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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

28. Cap. Die Lehre des Pythagoras von der Seelenwanderung. Prüfung der Geschichte des Euphorbus.

Was ist das für ein alter Dialog, dessen Plato gedenkt,1 der über das abwechselnde Hin- und Hergehen der Seelen sagt, dass, wenn sie sich von hier entfernen, sie dorthin gehen, dann wiederum hierher kommen und leben, sodann aus dem Leben scheiden und wiederum aus Toten Lebende werden? Er ist Pythagoräisch, wie einige behaupten, oder göttlich, wie Albinus meint, oder er rührt vielleicht von Merkur her, wie die Ägypter sagen.

Göttliche Aussprüche aber gibt es keine, als die des einen einzigen Gottes, wie sie die Propheten, die Apostel und Christus selbst kund gethan haben. Moses ist ja schon älter als Saturn, etwa neunhundert Jahr, [S. 333] natürlich noch viel älter als dessen Urenkel, göttlich aber gewiss in noch viel höherem Grade. Er hat den Verlauf der Geschicke des Menschengeschlechtes durch die einzelne Generationen hindurch mit Namen und nach Zeiten angezeigt, indem er die Göttlichkeit seines Auftretens durch die göttliche Seherkraft seines Wortes hinlänglich bewährte. Wenn aber für die infolge der abwechselnden Wiederherstellung der Lebendigen und Toten sich stets wiederholende Wiederkehr der Seelen der Sophist aus Samos Platos Gewährsmann ist, dann hat sich Pythagoras, wenn auch sonst ein guter Mann, um seine Lehre zu stützen, auf eine nicht bloss schändliche, sondern sogar verwegene Lügerei verlegt. Man untersuche die Sache, wenn man sie noch nicht kennt, und sei mit uns gläubig!

Er gibt vor, gestorben zu sein, verbirgt sich in einem unterirdischen Raume, verurteilt sich zu siebenjährigem Aufenthalt daselbst und erfährt mittlerweile durch seine Mutter, die seine einzige Mitwisserin und Gehülfin in der Sache ist, die Dinge, die er mit dem Schein der Glaubwürdigkeit über die nach ihm Gestorbenen erzählen will. Sobald es ihm scheint, als habe er lange genug seine Leiblichkeit verleugnet, steigt er mit allen Schrecknissen eines längst Verstorbenen aus seinem betrügerischen Asyle, wie einer, den die Unterwelt wiederhergegeben hat. Wer sollte einen Menschen, von dessen Ableben er nichts gehört hat, nicht für wieder aufgelebt halten? Zumal wenn er von ihm über die seither Verstorbenen Dinge hört, die dieser nur in der Unterwelt erfahren haben zu können scheint?! So lautet die ältere Erzählung darüber, dass die Toten wieder lebendig werden können. Was läge daran, wenn sie jünger wäre? Denn die Wahrheit braucht nicht das Altertum als Stütze, und die Lüge schreckt auch vor der Makel der Neuheit nicht zurück.

Ich halte die Sache für vollständig erlogen, wenn auch diese Lüge durch hohes Alter geadelt ist. Und wie sollte das nicht falsch sein, dessen Beweis falsch ist? Wie könnte ich glauben, dass Pythagoras nicht lüge, da er lügt, damit ich glaube? Wie will er mich überreden, dass er früher, bevor er Pythagoras gewesen, Äthalides, der Fischer Euphorbus, Pyrrhus und Hermotimus gewesen sei, um mich glauben zu machen, dass aus Toten wiederum Lebendige werden, er, der fälschlich beteuert hat, er werde wiederum Pythagoras sein? Wäre er einmal als dieselbe Person wieder zum Leben zurückgekehrt und nicht so vielmal immer als ein anderer, so würde das viel glaubhafter sein. Da er in geringen Dingen schon gelogen hat, so hat er noch mehr in grösseren Betrug geübt.

Aber er erkannte ja den Schild des Euphorbus wieder, der sich einst zu Delphi als Weihgeschenk befand, nannte ihn den seinigen und bewies es aus sonst unbekannten Kennzeichen! — Denke doch nur an sein unterirdisches Gemach, und wenns dann noch geht, so glaube! Wer eine solche Schnurre ersonnen hat, zum Schaden seiner Gesundheit, mit dem [S. 334] Verluste seiner Lebensfreude, die sieben Jahre lang unter der Erde verkümmert wurde, durch Appetitlosigkeit, Unlust, Finsternis, wer eine solche Abneigung gegen das Himmelslicht hatte, welche Verwegenheit sollte ihm unerreichbar, welche Mittel der Neugier ihm unzugänglich sein, um zur Kenntnis jenes Schildes zu gelangen?! Wie aber, wenn er sie etwa in irgendwelchem alten vergessenen Geschichtsbuche fand? Wie, wenn er einige Bröckchen von einer schon verwischten Tradition erhaschte? Wie, wenn er ihn durch eine vom Küster heimlich erkaufte Besichtigung kannte? Wir wissen, dass in Erforschung verborgener Dinge dergleichen auch der Magie möglich ist durch die katabolischen, paredrischen und pythonischen Geister. Hat nicht auch Pherecydes, der Lehrer des Pythagoras, mit Hilfe solcher Künste geweissagt, um nicht zu sagen deliriert? Wie, wenn in ihm derselbe Geist sass, der durch Euphorbus blutige Thaten vollbrachte? Und endlich, wenn er sich als Euphorbus auswies mit Hilfe des Schildes, warum hat er denn nicht ebensogut einen von seinen trojanischen Kriegskameraden wieder erkannt? Diese wären doch wohl auch wieder aufgelebt, wenn aus Toten Lebendige würden!

1: Plato, Phädon, p. 70.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger