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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

31. Cap. Schwierigkeiten, die sich aus dem Lebensalter und den Beschäftigungen der Menschen gegen die Seelenwanderung ergeben.

Gesetzt nunmehr, es würden aus den Toten Lebendige, dann aber doch aus den einzelnen Personen immer nur wieder einzelne Personen. Es hätten also die Seelen der einzelnen Körper als einzelne in die einzelnen Körper zurückkehren müssen. Wenn sie nun aber zu je zwei, drei bis zu fünf in einen Mutterschooss Aufnahme finden, so entstehen nicht aus den Toten Lebendige, weil nicht je ein Individuum aus je einem. Auch dadurch findet die ursprüngliche Regel ihre Bestätigung, dass auch jetzt noch mehrere Seelen aus einer einzigen hervorgehen.

Da die Seelen in verschiedenem Lebensalter von hinnen scheiden, warum, frage ich da, kommen sie alle denn in demselben Alter wieder? Alle Geborenen befinden sich im Kindesalter. Was soll das aber heissen, dass ein verstorbener Greis als Kind zurückkehrt und seine Seele draussen in rückläufigem Alter abnimmt? Wie viel angemessener wäre es, wenn die Seelen tausend Jahre später vorangeschrittener zurückkämen, oder wenigstens in demselben Alter als bei ihrem Tode, um die abgebrochene Lebensperiode von neuem aufzunehmen!

Gesetzt auch, sie kämen immer als dieselben wieder, so müssten sie, wenn auch nicht dieselben Körperformen, so doch die vorigen Eigentümlichkeiten in den Geistesanlagen, Studien und Neigungen mit sich zurückbringen. Denn wenn sie dessen entbehren, woran man ihre Identität erkennt, so würde es ja ein übereiltes Urteil sein, sie für identisch zu halten. Woher weisst Du denn, wendet man mir ein, ob es nicht im Verborgenen doch so ist, aber der tausendjährige Zeitraum mag die Fähigkeit rauben, sie wiederzuerkennen, da es uns unbekannte sind, die zurückkehren. [S. 337] O bitte, ich weiss sehr wohl, dass es sich nicht so verhält, da es ja Pythagoras-Euphorbus ist, den man mir entgegenstellt. Denn siehe, Euphorbus ist, wie schon durch die Auszeichnung seiner zum Weihgeschenk gemachten Schilde zur Genüge feststeht, eine kriegerische und soldatische Seele gewesen. Pythagoras dagegen war so friedlich und unkriegerisch, dass er die damaligen Kämpfe in Griechenland vermeidend das ruhige Italien vorzog, ganz der Geometrie, Astronomie und Musik hingegeben, ganz fremd den Neigungen und Beschäftigungen des Euphorbus. Pyrrhus beschäftigte sich mit Überlistung der Fische, Pythagoras aber nicht einmal mit deren Verspeisung, da er sich von Tierischem enthielt. Äthalides und Hermotimus fielen über ihre Bohnen her als alltägliche Speise; Pythagoras dagegen lehrte seine Schüler, sie sollten nicht einmal an Bohnenpflanzungen vorübergehen. Wie wäre es also möglich, dass dieselben Seelen wieder angenommen würden, da sie sich weder nach ihren Anlagen noch durch Fertigkeiten und Lebensweise als dieselben ausweisen?

Von der grossen Anzahl Seelen aus Griechenland werden ferner nur vier angeführt. Und warum denn bloss solche aus der Schar der Griechen? Warum finden nicht aus jedem Volk, jedem Alter, jeder Lebensstellung und auch aus jedem Geschlecht täglich Metempsychosen und Metensomatosen statt? Warum erkennt sich Pythagoras allein als den oder den wieder und warum erkenne ich mich nicht auch? Oder wenn das ein Vorzug der Philosophen ist, und noch dazu der griechischen — als ob nicht die Scythen und Indier auch philosophierten — warum erinnert sich nicht Epikur, früher der und der gewesen zu sein, warum nicht Chrysippus, Zeno und nicht einmal Plato, den wir etwa für Nestor angesehen haben würden wegen seiner honigartigen Wohlredenheit?

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger