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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

46. Cap. Über das Eintreffen der Träume und ihre Deutung.

Siehe, da sind wir nun im Gedränge, uns hinsichtlich der Spezialuntersuchung über die Träume, wovon die Seele heimgesucht wird, [S. 358] auszulassen. Wann werden wir denn zur Besprechung des Todes kommen? Auch hier möchte ich sagen: Sobald es Gott gibt; der Aufschub dessen, was doch geschieht, dauert wenigstens nicht lange.

Für völlig nichtig hat Epikur die Träume erklärt, indem er ja die Gottheit der Geschäfte entledigt, die Aufeinanderfolge der Dinge aufhebt und alles willkürlich verzettelt, als dem blossen Erfolge preisgegeben und zufällig. Nun gut; wenn dem so ist, so wird es ein Eintreffen der Wirklichkeit geben, weil es nicht angeht, dass sie allein vom Erfolge, der allen Dingen gebührt, ausgenommen sei. Homer hat den Träumen zwei Pforten zugewiesen, eine von Horn für das Eintreffen, und eine von Elfenbein für die Täuschung. Denn durch Horn, sagen sie, kann man hindurch sehen, das Elfenbein aber ist undurchsichtig. Aristoteles spricht seine Meinung für das Überwiegen der Täuschungen aus, erkennt aber damit auch das Eintreffen an. Die Einwohner von Telmessus1 lassen keinen Traum vergeblich sein und schieben die Schuld nur auf die Unzulänglichkeit der Deutung. Wer aber ist den menschlichen Dingen so fremd, dass er nicht auch einmal ein oder das andere eingetroffene Traumgesicht gehabt hätte! Indem ich von den bemerkenswerteren Thatsachen einiges wenige flüchtig anführe, will ich Epikur beschämen. Von Astyages, dem Beherrscher der Meder, erzählt Herodot, dass er im Traume gesehen habe, wie der Blase seiner noch jungfräulichen Tochter Mandane eine Flüssigkeit zur Ueberschwemmung von ganz Asien entquollen sei. Ein Jahr nach ihrer Verheiratung sei derselben Stelle ein Weinstock entsprossen, der sich über ganz Asien gelagert habe. Dies berichtet auch Charon von Lampsakus noch vor Herodot. Diejenigen, welche diese grosse Begebenheit auf ihren Sohn deuteten, haben sich nicht geirrt; denn Cyrus hat Asien sowohl ertränkt als erdrückt.

Philipp von Macedonien sah, bevor er Vater wurde, den Mutterschooss seiner Gattin Olympias mit einem Siegelring versiegelt; darauf war ein Löwe einpetschiert. Er glaubte, ihre Gebärfähigkeit sei verschlossen, vermutlich, weil der Löwe nur einmal Vater wird. Aristodemus oder Aristophon hatten aber die richtigere Mutmassung, dass etwas Leeres nicht versiegelt werde und es daher einen Sohn von der allergrössten Energie bedeute. Wer Alexander kennt, der erkennt auch den Löwen auf dem Petschaft wieder. Ephorus schreibt es.

Die Tyrannis des Dionysius über Sicilien wurde von einer gewissen Himeräa im Traume geschaut. Heraklides hat es überliefert. Für Seleukus sah seine Mutter Laodice, da sie ihn noch nicht geboren hatte, die Herrschaft über Asien vorher. Euphorion hat es berichtet. Dass sich Mithridates infolge eines Traumes des Pontus bemächtigt habe, erfahre ich [S. 359] von Strabo, und dass der Illyrier Baralires2 infolge eines Traumes von Molossus bis Macedonien geherrscht habe, lerne ich aus dem Kallisthenes.

Auch die Römer wissen von derartigen eingetroffenen Träumen. Dass der Wiederhersteller des Reiches, als er noch ein Knäblein und Privatmann im Orte und nur erst Julius Octavius war, Augustus und der Beendiger der Wirren des Bürgerkrieges werden würde, das hat bereits Marcus Tullius, der ihn nicht einmal kannte, infolge eines Traumes gewusst. So steht es in den Denkschriften des Vitellius.

Allein Träume sind nicht bloss der Weg, die höchste Herrschaft vorauszuverkünden, sondern auch Gefahren und Untergang; wie z. B., wenn Cäsar in der Schlacht gegen die Aufrührer Brutus und Cassius, obwohl krank, in der Meinung, sonst eine grössere Gefahr von den Feinden zu gewärtigen, auf eine Vision des Artorius hin das Zelt verliess und entkam.3 Des Polykrates von Samos Tochter erkannte seine Kreuzigung vorher, aus seiner Salbung mit Fett durch Sol und seiner Abwaschung durch Jupiter.4

Es werden auch Ehrenstellen und Erfindungen in der Zeit der Ruhe geoffenbart, Heilmittel kund gethan, Diebstähle enthüllt und Schätze verliehen. Ciceros hohe Würde hatte schon seine Kindsmagd, als er noch ein Knäbchen war, erschaut. Der Schwan, der vom Schoosse des Sokrates aus die Menschen bezaubert, war sein Schüler Plato. Der Faustkämpfer Leonymus wurde von Achill im Traume geheilt. Als Athen seine goldene Krone auf der Burg verloren hatte, fand sie der Tragödiendichter Sophokles im Traume wieder. Der Tragöde Neoptolemus bewahrte das Grabmal des Ajax zu Rhöteum bei Troja, im Schlafe von ihm selber gemahnt, vor Einsturz, und nachdem er die verwitterten Steine weggeräumt, kam er reich an Gold zurück.

Wie zahlreich aber sind nicht die Schriftsteller und Gewährsleute für diese Sachen! Artemon, Antiphon, Strato, Philochorus, Epicharmus, Serapion, Kratippus, Dionysius von Rhodus, Hermippus und die gesamte heidnische Litteratur. Nur lachen würde ich höchstens über den, der glaubt, mich überreden zu können, früher als alle habe schon Saturn geträumt. Für den Fall jedoch, dass Aristoteles5 früher als alle anderen Leute gelebt haben sollte, verzeihe man mir den Scherz. Epicharmus hat mit Philochorus dem Athener unter allen Vorbedeutungen den Träumen den höchsten Rang zuerkannt. Mit Orakeln dieser Art ist der Erdkreis bedeckt; solche sind: das des Amphiaraus zu Oropus, des Amphilochus zu Mallus, des Sarpedon in Troas, des Trophonius in Böotien, des Mopsus [S. 360] in Cilicien, der Hermione in Macedonien, der Pasiphaa in Lakonien. Die übrigen mit ihren Ursprüngen, Gebräuchen und Berichterstattern nebst der Gesamtgeschichte der Träume wird Hermippus von Berytus der Reihe nach in seinen fünf Büchern sattsam darbieten. Die Stoiker sind geneigt, zu glauben, dass die auf Belehrung der Menschheit so sehr bedachte Gottheit unter den anderen Hilfsmitteln der Weissagekünste und -Lehren uns auch die Träume verliehen habe, als besonderes Privilegium eines natürlichen Orakels.

So viel in bezug auf die Glaubwürdigkeit der Träume, insoweit sie von uns zu bestätigen, aber doch anders aufzufassen ist. In betreff der übrigen Orakel, bei denen kein Schlafen vorkommt, was werden wir anders sagen können, als dass sie ein dämonisches Verfahren der Geister sind, die bereits in den Menschen gewohnt oder ihrer Überlieferungen sich bemächtigt haben, zu jeglichem Aufputz ihrer Schlechtigkeit, die in diesem Falle sich lügnerisch die Gottheit beilegen und mit derselben Geflissentlichkeit auch durch Wohlthaten, wie z. B. Heilmittel, Warnungen und Vorherverkündungen, täuschen, um dadurch gelegentlich desto mehr Schaden zuzufügen, indem sie durch ihre erteilte Hilfe von der Untersuchung der Wahrheit unter falschen Einflüsterungen ablenken? Diese Macht ist keineswegs räumlich eingeschlossen und beschränkt sich nicht auf die Grenzen der Heiligtümer, sondern sie schweift und fliegt umher und ist vorläufig noch frei. Darum mag niemand daran zweifeln, dass sein Haus den Dämonen zugänglich sei und sie die Leute nicht bloss in den Tempeln, sondern auch in ihren Schlafgemächern durch Trugbilder täuschen.

1: Stadt in Karien, wo die Wahrsagerei gelehrt wurde. Cic. de divin. I. 41.
2: Ein gewisser Bardylis, Räuberhauptmann in Illyrien, besass eine grosse Macht. Diodor. Sic. XVI, 4. Cic. de off. II. 11.
3: Dio Cassius erzählt XLVII, 41, die Geschichte ein wenig anders.
4: Die Salbung durch Sol bedeutete das Schwitzen in der Sonnenhitze und das Abwaschen durch Jupiter den Regen, dem Polykrates am Kreuze ausgesetzt war.
5: Der dies behauptet haben muss.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger