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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

33. Cap. Zu sagen, sie werden zur Strafe dahin verbannt, würde zu grossen Absurditäten führen.

Auch wenn dieser Lehrsatz durch eine Berufung auf das Gericht gestützt und gesagt wird, die menschlichen Seelen würden je nach ihrem Lebenswandel und Verdienst für eine entsprechende Tierart bestimmt — die, welche abgewürgt werden müssten, seien alle im Schlachtvieh, die unter das Joch zu bringenden, im Lastvieh, die abzutreibenden im Arbeitsvieh, die schnöde Behandlung verdienen, im unreinen Vieh, umgekehrt, die in Ehren zu halten, zu liebkosen, zu pflegen und zu begehren wären, befänden sich alle in zierlichen, treuen, nützlichen und zärtlichen Tierarten — auch dann würde ich sagen, wenn sie verändert werden, so wird ihnen nicht in ihrer eigenen Person vergolten, was sie verdienen, und der Begriff Gericht wird illusorisch, wenn das Gefühl der Vergeltung fehlt. Sie wird nicht gefühlt, wenn der Zustand der Seelen gewechselt hat; der Zustand der Seelen aber wechselt, wenn sie nicht dieselben bleiben. Bestehen sie in ähnlicher Weise fort für das Gericht, was auch der ägyptische Merkurius lehrt, indem er sagt: „Die aus dem Körper geschiedene Seele fliesst nicht in die Allseele zurück, sondern bleibt in ihrer Besonderheit bestehen, damit sie”, sind seine Worte, „dem Vater Rechenschaft über das gebe, was sie im Leibe gethan hat” — so will ich doch an die Gerechtigkeit, Strenge, Majestät und Würde des göttlichen Gerichts erinnern und zu bedenken geben, ob dann nicht die menschliche Art zu urteilen durch Achtbarkeit ihrer beiderlei Sentenzen, der strafenden sowohl als der belohnenden, weil strenger im Ahnden und liberaler im Nachlassen, vor jener bei weitem den Vorzug habe.

Was soll aus der Seele eines Mörders werden? Vermutlich ein Vieh, das für die Schlachtbank und den Metzger bestimmt ist, damit sie gerade so abgewürgt werde, wie sie abgewürgt hat, abgehäutet werde, wie sie [S. 341] geplündert hat, und auch zur Speise vorgesetzt werde, weil sie die in Wäldern und unwegsamen Gegenden Ermordeten den wilden Tieren preisgegeben hat. Wenn des Mörders Seele hierzu verurteilt wird, so weiss ich nicht, ob es ihm nicht mehr zum Troste als zur Strafe gereicht, durch gut bezahlte Köche seine Bestattung zu finden, nach Vorschrift eines Apicius und Lurco in Gewürzen begraben, auf Ciceronianische Tische gestellt, in glänzenden Sullanischen Schüsseln aufgetragen zu werden, sein Leichenbegängnis durch ein Gastmahl zu finden, von seinesgleichen und nicht von Habichten und Wölfen verspeist zu werden. Im Körper eines Menschen begraben und in sein eigenes Geschlecht zurückgekehrt, würde er so eine Auferstehung zu feiern scheinen und im Vergleich damit die Urteilssprüche der Menschen, wenn er sie je erfahren haben sollte, verlachen. Denn diese lassen den Mörder durch verschiedene auserlesene und gegen ihre Natur abgerichtete Bestien zerreissen, und zwar lebendig; das Sterben wird ihm nicht leicht gemacht, sondern sein Ende verzögert zur Vervollständigung der Strafe. Selbst wenn seine Seele schon entflohen sein sollte, bevor das Schwert ihm den Garaus macht, so wird sein Leib dem Eisen damit noch nicht entronnen sein. Es wird ihm trotzdem noch Kehle, Bauch und Brustkasten durchbohrt und dadurch Vergeltung für seine Schandthat geübt. Dann wird er dem Feuer übergeben, damit er auch um das Begräbnis gestraft werde. Anders geht es nicht. Auch die Sorgfalt bei seiner Verbrennung ist nicht gross, so dass andere Tiere die Überreste finden, wenigstens wird mit seinen Gebeinen keine Schonung und mit seiner Asche, die mit Nacktheit bestraft werden muss,1 keine Nachsicht geübt. Die Bestrafung des Mordes von seiten der Menschen ist so schwer, als die Natur selbst, welche gerächt wird, für erhaben angesehen wird. Wer würde da nicht die Gerechtigkeit dieser Welt höher stellen, von welcher auch der Apostel bezeugt, dass sie nicht umsonst mit dem Schwerte bewehrt sei,2 und welche durch ihre zum Wohle der Menschen geübte Strenge Ehrfurcht einflösst!?

Denken wir an die Art und Weise, die übrigen Verbrechen zu ahnden, an die Kreuze, das Lebendigverbrennen, die Säcke,3 die Krallen, die Felsen,4 so frage ich, käme man nicht besser davon, wenn man sein Urteil nach Pythagoras oder Empedokles litte? Denn auch die, welche, um durch Arbeiten und Frondienste bestraft zu werden, in Leibern von Eseln oder Maultieren wieder kommen, wie werden sie sich zu den Tretmühlen und Wasserschöpfrädern Glück wünschen, wenn sie sich an die Bergwerke, Arbeitshäuser und öffentlichen Zwangsarbeiten erinnern, ja selbst an die einfachen Kerker, wo man nicht arbeitet!

[S. 342] Für die Leute, denen ihre unbescholtenen Sitten beim Richter zur Empfehlung ihres Lebens gereichen sollten, sehe ich mich nach Belohnungen um, finde aber umgekehrt für sie nur Strafen. Freilich, es ist eine grosse Gunst für die Guten, in irgend ein Tier verwandelt zu werden! Wie den Ennius träumte, erinnerte sich Homer, ein Pfau gewesen zu sein. Ich glaube den Poeten noch nicht einmal, wenn sie wachen. Obwohl der Pfau ein sehr schönes Tier und mit allen Farben geschmückt ist, sein Gefieder ist stumm, ja, seine Stimme missfällt sogar, während die Poeten an nichts mehr Gefallen finden als am Singen. Demnach ist Homer in einen Pfau nicht begnadigt, sondern verurteilt. Er würde über eine ihm von der Menschenwelt zugeteilte Belohnung grössere Freude empfinden, da er als Vater der geistigen Bildung gilt, und die Zierde seines Ruhmes ist ihm lieber als ein Schweif. Gut nun, gesetzt, die Poeten gingen in Pfauen und Schwäne über, da die Schwäne wenigstens eine ausgezeichnete Stimme haben, welchen Tierleib wird man den Äacus anziehen lassen, diesen so gerechten Mann? In welche Bestie die Dido kleiden, dieses so untadelhafte Weib? Welcher Vogel wird für die Geduld, welches Vieh für die Heiligkeit, welcher Fisch für die Unschuld bestimmt sein? Sie alle sind bestimmt, dem Menschen zu dienen, ihm unterthänig und sein eigen zu sein. Wird jemand in eins von ihnen verwandelt, so wird dadurch einer degradiert, dem man wegen der Verdienste während seines Lebens Bilder, Statuen, Ehrentitel, öffentliche Auszeichnungen und Privilegien zuerkennt, dem die Kurie und das Volk seine Huldigungen darbringt. Ach, die göttlichen Urteile nach dem Tode wären dann trügerischer als die der Menschen, zu leicht in ihren Strafen und widerlich in ihren Belohnungen! Von den Bösen würden die ersteren nicht gefürchtet, von den Guten die letzteren nicht begehrt; die Verbrecher würden ihnen eifriger nachlaufen als die Heiligen; jene, um der Gerechtigkeit der Menschenwelt schneller zu entgehen, diese, um sie desto später zu erlangen.

Das ist mir eine schöne Lehre, eine erspriessliche Überzeugung, die Ihr Philosophen uns gebt, die Strafen und Belohnungen nach dem Tode seien geringer, während das Gericht, welches etwa der Seelen wartet, bei der Abrechnung für das Leben doch für strenger gehalten werden muss als das während seiner Führung. Denn das Letzte ist immer das Vollständigste, nichts aber ist vollständiger als das Göttliche. Daher wird Gott das vollständigste Gericht halten, weil es das letzte ist, und einen ewigen Urteilsspruch thun sowohl hinsichtlich der Strafe als des Lohnes, nicht für Seelen, die in Tierleiber, sondern für Seelen, die in ihre eigenen Leiber zurückkehren, und zwar ein- für allemal, für den Tag, den nur der Vater allein kennt, damit in schwebender Erwartung der bange Glaube bewährt werde, der immer den Tag erwartet, den er niemals kennt, und der täglich fürchtet, was er täglich hofft.

1: D. h. die nicht in einer Urne beigesetzt werden darf, sondern weggeschüttet wird.
2: Röm. 13, 4.
3: In welche man die Vatermörder einnähte, um sie zu ersäufen.
4: Z. B. den Tarpejischen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger