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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

30. Cap. Wenn eine Seelenwanderung stattfände, so müsste die Zahl der Menschen immer die gleiche bleiben.

Was werden wir aber auf die übrigen Punkte erwidern? Erstens, wenn aus den Toten Lebendige sowie aus den Lebendigen Tote entständen, so würde die Anzahl sämtlicher Menschen immer durchaus dieselbe geblieben sein, nämlich jene Anzahl, welche zuerst in das Leben eingetreten war. Denn die Lebendigen sind ja früher als die Toten, danach werden Tote aus den Lebendigen und dann wiederum aus den Toten Lebendige. Und wenn dies immer in derselben Weise geschieht, so sind es immer dieselben, welche aus denselben hervorgehen. Es würden weder mehr noch weniger ausgehen als zurückkommen.

Nun finden wir aber in den Berichten der antiquitates humanae,1 dass das Menschengeschlecht nach und nach sich ausgebreitet habe, indem die Aboriginer, entweder als Herumstreicher oder Verbannte oder als Sieger, fortwährend neue Länder besetzten, so die Scythen das Partherland, die Temeniden den Peloponnes, die Athener Asien, die Phrygier Italien und die Phönizier Afrika. Auch werden in förmlichen und feierlichen Auswanderungen, welche man ἀποικίαι [apoikiai] nennt, Schwärme Volks in der Absicht, die Last der Volkszahl zu vermindern, in fremde Gebiete ausgespieen. Jetzt nämlich bleiben die Aboriginer in ihren Wohnsitzen und suchen vielmehr ihre Volksmenge anderwärts für sich nutzbar zu machen. Wenigstens liegt es auf der Hand, dass der Erdkreis selbst von Tag zu Tag mehr angebaut wird und kultivierter ist als ehedem. Alles ist bereits zugänglich, alles erforscht, alles für den Verkehr erschlossen; verrufene Einöden sind längst in die lieblichsten Triften verwandelt, Wälder zu Ackerfeld urbar gemacht, die wilden Tiere durch die zahmen vertrieben, Sandflächen besäet, Felsen gesprengt, Sümpfe ausgetrocknet und die Zahl der Städte so gross als ehedem die der Hütten. Auch die Inseln sind nicht mehr Gegenstand der Furcht, Klippen schrecken nicht mehr, überall sind Wohnungen, überall Bevölkerungen, überall Staaten, überall Leben. Wir sind der Erde eine Last, kaum reichen die Elemente für uns aus, die Bedürfnisse werden knapper und überall gibts Klagen, da uns die Natur bereits nicht mehr erhalten will.

[S. 336] Seuchen, Hunger, Kriege, Untergang von Städten sind schier für Heilmittel zu halten, für eine Art Beschneidung des überwuchernden menschlichen Geschlechtes. Und doch, wenn dergleichen Sensen einmal eine gewaltige Menge Sterblicher wegmähen, so ist der Erdkreis noch niemals vor der Wiederbringung, welche nach eintausend Jahren einmal die Toten als Lebende zurückführen soll, bange gewesen. Wenn aus Toten Lebende würden, so hätte die wiederherstellende Macht, welche die gleiche ist wie beim Verluste, auch dies fühlbar gemacht. Warum aber werden erst nach tausend Jahren und nicht sogleich aus Toten Lebende? Wenn das Verschwundene nicht sofort wieder erscheint, so läuft es ja Gefahr, gänzlich zu vergehen, indem das Hinschwinden dann einen zu grossen Vorsprung hätte vor der Wiederherstellung. Denn die gegenwärtige Lebensdauer ist dem nicht entsprechend, sondern viel kürzer als tausend Jahre und darum leichter auszulöschen als wieder anzufachen. Alles Leben würde also, wenn die Lebenden aus den Toten entstünden, auf diese Weise erloschen sein. Da es aber noch nicht erloschen ist, so wird auch nicht anzunehmen sein, dass die Lebendigen aus den Toten entstehen.

1: Von Varro.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger