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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

55. Cap. Sie gelangen ohne Ausnahme in die Unterwelt, wo sie bis zum jüngsten Tage verbleiben. Nur die Seelen der Martyrer gelangen sofort ins Paradies.

Von uns wird die Unterwelt nicht für eine blosse Aushöhlung oder eine oben offene Mistkaule der Erde, sondern für einen ungeheuren Raum im Abgrunde der Erde in der Tiefe und für einen entlegenen Schlund im Innern der Erde selbst gehalten. Denn wir lesen, dass Christus die drei Tage seines Totseins im Herzen der Erde1 zugebracht habe, d. h. in deren innerstem und innerlichstem Verlies, das noch in der Erde selbst verborgen, in ihr selbst verschlossen und mit noch tieferen Abgründen überbaut ist. Christus selbst, der Gott war, leistete also, weil er der Schrift zufolge ein Mensch, ein Toter und schliesslich auch ein Begrabener war, sogar diesem Gesetze Genüge, indem er der gewöhnlichen Form des menschlichen Totseins sich unterzog, und stieg nicht eher zu den höheren Regionen des Himmels empor, als bis er in die tieferen Regionen der Erde hinabgestiegen war, um dort den Patriarchen und Propheten Anteil an seiner Person zu verschaffen. Darum haben wir auch an eine unterirdische Region der Unterwelt zu glauben und jene Leute gleichsam mit dem Ellbogen dorthin zu stossen, welche stolz genug sind und die Seele der Gläubigen zu gut für die Unterwelt halten. Das sind Diener, die über ihrem Herrn, Schüler, die über dem Lehrer stehen wollen. Sie würden es vielleicht sogar verschmähen, den Trost anzunehmen, im Schoosse Abrahams die Auferstehung erwarten zu dürfen!

„Gerade dazu”, wenden sie ein, „hat Christus die Unterwelt betreten, damit wir es nicht brauchen. Was für ein Unterschied bestände denn zwischen Heiden und Christen, wenn ihr Kerker derselbe wäre?” –— Wie wäre es denn aber möglich, dass die Seele zum Himmel hinaufwalle, so lange Christus dort noch sitzt zur Rechten des Vaters, so lange man den Befehl Gottes durch die Posaune des Erzengels noch nicht vernommen hat, so lange diejenigen, welche die Ankunft des Herrn in dieser Welt [S. 370] finden soll, noch nicht ihm entgegen hinaufgezogen worden sind in die Lüfte samt denen, welche, in Christo abgeschieden, zuerst auferstehen werden? Niemandem steht der Himmel offen, so lange die Erde noch besteht, um nicht zu sagen, so lange sie noch verschlossen ist. Denn erst mit der Umwandlung der Erde werden die Reiche des Himmels aufgeschlossen.

Dann wird unsere Ruhestätte wohl bei den Knabenschändern des Plato sein, in der Luft bei Arius, oder um den Mond herum mit den Endymionen unter den Stoikern?! Nein, entgegnet man uns, im Paradiese, wohin schon damals die Patriarchen und Propheten als Gefolgschaft der Auferstehung des Herrn übergesiedelt sind. –— Wie kam es dann aber, dass die Region des Paradieses, die dem Johannes im Geiste enthüllt wurde und die unter dem Altare gelegen ist, keine andern Seelen als solche von Martyrern aufzuweisen hatte? Wie kam es, dass die beherzte Martyrin Perpetua, als ihr am Tage ihres Leidens das Paradies enthüllt wurde, dort nur die Seelen ihrer Mitmartyrer erblickte, wenn nicht daher, dass das Schwert, welches die Pforte des Paradieses bewacht, nur denen Platz macht, die in Christo, nicht denen, die in Adam verschieden sind? Die neue Todesart für Gott und der aussergewöhnliche Tod für Christus finden in einer andern und besondern Herberge Aufnahme. Daraus also entnehme man den Unterschied zwischen einem Heiden und einem Gläubigen in bezug auf den Tod, wenn wir für Gott sterben, wie der Paraklet ermahnt, nicht in weichlichen Fieberchen und Bettchen, sondern im Martyrtum, wenn wir unser Kreuz auf uns nehmen und dem Herrn folgen, wie er selber vorgeschrieben hat. Der Schlüssel zum Paradies ist Dein eigenes Blut. Es existiert von uns auch eine eigene Schrift über das Paradies, worin wir festgestellt haben, dass alle Seelen in der Unterwelt verwahrt gehalten werden bis zum Tage des Herrn.2 56. Cap. Über die Ansicht der Alten, die Seelen könnten nicht in die Unterwelt eingehen, bevor die Leiche beerdigt ist. Es drängt sich uns nun die Untersuchung darüber auf, ob dies unmittelbar nach dem Hinscheiden geschieht oder ob einzelne Seelen durch irgend welche Umstände einstweilen noch hier zurückgehalten werden, so wie auch, ob sie, dorthin aufgenommen, nach ihrem Gutdünken oder infolge eines besonderen Befehles nachher noch bei uns erscheinen dürfen. Denn auch hierfür fehlt es nicht an Wahrscheinlichkeitsgründen. Man hat geglaubt, die Unbeerdigten könnten nicht eher in die Unterwelt gelangen, als bis sie ihr Recht bekommen haben, nach Art des Patroklus bei Homer, der in Traumgesichten von Achilles sein Begräbnis verlangte, weil er sich [S. 371] sonst den Thüren der Unterwelt nicht nahen dürfe und die Seelen der Begrabenen ihn davon fern hielten. Wir kennen aber ausser den poetischen Licenzen auch die fromme Sorgfalt des Homer. Denn er hat eine um so grössere Sorgfalt auf das Begräbnis verwendet, je mehr er den Aufschub desselben getadelt hat als eine Beleidigung für die Seelen. Auch solle niemand einen Verstorbenen im Hause behalten und sich dadurch selbst mit ihm noch mehr abhärmen durch einen so ungewöhnlichen Trost, der im Schmerze seine Nahrung findet. Daher hat er die Klagen der unbegrabenen Seele auf beides gerichtet sein lassen, dass durch das sofortige Begräbnis einerseits die der Leiche gebührende Ehre gewahrt, andererseits der Gedanke an die frühere Liebe gemässigt werde.

Wie sinnlos aber ist es, die Seele auf das warten zu lassen, was dem Körper gebührt, gerade als ob sie etwas davon in die Unterwelt mit sich fortnehme! Noch viel thörichter ist es, die Verzögerung des Begräbnisses als ein Unrecht gegen die Seele anzusehen. Dieselbe müsste das eher als eine Gunst begrüssen. Denn da sie nicht sterben wollte, so wird sie in jedem Falle vorziehen, lieber recht spät zur Unterwelt hinweggeführt zu werden. Sie wird den lieblosen Erben gern haben, durch dessen Schuld sie sich des Lichtes noch erfreut. Oder aber wenn es wirklich ein Unrecht ist, spät unter die Erde hinabgestossen zu werden, und der Titel dieses Unrechtes in der Verzögerung des Begräbnisses besteht, so wäre es ja höchst unbillig, dieses Unrecht der Seele zuzufügen, der die Verzögerung des Begräbnisses gar nicht zugerechnet werden kann; denn dasselbe ist ja Pflicht ihrer Nebenmenschen!

Auch die von einem vorzeitigen Tode getroffenen Seelen, sagt man, schweifen hier so lange umher, bis der Rest ihrer Lebenszeit erfüllt sei, so lange als sie gelebt haben würden, wenn sie nicht vorzeitig gestorben wären. –— Entweder ist jedem seine Zeit bestimmt, und dann glaube ich nicht, dass ihm von der festgesetzten Zeit etwas entrissen werden kann, oder wenn sie zwar festgesetzt, aber durch den Willen Gottes oder eine andere Macht verkürzt worden ist, so würde ja diese Verkürzung illusorisch gemacht, wenn sie doch noch ihre Erfüllung zu erwarten hätte. Ist ihre Zeit dagegen nicht festgesetzt, so gibt es auch keinen Rückstand von Zeiten, die ja nicht festgesetzt sind. Ich sage noch mehr: Siehe, es ist beispielsweise ein Säugling an der Mutterbrust verschieden, meinetwegen auch ein Knabe, der noch keine Kleider trägt, oder auch einer, der welche trägt, der aber achtzig Jahre gelebt haben würde. Was soll es nun wohl heissen, seine Seele verlebe diese ihr entrissenen Jahre nach dem Tode noch? Er kann ja kein höheres Lebensalter erreichen ohne den Körper, weil sich die Lebensstufen nur mittels des Körpers vollziehen.

Die Unsrigen mögen ferner noch bedenken, dass die Seele denselben Leib wieder bekommen wird, in welchem sie verstorben ist. Man wird [S. 372] also auch dieselbe Beschaffenheit des Körpers und dieselbe Altersstufe zu hoffen haben, welche eine Folge der dermaligen Beschaffenheit des Körpers ist. Wie ginge es also an, dass die Seele eines Kindleins hier die ihr geraubten Jahre zubrächte, um sodann als eine Achtzigerin in einem Leibe von einem Monat aufzuerstehen? Oder, wenn es durchaus nötig ist, die Zeiträume, welche für eine Seele festgesetzt waren, hier zu durchlaufen, so frage ich, wird sie dann die Lebensthätigkeiten, welche den betreffenden Zeiträumen entsprechen und ihr mit letzteren hienieden bestimmt waren, auch der Reihe nach hienieden ebenso durchmachen, also studieren, wenn sie aus dem Kindes- ins Knabenalter tritt, Kriegsdienste leisten, sobald das Jünglingsalter vom Mannesalter abgelöst wird, die Staatslasten tragen, wenn das Mannesalter das Ansehen des Greisenalters erhält, Zinsen herausschlagen, das Land bebauen, Schifffahrt treiben, Prozesse führen, heiraten, arbeiten, Krankheiten durchmachen und alles andere, was Trauriges und Freudiges ihrer mit jenen Zeiträumen gewartet hätte? Wie soll man dieses durchmachen ohne Körper? wie leben, ohne zu leben? Zeiträume aber, die in blossem Abwarten zu durchlaufen wären, würden zwecklos sein. Was steht folglich im Wege, dass man sie nicht auch in der Unterwelt abwarten könne, wo doch ebensowenig ein Gebrauch davon gemacht wird? Daher behaupten wir, jede Seele, in welchem Lebensalter sie auch das Leben verlassen haben sollte, bleibe in demselben stehen bis zu dem Tage, auf welchen der nach dem Maasse der Vollkommenheit der Engel gebildete vollkommene Zustand verheissen ist.

Mithin sind auch die Seelen derer, welche gewaltsamer Weise dem Leben entrissen wurden, vorzüglich durch grausige Leibesstrafen, als da sind Kreuz, Beil, Schwert, wilde Tiere nicht als von der Unterwelt ausgeschlossen zu betrachten,3 auch darf man die Todesarten, welche die Gerechtigkeit, die Rächerin von Gewaltthaten beschliesst, gar nicht als Gewaltthaten ansehen. Eben darum wird man nun wohl einwenden, sind es die verbrecherischen Seelen, welche aus der Unterwelt ausgeschlossen bleiben. Mithin nötige ich, festzustellen, ob die Unterwelt gut oder böse sei. Wenn man sich für das letztere entscheidest, dann müssten die allerschlechtesten Seelen hineingestürzt werden; wenn sie aber gut ist, warum will man denn die Seelen der vor der Zeit und ehelos Verstorbenen gerade die nach Maassgabe ihrer Lebenszeit reinen und unschuldigen Seelen, jetzt noch derselben für unwürdig halten?

1: Matth. 12, 40. Sic erit filius hominis in corde terrae.
2: Tertullians Schrift de paradiso war also eine seiner Streitschriften zu Gunsten des Montanismus und die Gegner seiner Ansicht, dass alle Seelen mit Ausnahme derer der Martyrer bis zum jüngsten Tage in der Unterwelt bleiben müssen, waren die Katholiken.
3: Nach Ursinus, der ein nec einschiebt.

 

 

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Gregor Emmenegger