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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

35. Cap. Karpokrates nimmt die Lehre von der Seelenwanderung zu Hilfe, um seine anomistischen Theorien damit zu stützen.

Simon ist es aber nicht allein, dem die Metempsychose auf eine solche Fabel verholfen hat. Auch Karpokrates1 macht davon Gebrauch, ebenfalls ein Magier und ein Hurer, wenn auch um die Helena ärmer als Simon. Oder etwa nicht? Hat er doch behauptet, die Seelen müssten deshalb wieder in Leiber zurückversetzt werden, damit sich ein gänzlicher Umsturz der göttlichen und menschlichen Ordnung vollziehe. Denn keinem werde dieses Leben angerechnet, wenn er nicht alles, was man als Schuld bezeichnet, durchgemacht habe, weil nichts an sich schlecht sei, sondern nur in der Meinung der Menschen. Daher stehe uns die Metempsychose mit Notwendigkeit bevor, wenn man nicht gleich beim ersten Verweilen in diesem Leben in allem Unerlaubten Genüge leiste. Missethaten seien nämlich ein notwendiger Tribut vom Leben. Die Seele habe so oft die Rückkehr zu erwarten, als sie zu wenig mitbringe und noch mit Sündigen im Rückstande sei; sie werde so oft in den Kerker des Leibes verstossen, als sie den letzten Heller noch nicht bezahlt habe.

Hierauf bezieht er nämlich diese ganze Allegorie des Herrn, deren Deutung doch so klar und sicher und die zuvörderst buchstäblich zu verstehen ist. „Unser Widersacher”2 ist nämlich der Heide, der auf demselben gemeinsamen Lebenswege einhergeht. Wir müssten sonst aus der Welt hinausgehen, wenn wir mit ihm nicht umgehen dürften. Diesem [S. 345] also heisst uns der Herr die Wohlthat des Geistes erteilen. „Liebet Eure Feinde und betet für die, so Euch fluchen”, sagt er nämlich, damit uns nicht einer, bei irgend einem Handelsgeschäfte durch Verluste gereizt, vor seinen Richter schleppe, und wir, ins Gefängnis geworfen, zur Bezahlung der ganzen Schuld angehalten werden. Wenn dann unter dem „Widersacher” der Teufel verstanden wird wegen seines uns stets verfolgenden Auflauerns, so wird man damit ermahnt, auch mit ihm in jenes Vertragsverhältnis zu treten, welches seit dem Bunde des Glaubens gilt. Wir haben ja versprochen, ihm, seiner Pracht und seinen Engeln zu widersagen. Hierüber seid Ihr unter einander übereingekommen. Darin wird unsere Freundschaft bestehen, die auf der Beobachtung des Versprechens beruht, hinterher nichts von dem wieder aufzunehmen, was man abgeschworen, was man ihm zurückgegeben hat, damit er uns nicht vor dem göttlichen Richter Betrug und Übertretung des Vertrags vorwerfe — wie wir lesen, dass er anderwärts den Ankläger der Heiligen gemacht habe schon wegen seines Namens Diabolus, Verleumder, — und damit der Richter uns nicht seinem Gerichtsengel übergebe und dieser uns nicht in den Kerker, die Unterwelt, bringe, von wo man nicht wird entlassen werden, bis auch die geringste Sünde durch Hinausschiebung der Auferstehung bezahlt ist.

Was ist passender als diese Deutung, was zutreffender als diese Auslegung? Wenn die Seele aber nach Karpokrates alle Schandthaten zu begehen schuldig ist, wer soll dann unter ihrem Feinde und Gegner zu verstehen sein? Am Ende wohl der gute Geist, der in sie ein wenig Unschuld hineingelegt hat, um sie wieder und wieder in Körper zu verstossen, bis sie des Wohlverhaltens in nichts mehr schuldig befunden wird. Das hiesse an den schlechten Früchten den guten Baum erkennen, nämlich die schlechtesten Gebote als Lehren der Wahrheit anerkennen.

Es ist zu erwarten, dass diese Häretiker sich auch des Elias als Beispieles bemächtigen, als sei er in Johannes in einer Weise wieder erschienen, dass der Ausspruch des Herrn der Seelenwanderung günstig wird: „Elias ist schon gekommen und sie haben ihn nicht erkannt”;3 und anderswo: „Wenn Ihr hören wollt, hier ist der Elias, der kommen soll.”4 Haben also die Juden im Sinne der Pythagoräer den Johannes gefragt: „Bist Du Elias?” und nicht vielmehr infolge der göttlichen Verheissung: „Siehe, ich will Euch Elias senden, den Thesbiter.”5 Bei den Pythagoräern bedeutet Seelenwanderung die Zurückrufung einer Seele, die längst verstorben ist und in einen andern Körper einkehrt. Elias aber hat das Leben gar nicht verlassen, sondern wird aus einer Entrückung zurückkommen. Er soll auch nicht dem Körper wiedergegeben werden, da er nicht ihm entrissen ist, sondern wird nur wieder in die Welt zurückversetzt, [S. 346] aus welcher er entrückt wurde, nicht um sein Heimatsrecht am Lehen zu behaupten, sondern um seine Prophezie zu vervollständigen, derselbe und kein anderer, sowohl dem Namen als der Person nach.

Aber inwiefern ist denn Johannes ein Elias? — Wir haben das Wort des Engels: „Er wird vor ihm hergehen vor dem Volke in der Macht und dem Geiste des Elias”,6 nicht aber in dessen Seele und Leibe. Denn dies sind die Substanzen, die einem jeden Menschen besonders angehören. Geist aber und Macht werden von aussen hinzugegeben durch die Gnade Gottes. Daher können sie auch auf einen andern übertragen werden durch den Willen Gottes, wie es früher mit dem Geiste des Moses geschehen ist.

1: Über Karpokrates vgl. Irenäus I, 25, §. 4.
2: Matth. 5, 25. Vgl. Luk. 12, 58.
3: Matth. 17, 12.
4: Matth. 11, 14.
5: Malach. 4, 5.
6: Luk. 1, 17.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger