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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

45. Cap. Über die Träume und deren Entstehung.

Wir sind gehalten, hier die christliche Ansicht über die Träume auseinanderzusetzen, weil sie zufällige Erscheinungen des Schlafes und nicht geringe Beunruhigungen der Seele bilden, welche, wie gesagt, infolge ihrer beständigen Beweglichkeit stets geschäftig und thätig ist, was die Art und Weise des Göttlichen und Unsterblichen so mit sich bringt. Wenn also die Ruhe dem Körper, dessen besondere Vergünstigung sie ist, zuteil [S. 357] geworden ist, so ruht die Seele, an dieser ihr fremden Vergünstigung unbeteiligt, keineswegs, sondern bedient sich, wenn sie des Dienstes der Glieder des Körpers entbehrt, ihrer eigenen.

Denke dir einen Gladiator ohne Waffen, einen Wettfahrer ohne Wagen; gestikulierend stellen sie jede in ihrer Beschäftigung vorkommende Stellung und Haltung dar; der kämpft, jener wettet, aber ihr Brüsten ist eitel. Nichts destoweniger scheint doch zu geschehen, was zu geschehen wiederum auch nicht scheint; es geschieht nämlich in Vornahme der Handlung, nicht der Wirkung nach. Diese Erscheinung nennen wir Ekstase, eine Ausschreitung des Geistes und ein Ebenbild des Wahnsinns. So begann auch im Uranfang der Schlaf mit einer Ekstase. „Gott schickte eine Ekstase über Adam, und er schlief ein.”1 Denn der Schlaf kommt dem Körper zu statten zum Zweck der Ruhe, die Ekstase aber kommt über die Seele der Ruhe entgegen, und auf Grund dessen ist ihre Form die, den Schlaf mit der Ekstase zu verbinden, und ihre Natur beruht auf dieser Form.

So empfinden wir im Traume auch Lust, Traurigkeit und Schrecken und sind so ergriffen, ängstlich und leidend wie möglich, da wir doch, wenn wir selbstbewusst träumten, in nichts würden aufgeregt werden, weil es sich natürlich nur um inhaltleere Bilder handelt. Die guten Thaten, die im Schlafe geschehen, sind ebenfalls umsonst und die Vergehungen straflos. Wir werden wegen einer buhlerischen Traumerscheinung ebensowenig verworfen, als wegen eines geträumten Martyriums gekrönt. Wie kommt es nun, fragt man, dass die Seele die Träume in Acht behält, da sie doch in keiner Weise selbstbewusst sein soll? –— Das ist diesem bewusstlosen Zustande so eigen, weil derselbe nicht eintritt infolge eines Schadens an der Gesundheit, sondern aus einem natürlichen Grunde; denn er vertreibt nicht die Seele, sondern ruft sie nur ab. Etwas anderes ist bewegen als darniederschlagen, fortrücken etwas anderes als umstürzen. Dass also das Gedächtnis noch da ist, das ist ein Zeichen, dass der Geist sich wohlbefindet; wenn aber der gesunde Geist bei unvermindertem Gedächtnisse still steht, so ist das eine Art Blödsinn. Daher sagen wir auch nicht, wir rasen, sondern wir träumen; daher gelten wir dabei als ganz vernünftig, wenn wir es sonst nur sind. Obwohl unser Nachdenken verdunkelt wird, so ist es doch nicht ausgelöscht; nur kann es eben scheinen, als sei es zur Zeit unthätig, die Ekstase, aber auch darin auf ihre eigene Weise thätig, dass sie uns ebensowohl Bilder der Weisheit eingibt als Bilder des Irrtums.

1: I. Mos. 2, 21.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger