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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

19. Cap. Der Intellekt ist bereits in den Unmündigen vorhanden.

Wir dürfen auch nicht einmal die passieren lassen, welche der Seele, wenn auch nur für kurze Zeit den Intellekt absprechen. Damit machen sie sich nämlich den Weg frei, um ihn später eintreten zu lassen, sowie auch den Animus, von welchem der Intellekt ausgehen soll. Sie lehren, in der Kindheit werde der Mensch bloss von der Lebensseele erhalten, durch welche er das Leben schlechthin habe, ohne zugleich zu denken, weil ja nicht alles denke, was lebt. So leben z. B. auch die Pflanzen, ohne zu denken, nach Aristoteles1 und der Lehre aller derer, welche sonst etwa noch die animale Substanz über das ganze Weltall verteilt sein lassen, während sie nach unserer Lehre etwas dem Menschen allein eigentümliches ist, nicht sowohl darum, weil er ein Werk Gottes ist, was die übrigen Dinge auch sind, sondern weil er ein Hauch Gottes ist, was dieser Substanz allein zukommt, welche, wie wir behaupten, mit ihrer gesamten Ausrüstung versehen ins Dasein tritt.

Werden wir auf die Bäume hingewiesen, gut, so lassen wir uns diese Analogie gefallen; denn auch in ihnen steckt, wenn sie noch nicht einmal Bäumchen, sondern nur Reiser oder erst Schösslinge sind, schon ihre besondere Lebenskraft, sobald sie aus dem Boden herauskommen. Aber sie wird aus Rücksichten auf die Zeit noch zurückgehalten, erstarkt und wächst heran mit ihrem Stamme, so lange bis das reife Alter den Zustand vollständig herbeigeführt hat, worin die Natur wirken soll. Woher käme es sonst, dass sich alsbald an ihnen die Fruchtaugen bilden, die Blätter sich gestalten, die Knospen anschwellen, der Blütenschmuck hervortritt und die Fruchtsäfte sich sammeln, wenn nicht in jenen Schösslingen schon die ganze Eigenheit der Art schlummerte und in stückweiser Entwicklung heranreifte? Sie üben also ihr Denken von dem nämlichen Augenblick an aus, wo sie das Leben haben, sowohl ihr eigenartiges Denken als ihr eigenartiges Leben, und sind von ihrer Kindheit an sie selber.

Wie ich nämlich sehe, kennt auch der Weinstock, wenngleich er noch zart und unentwickelt ist, doch schon seine Aufgabe und strebt, sich an [S. 318] irgend etwas anzuhängen, worauf gestützt und worein verschlungen er wachsen will. Er wird sogar die Kunst des Landmannes nicht abwarten, sondern ohne Pfähle und Stützen, wenn er nur irgend einen Gegenstand erreichen kann, seine Verbindungen schliessen und ihn um so heftiger umarmen, wenn er es nach seinem eigenen Willen und nicht nach deiner Leitung thut. Er eilt, sich Sicherheit zu verschaffen.

Ich sehe, wie auch schon das kleinste Epheu sofort nach der Höhe strebt und, ohne dass es ihm jemand vormacht, sich anhängt, weil es lieber an den Wänden hängend einen verschlungenen Wald bildet, als sich auf der Erde von frevlem Mutwillen zertreten lassen will. Dagegen gibt es andere Gewächse, welchen an der Wand nicht wohl ist, sondern die beim Wachsen ihre Richtung davon hinwegnehmen und zurückweichen. Daraus mag man ersehen, dass ihre Zweige eine andere Richtung zu nehmen bestimmt sind, und das Leben des Baumes aus seiner Flucht von der Wand hinweg erkennen. Er ist zufrieden mit seiner Schiefheit,2 an die er sich von seinem ersten Anfang an schon als höchst vorsichtiger Schössling gewöhnt hat, aus Furcht vor gänzlichem Untergang.

Warum sollte ich diese Erscheinungen nicht als den Verstand und das Wissen der Bäume geltend machen? Mögen sie leben, wie die Philosophen wollen, und denken, wie die Philosophen nicht wollen. Besitzt der Baum in seiner Kindheit sein Denkvermögen schon, dann aber noch viel mehr der Mensch, dessen Seele gleich einem jungen Schössling aus Adam als der Mutterpflanze als Setzling heruntergeleitet und, den Gebärhöhlungen des Weibes anvertraut, mit ihrer gesamten Ausrüstung, sowohl mit Intellekt als sinnlichem Wahrnehmungsvermögen versehen, heranwächst. Ich will ein Lügner sein, wenn der Säugling, sobald er das Dasein mit Weinen begrüsst, nicht eben dadurch sofort bezeugt hat, dass er fühle und erkenne, er sei geboren, und damit sofort sämtliche Sinnesthätigkeiten zu gleicher Zeit beginnt, das Sehen durch das Licht, das Hören beim Schall, das Schmecken bei dargebotener Flüssigkeit, das Riechen mittels der Luft, das Fühlen auf der Erde.3 So wird er durch die ersten Eindrücke der Sinne und das erste Anklopfen der Erkenntnisse zu jenen ersten Lauten gezwungen.

Mehr noch wäre es, wenn einige sein Weinen als Folge der Voraussicht eines thränenreichen Lebens und Vorboten der Widerwärtigkeiten auslegen; danach wäre seine Stimme sogar für vorherwissend zu halten, nicht für bloss erkennend. Sodann erkennt er seine Mutter an ihrem Hauche, findet seine Amme heraus durch ihren Hauch, erkennt das Kindermädchen [S. 319] an dessen Hauch. Denn er weist die Brust einer Fremden ab, ein ungewohntes Bett verschmäht er und will zu niemandem gehen, als zu wem er kennt. Woher hat er das Urteil über Ungewohntes und Gewohntes, wenn er nicht fühlt? Woher kommt es, dass ihm etwas zuwider ist oder gefällt, wenn er nichts erkennt? Es wäre wirklich höchst wunderbar, wenn die Kindheit von Natur aus lebensvoll wäre und doch keinen Geist hätte, von Natur voll Liebe und doch ohne Erkenntnis. Christus, der aus dem Munde der Säuglinge und Unmündigen Lob erfuhr, hat weder das Kindes-noch das Säuglingsalter als blödsinnig bezeichnet. War doch die eine dieser beiden Altersstufen, ihm mit Zuruf entgegenkommend, imstande, ein Zeugnis für ihn darzubringen, die andere hat, für ihn gemordet, jedenfalls die Gewalt gefühlt.

1: De anima II, 2.
2: Es kommt mir vor, als passe parvitate nicht in den Zusammenhang. Denn nicht von einem kleinen, sondern schief gewachsenen, wegen ungünstigen Standortes verkrüppelten Baume ist die Rede. Sollte also nicht pravitate zu lesen sein?
3: Die Neugeborenen wurden dem Vater zu Füssen gelegt.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger