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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

17. Cap. Ob die Sinneswahrnehmungen zuverlässig seien?

Auch die Frage nach den bekannten fünf Sinnen, welche wir mit den Anfangsgründen der Wissenschaft kennen lernen, gehört hierher, [S. 311] weil die Häretiker auch sie zu Hilfe nehmen, Gesicht, Gehör, Geruch, Geschmack und Gefühl.

Die Akademiker verwerfen ihre Zulässigkeit in schroffer Weise, nach einigen Angaben auch Heraklit, Diokles und Empedokles. Plato nennt im Timäus die Sinneswahrnehmung eine unvernünftige und mit Einbildungen zusammenhängende. So wird der Sehkraft vorgeworfen, sie täusche, weil sie das Ruder im Wasser gekrümmt und gebrochen zeigt, obwohl man weiss, dass es ganz ist, weil sie einen vierkantigen Thurm von fern rund erscheinen lässt, weil sie einen überall gleich breiten Säulengang am Ende hässlich verengert, weil sie den Himmel, der so hoch über uns ist, mit dem Meere zusammenfliessen lässt. Ebenso macht sich das Gehör des Betrugs schuldig. Meinen wir, es dröhne vom Himmel her, so ist es ein Wagen; fängt der Donner an zu rollen, so halten wir es für das Getöse eines Wagens. Auch Geruch und Geschmack werden in der Art angeklagt. Denn dieselbe Salbe, derselbe Wein erscheint bei einem spätern Gebrauche geringer. Auch der Tastsinn wird getadelt. Denn die Hände halten das Getäfel des Fussbodens für rauh, die Füsse hingegen für glatt; beim Baden kündigt sich dasselbe Badewasser zuerst als sehr heiss, sodann als mässig warm an. Folglich, sagt man, werden wir durch die Sinne getäuscht, wenn wir unsere Meinungen ändern. Etwas gemässigter verfahren die Stoiker; sie beschuldigen nicht jede Sinnesempfindung der Lüge und nicht immer. Die Epikuräer dagegen verteidigen mit zu viel Hartnäckigkeit deren Gleichheit und Beständigkeit bei allen, aber nach einer andern Methode. Denn nicht der Sinn sei es, der lüge, sondern die Vorstellung. Der Sinn verhalte sich nur leidend, nicht vorstellend; die Seele aber stelle vor. Sie haben eine Trennung der Wahrnehmung vom Sinne und des Sinnes von der Seele vorgenommen. Woher denn die Wahrnehmung, wenn nicht vom Sinne? Wenn zum Beispiel das Gesicht den Turm nicht als etwas Rundes wahrnähme, so würde auch keine Wahrnehmung von der Rundheit vorhanden sein. Und woher die Sinneswahrnehmung, wenn nicht von der Seele? Darum wird ein der Seele entbehrender Körper auch ohne Sinneswahrnehmung sein. Also rührt auch die Sinneswahrnehmung von der Seele und die Vorstellung vom Sinne her, und das Ganze ist die Seele.

Übrigens wird die beste Proposition die sein, dass es immerhin etwas gebe, was bewirkt, dass die Sinne andere Meldungen machen, als es der Sache entspricht. Wenn nun Meldungen, die der Sache nicht entsprechen, gemacht werden können, warum sollte nicht durch dasselbe Medium etwas gemeldet werden können, was sich nicht in den Sinnen vorfindet, sondern in den Verhältnissen, welche unter deren Namen auftreten? Und so wird man sie denn also untersuchen dürfen. Gesetzt den Fall, das Ruder erscheine im Wasser gebogen oder gebrochen, so ist das Wasser schuld [S. 312] daran; denn ausserhalb des Wassers ist das Ruder für die Sehkraft gerade. Durch die Zartheit der genannten Substanz aber, kraft deren sie durch die Beleuchtung zu einem Spiegel wird, je nachdem man sie schlägt oder bewegt, wird auch das Bild in zitternde Bewegung gesetzt und die gerade Linie abgelenkt. Täuscht uns die Erscheinung des Turmes, so wird dies offenbar durch die Entfernung bewirkt. Die Gleichmässigkeit der uns umgebenden Luft überkleidet nämlich die Kanten mit gleichem Lichte und verwischt die Linien. So wird auch der an sich gleichbreite Säulengang am Ende verengert, indem die in einem geschlossenen Raume beengte Sehkraft durch dasselbe Mittel eine Schwächung erleidet, wodurch sie verstärkt wird. Der Himmel tritt mit dem Meere da in Vereinigung, wo die Sehkraft aufhört, welche, so lange sie besteht, eine Unterscheidung verstattet. Das Gehör aber, wodurch anders wird es getäuscht, als durch die Ähnlichkeit der Töne? Wenn die Salbe nachher weniger duftet, der Wein geringer schmeckt und das Bad weniger heiss ist, so ist fast bei allen diesen Dingen die erste Kraft die Hauptkraft. Im Urteil über Rauhheit und Glätte weichen Hände und Füsse selbstverständlich voneinander ab, weil jenes zarte, dieses schwielige Gliedmassen sind. Auf diese Weise wird jede Sinnentäuschung ihre Ursache haben.

Wenn nun die Ursachen es sind, welche die Sinne und durch die Sinne die Vorstellung täuschen, so wird man die Täuschung nicht mehr in die Sinne setzen dürfen, denn sie folgen den Ursachen, noch auch in die Vorstellungen, weil sie sich ja nach den den Ursachen folgenden Sinnen richten. Die Verrückten sehen eine Person für eine andere an, Orestes seine Schwester für seine Mutter, Ajax das Herdenvieh für den Odysseus, Athamas und Agave ihre Kinder für wilde Tiere. Wird man diesen Irrtum den Augen zur Last legen und nicht lieber den Furien? Die, welche wegen zu reichlichen Vorhandenseins von Galle an der Gelbsucht leiden, halten alles für bitter. Willst du nun dem Geschmacksinn diese Abweichung zur Last legen oder der Krankheit? So werden sämtliche Sinne aufgehoben und getäuscht — aber nur zeitweise, — um die Täuschung nicht zu ihrem Eigentum werden zu lassen.

Nicht einmal den Ursachen selbst darf man den Vorwurf des Betrugs machen. Denn wenn solche Erscheinungen ihren guten Grund haben, so verdienen sie nicht für Betrug angesehen zu werden. Was sich so zutragen muss, das ist kein Betrug. Wenn so also sogar die Ursachen von jedem Vorwurfe freigesprochen werden müssen, dann die Sinne noch vielmehr, da ihnen ja erst die Ursachen frei vorangehen. Wahrheit, Zuverlässigkeit und Vollständigkeit sollte deshalb den Sinnen gerade erst recht zugesprochen werden, weil sie keine andere Meldung machen, als wie die Ursache es ihnen vorschreibt, welche bewirkt, dass die Sinne andere Meldungen machen, als es der Sache entspricht.

[S. 313] Was also ist dein Beginnen, zudringliche Akademie? Du stürzest alle Lebensverhältnisse über den Haufen, du bringst die ganze Ordnung der Natur in Verwirrung, du bezichtigst die Vorsehung Gottes selbst der Blindheit, der uns an den Sinnen alsdann nur trügerische und lügnerische Führer zur Erkenntnis, Ausbildung, Verteilung und Geniessung seiner Werke verliehen hätte. Wird uns nicht durch die Sinne die ganze Schöpfung vermittelt? Tritt nicht durch sie auch noch die zweite Ausstattung zu den irdischen Dingen hinzu? All diese Künste, Erfindungen, geistigen Bestrebungen, Geschäfte, Pflichten, Handelsverbindungen und Heilmittel, Rat, Trost, Lebensunterhalt, Putz und Schmuck? Diese Dinge haben dem Leben erst Geschmack und Würze gegeben, indem der Mensch durch diese Sinne als das einzige vernunftbegabte unter allen lebenden Wesen dasteht, das zum Erkennen und Wissen befähigt ist und sogar zur Aufnahme in die Akademie.

Plato freilich leugnet, um nicht ein den Sinnen günstiges Zeugnis unterschreiben zu müssen, im Phaedon in der Person des Sokrates aus diesem Grunde, sich selbst erkennen zu können, wie die Inschrift zu Delphi ermahnt. Im Theaetet spricht er sich das Wissen und Empfinden ab und im Phaedon verschiebt er das Aussprechen seiner Ansicht als einer nachgeborenen Tochter der Wahrheit bis nach seinem Tode, philosophiert aber trotzdem, obwohl er noch nicht tot ist.

Uns aber ist es unter keiner Bedingung gestattet, die Zuverlässigkeit der Sinne in Zweifel zu ziehen, damit nicht auch bei der Person Christi an ihrer Zuverlässigkeit gezweifelt werde und es nicht etwa heisse, er habe sich getäuscht, als er vorhersah, dass Satan vom Himmel gestürzt werde, oder er habe fälschlich die Stimme des Vaters gehört, welche Zeugnis von ihm ablegte, oder er sei betrogen worden, als er die Schwiegermutter des Petrus berührte, oder er habe einen andern Duft für den Duft der Salbe genommen, welche er sich für seine Beerdigung gefallen liess, und einen andern Geschmack für den des Weines, welchen er zum Andenken an sein Blut konsekrierte. Denn das ist die Weise, wonach ihn Marcion lieber für ein Phantasma halten wollte und dessen ganzen Leib für Wirklichkeit zu halten verschmäht hat. Nicht einmal mit den Aposteln hat sich Christi natürliche Beschaffenheit einen Scherz erlaubt. Zuverlässig war sein Anblick und sein Reden auf dem Berge, zuverlässig war auf der Hochzeit in Galiläa der Geschmack des Weines, obwohl er vorher Wasser gewesen war, zuverlässig war auch die Betastung durch den von da an gläubigen Thomas. Lies doch nur die Beteuerung des Johannes: „Was wir gesehen, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen und was unsere Hände berührt haben vom Worte des Lebens.”1 [S. 314] Diese Beteuerung wäre jedenfalls falsch, wenn die Wahrnehmungen der Augen, Ohren und Hände von Natur aus trügerisch sind.

1: I. Joh. 1, 1.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger