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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

37. Cap. Die Geburt und Kindheit des Menschen, welche die Heiden unter den Schutz mehrerer Gottheiten stellen, steht in Wirklichkeit unter der Obhut der Engel. Die Seele wächst mit dem Leibe. Doch besteht ihr Wachstum nur in der Entfaltung der Kräfte.

Sämtliche Vorgänge bei der Aussaat, der Zusammenfügung und Bildung des Menschen im Mutterleibe leitet natürlich eine gewisse Macht, die dem göttlichen Willen dient und die bestimmt ist, alles dahin Gehörige in Bewegung zu setzen. Dieses erkennend hat der römische Wahnglaube die Göttin Alemona ersonnen, um den Fötus im Mutterleibe zu ernähren, sodann die Göttinnen Nona und Decima, von wegen der stärkere Besorgnisse erweckenden Monate, die Partula, welche die Entbindung leitet, und die Lucina, welche den Fötus an das Licht bringt. Wir dagegen glauben, dass diese göttlichen Obliegenheiten von Engeln verrichtet werden. Von dem Zeitpunkte an ist also der Fötus im Mutterschoosse ein Mensch, von wo an seine Form vollständig ist. Denn das Gesetz Moses' unterwirft den, der eine Frühgeburt verschuldet, dem Gesetz der Vergeltung,1 da es sich bereits um einen Menschen handelt, die Verhältnisse von Leben und Sterben bereits auf denselben Anwendung finden und auch das Schicksal bereits auf ihn einwirkt, wenn er in der Regel auch nur das Schicksal seiner Mutter teilt, so lange er noch in der Mutter lebt,

Um nach der Ordnung zu verfahren, will ich auch etwas über die Zeit der Entstehung der Seele sagen. Die regelmässige Zeit der Geburt ist gewöhnlich der Anfang des zehnten Monats. Die, welche Gewicht auf die Zahlen legen, halten auch wohl den Numerus decurialis, die Zahl Zehn als Stammmutter der übrigen und sogar als Vervollkommenerin der menschlichen Geburt in Ehren. Ich hingegen deute dieses Zeitmass mehr auf Gott. Die zehn Monate weisen also vielmehr den Menschen für den Dekalog ein, so dass wir in einem mit derselben Zahl bemessenen Zeitraume geboren werden, wie er der Wiedergeburt durch die Disziplin entspricht. Da auch mit sieben Monaten die Geburt schon eine reife ist, so erkenne ich darin leichter als beim achten die Ehre des Sabbats wieder, so dass das Ebenbild Gottes manchmal am ebensovielten Monate das Licht erblickt, als am wievielten Tage die Schöpfung ihre Weihe erhielt. Es ist der Geburt verstattet, der Zeit vorauszueilen, und demnach ganz passend [S. 348] mit der Woche zusammenzutreffen, zur Vorbedeutung der Auferstehung, Ruhe und Herrschaft. Daher bringt die Achtzahl uns nicht hervor; denn dann werden keine Hochzeiten sein.2

Das Beisammensein von Leib und Seele vom Zusammentritt der Samenkeime an bis zur Vollendung des Gebildes haben wir eben schon gezeigt. Jetzt behaupten wir dasselbe ebenso nach der Geburt, vorzüglich deshalb, weil sie zusammen wachsen, jedoch in verschiedener Weise, je nach ihrer Beschaffenheit und Art, der Leib dem Maasse, die Seele der Anlage nach, der Leib hinsichtlich der Haltung, die Seele hinsichtlich der Erkenntnis. Ein Wachstum der Seele der Substanz nach muss man aber in Abrede stellen, um nicht auch ein Abnehmen der Substanz nach aussagen und so auch an ein Verschwinden glauben zu müssen. Ihre Kraft, in welcher die natürlichen mitentstandenen Gaben verbleiben, produziert sich vielmehr allmählich mit dem Leibe, wobei das kleine Maass der Substanz, welches von Anfang an eingehaucht ist, unverändert bleibt. Nimm ein bestimmtes Gewicht Gold oder Silber, eine noch ungefügige Masse! Es ist seinem Aussehen nach noch zusammengedrückt und kleiner als späterhin; dennoch schliesst es in den Grenzlinien seines geringen Umfanges alles das ein, was zur Natur des Goldes oder Silbers gehört. Sodann aber, wenn die Masse zu einem Blech ausgedehnt wird, wird sie grösser als anfangs, infolge der Ausdehnung des bestimmten Gewichtes, nicht durch Hinzuthun, indem sie ausgedehnt, nicht indem sie vermehrt wird. Sie wird zwar auch dann vermehrt, wenn man sie ausdehnt; denn man kann sie auch für den blossen Anblick vermehren, obwohl man es in der Sache nicht kann. Dann tritt erst der eigentliche Gold- oder Silberglanz hervor, der sich in der Masse allerdings auch befand, aber verdunkelt, indes doch immerhin vorhanden. Sodann treten immer andere Erscheinungsformen ein, je nach der Bildsamkeit der Materie, und je nachdem sie der gestaltet, der sie treibt, der zur Masse gleichwohl nichts hinzuthut als die Gestalt. So ist auch das Wachstum der Seele anzusehen, nicht als ein wesentliches, sondern als ein hervorgerufenes.

1: II. Mos. 21, 22 ff.
2: Denn die Acht ist die symbolische Zahl der Vollkommenheit und bedeutet den Himmel.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger