich, wenn auch ungern, den wahren Sachverhalt bekennen.

Daher wird denn auch bei der zweiten Art von Magie, welche vermeintlich die schon zur Ruhe gelangten Seelen aus der Unterwelt hervorruft, es keine andere Kraft des Betruges sein, die wirksam ist.7 Dort wird auch ein Phantasma dargeboten und scheinbar ein Leib angenommen. Die äussern Augen einzunehmen, ist ja nichts Grosses für den, dem es ein Leichtes ist, die innere Sehkraft des Geistes zu verdunkeln. So erschienen Pharao und den Ägyptern die aus den Zauberstäben entstandenen Schlangen als Körper. Aber die wirklichen Schlangen des Moses frassen das Trugbild auf.8 Viel, fürwahr, unternahmen Simon und Elymas, die Zauberer, gegen die Apostel. Aber die Strafe der Blindheit war keine Einbildung.9 Was ist es denn besonderes, wenn der unreine Geist die Wahrheit nachäfft? Siehe, haben doch heutzutage die Häretiker, die sich nach demselben Simon nennen, eine so grosse Vorstellung von ihrer Kunst, dass sie sich in ihrer Selbstüberhebung sogar anheischig machen, die Seelen der Propheten aus der Unterwelt hervorzuholen, und ich glaube auch, dass sie es in betrügerischer Weise imstande sind. War doch dazumal, als Saul ausser Gott noch die Toten um Rat fragen wollte,10 dem Pythonsgeiste nichts Geringeres gestattet, als die Seele Samuels vorzustellen.

Fern sei es von uns, zu glauben, es sei die Seele irgend eines Heiligen, geschweige denn eines Propheten, wirklich durch einen Dämon herausgeholt worden; sind wir doch belehrt, dass der Satan sich sogar in einen Engel des Lichts verwandelt,11 um wie viel mehr also noch in einen Menschen des Lichts; beim Weltende wird er sogar behaupten, Gott zu sein,12 und noch wunderbarere Zeichen sehen lassen, um, wenn es möglich wäre, sogar die Auserwählten abwendig zu machen.13 Vermutlich hat er damals noch Bedenken getragen, sich für einen Propheten auszugeben, zumal Saul gegenüber, in welchem er selbst bereits wohnte. Man glaube nur nicht etwa, der, welcher das Gesicht bewirkte, sei ein anderer gewesen, als der, welcher es empfahl, sondern man halte den Geist, der in der falschen Prophetin und dem Apostaten mit Leichtigkeit erlog, was er zu glauben bewirkte, für denselben, der auch bewirkt hatte, dass Sauls Schatz dort war, wo sein Herz war, nämlich da, wo Gott nicht war. Darum schaute Saul mit dessen Hilfe, durch den er zu schauen glaubte, weil er auch durch den glaubte, mit dessen Hilfe er schaute. Wenn man uns [S. 375] entgegenhält, man erblicke in nächtlichen Bildern häufig Verstorbene nicht ohne Nutzen –— denn auch die Nasamonen erhalten durch Verweilen bei den Gräbern ihrer Eltern besondere Orakel, wie Heraklit, Nymphodor und Herodot14 berichten, und die Celten bringen aus demselben Grunde bei den Grabhügeln tapferer Männer ganze Nächte zu, wie Nikander berichtet –— so ist doch die Realität, womit wir im Schlafe die Toten wahrnehmen, keine grössere als bei den Lebendigen, sondern die Art und Weise, sie zu sehen, ist dieselbe, wie wir die Lebenden und alles Sichtbare sehen. Denn die Gesichte sind nicht deshalb wahr, weil sie geschaut werden, sondern insofern sie in Erfüllung gehen. Die Zuverlässigkeit der Traumgesichte beruht auf ihrem Eintreffen, nicht auf der Wahrnehmung.

Dass die Unterwelt durchaus keiner Seele den Austritt gestatte, hat der Herr in der Person Abrahams an der Geschichte von dem Armen, der in die Ruhe einging, und dem Reichen, der stöhnte, deutlich genug durch die Bemerkung bestätigt, dass von dort kein Verkündiger der göttlichen Ratschlüsse ausgesendet werden könne, was doch wohl zu dem Zweck, damit Moses und die Propheten Glauben fänden, hätte erlaubt werden dürfen. Obwohl aber die Macht Gottes einige Seelen in ihre Körper zurückgerufen hat, um damit ihr Recht dazu zu dokumentieren, so wird sie sich darum noch nicht auf eine Stufe stellen mit dem verwegenen Wahn der Magier, der Betrügerei der Träumer und der Freiheit der Dichter. Wo die Macht Gottes hingegen bei den vorgekommenen Fällen von Auferstehung, sei es durch Propheten, sei es durch Christus oder die Apostel, einzelne Seelen ihren Körpern wiedergegeben hat, da ist durch deren materielle, greifbare und ersättigte Realität das Präjudiz gegeben, dass dies die Norm für die Wahrheit sei, und man darf jedes Erscheinen von Verstorbenen ohne Körper als Blendwerk ansehen.

1: Die Aori, ἄωροι [aōroi], sind die frühzeitig, βιαιοθάνατοι [biaiothanatoi]. die auf gewaltsame Weise um's Leben Gekommenen.
2: Zauberer, zum teil Schriftsteller über die Magie.
3: Apolog. c. 10, 11.
4: Öhler ändert itaque in aeque, wozu kein Grund. Besser wäre ita allein. In diesem Satze scheint manches nicht in Ordnung zu sein. Ich glaube dadurch einen vernünftigen Sinn hineingebracht zu haben, dass ich zu Anfang statt etiam, wofür Ursinus scientiam lesen wollte, setze arte jam.
5: Des Besessenen.
6: D. i. durch Anwendung von Exorzismen.
7: Die Handschriften bieten hier operatior, was Öhler in das womöglich noch sinnlosere operantior umgeändert hat. Es muss etwas wie operatrix dagestanden haben.
8: II. Mos. 7, 12.
9: Act. c. 8 und 13.
10: I. Kön. 28, 6 ff.
11: II. Kor. 11, 14.
12: II. Thess. 2, 4.
13: Matth. 24, 24.
14: Herodot IV, 172.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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