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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

52. Cap. Der Tod, sowohl der gewöhnliche als der gewaltsame, ist nicht der Natur der Menschen gemäss, sondern die Folge einer Verschuldung.

Dieses Vorkommnis, der Tod oder die Trennung des Leibes von der Seele, wird durch das Gefühl der Menschen, mit Beiseitelassung der Frage nach Schicksalsbestimmung oder Zufälligkeit, zwiefach eingeteilt, in eine gewöhnliche und eine aussergewöhnliche Form, und man schreibt die [S. 366] gewöhnliche Form, jeden ruhigen Tod, der Natur zu, die aussergewöhnliche, jedes gewaltsame Ende dagegen, hält man für aussernatürlich. Wir, die wir den Ursprung des Menschen kennen, erklären frischweg, dass sich von Natur der Tod gar nicht an den Menschen herangewagt habe, sondern erst infolge einer Schuld, die nicht einmal eine natürliche war. Es konnte aber leicht geschehen, dass das, was von der Geburt an durch ein zufälliges Überkommen uns anhängt, die Bezeichnung Natur bekam. Denn nur dann, wenn der Mensch für den Tod direkt angelegt gewesen wäre, müsste der Tod der Natur zugeschrieben werden. Dass er aber nicht für den Tod angelegt war, beweist das Gesetz, welches sich mit bedingter Drohung in der Schwebe hält und den Eintritt des Todes dem freien Willen des Menschen zuschreibt. Wenn er nicht gesündigt hätte, wäre er gar nicht gestorben. Somit kann nicht Natur sein, was infolge eines anheimgegebenen Anerbietens durch den freien Willen eingetreten ist und nicht mit Notwendigkeit auf Grund höherer Anordnung.

Wenn folglich der Verlauf des Sterbens auch ein verschiedener ist, je nach der verschiedenen Beschaffenheit der Ursachen, so ist der Tod doch niemals so sanft zu nennen, dass er ohne Gewalt geschähe. Was den Tod bewirkt, ist eben, wenn es auch einfach ist, Gewalt. Wie? Er ist es ja, welcher die so innige Verbindung von Seele und Leib, diese innige Vereinigung verschwisterter Substanzen trennt und zerreisst. Wenn jemand seinen Geist vor Freude aufgibt, wie der Spartaner Chilon, während er seinen zu Olympia siegreichen Sohn umarmte, oder infolge einer Auszeichnung, wie der Athener Klidemus, während er wegen seines vorzüglichen historischen Stiles mit einem goldenen Kranze gekrönt wurde, oder im Schlafe, wie Plato, durch Lachen, wie P. Crassus, so ist eine solche Todesart eigentlich noch viel gewaltsamer, weil sie sich ungewohnter Mittel bedient, weil sie die Seele aus ihren Annehmlichkeiten hinausjagt und uns den Tod dann anthut, wann zu leben angenehmer wäre, in der Freude, in der Ehre, in der Ruhe, im Vergnügen. Es ist dieselbe Gewalt, welche die Schiffe trifft, wenn sie weit von den kaphareischen Klippen, von keinem Wirbelwinde gepackt und nicht von Wogen umhergeschleudert, bei kosenden Lüftchen, gleitendem Lauf, fröhlicher Bemannung, bei sonst vollkommener Sicherheit, mit einem plötzlichen innern Krach in sich zusammenbrechen. Dem gleichen genau die Schiffbrüche des Lebens und der Eintritt sogar eines sanften Todes. Wenn die Fahrt der Seele einmal zu Ende ist, so verschlägt es nichts, ob das Schifflein des Leibes unbeschädigt versinkt oder zerschellt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger