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Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

11. Cap. Die Bezeichnung Hauch würde besser für die Seele passen als Odem. Die hl. Schrift lehrt die Einheit der Geistesseele mit dem physischen Lebensprinzip.

Die Seele hier Odem zu nennen, treibt mich der Stand der gegenwärtigen Untersuchung; denn das Atmen ist einer andern Substanz zugeschrieben worden. Wenn wir es der Seele selbst zuschreiben, die wir als eingestaltig und einfach anerkennen, so müssen wir uns des Ausdrucks Odem mit einer gewissen Modifikation bedienen, nicht als Bezeichnung eines Zustandes, sondern einer Thätigkeit, nicht für die Substanz, sondern für ihr Wirken, da sie atmet, nicht aber im eigentlichen Sinne der Lebensodem selbst ist. Denn auch das Hauchen ist Atmen. Wie wir also infolge ihrer Eigentümlichkeit behaupten, die Seele sei ein Hauch, so sprechen wir hier aus Notwendigkeit den Satz aus, sie sei Odem.

Im übrigen halten wir gegen Hermogenes, der behauptet hat, sie sei aus der Materie und nicht aus dem Hauche Gottes entstanden, im eigentlichen Sinne aufrecht, dass sie ein Hauch sei. Er macht nämlich gegen die Autorität der hl. Schrift selbst aus dem Hauche einen Odem, und meint somit, da es unglaublich sei, dass der Hauch Gottes in einen Fehltritt und infolge dessen dem Gerichte verfalle, die Seele sei aus der Materie und nicht aus dem Odem Gottes hervorgegangen. Darum [S. 304] haben wir auch dort den Satz verteidigt, sie sei ein Hauch und nicht ein Odem, in Gemässheit mit der hl. Schrift und der Unterscheidung des Ausdrucks. Hier dagegen sagen wir nur ungern von ihr aus, dass sie ein Odem sei wegen der Identität des Hauchens und des Atmens. Dort handelte es sich um die Substanz; denn das Hauchen ist eine Thätigkeit der Substanz.

Halten wir uns nun auch nicht länger dabei auf, als wegen der Häretiker nötig ist, die weiss Gott was für einen spirituellen Samen in die Seele hineinstopfen, der durch eine heimliche Freigebigkeit der Mutter Sophia ohne Wissen des Schöpfers ihr verliehen sein soll! Die hl. Schrift aber, die den Schöpfer, ihren Gott, besser kennt, hat nichts darüber weiter gemeldet, als dass Gott in das Antlitz des Menschen den Hauch des Lebens blies und der Mensch zur lebenden Seele geworden sei, wodurch er von da an sowohl lebt als atmet. Dabei ist dann der Unterschied zwischen Odem und Seele in den folgenden Schriften genugsam kenntlich gemacht, indem Gott selbst spricht: „Der Odem ist aus mir ausgegangen, und jeglichen Hauch, ich habe ihn gemacht.”1 Die Seele ist nämlich der aus dem Odem entstandene Hauch. Und wiederum heisst es: „Der, welcher dem Volke auf Erden den Hauch gegeben hat und Odem denen, die sie treten.”2 Zuerst hat nämlich Seele, d. i. Hauch, das Volk, das auf der Erde wandelt, d. h. welches im Fleische fleischlich handelt, sodann haben Lebensodem die, welche die Erde unter die Füsse treten, d. h. die Werke des Fleisches sich unterwerfen, wie denn auch der Apostel nicht das, was geistig ist, zuerst setzt,3 sondern erst das Animale und dann das Spiritale. Wenn Adam sofort als Prophet auftrat und das grosse Sakrament verkündete, in bezug auf Christus und die Kirche: „Dies ist jetzt Bein von meinen Beinen und Fleisch von meinem Fleisch; deswegen wird der Mensch Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhängen, und sie werden zwei sein zu einem Fleische”,4 — so erfuhr auch er ein plötzliches Überkommen des Geistes. Es kam nämlich eine Extase über ihn, eine die Prophetie des hl. Geistes vermittelnde Kraft.

Denn auch der böse Geist ist etwas, das einen überkommt. So verwandelte z. B. der Geist Gottes den Saul nachher in einen andern Menschen, d. i. in einen Propheten, da es heisst: „Was ist dies mit dem Sohne des Cis? Auch Saul unter den Propheten?”5 Nachher aber verwandelte ihn der böse Geist in einen andern Menschen, nämlich in einen Abtrünnigen. Auch in Judas, der eine geraume Zeit zu den Auserwählten zählte, so dass er sogar Schatzmeister wurde — obwohl damals schon [S. 305] ein Betrüger, so doch noch kein Verräter, — auch in ihn fuhr nachmals der Teufel. Wenn also der Seele von Geburt aus weder der Geist Gottes noch der Geist des Teufels zugesellt ist, so steht es fest, dass sie für sich allein bleibt, so lange nicht der eine oder andere Geist kommt. Wenn sie aber allein ist, dann ist sie auch einförmig, in Hinsicht auf ihre Substanz einfach und hat daher ihren Odem nirgendwo anders her, als aus ihrer eigenen Substanz.

1: Is. 57, 16.
2: Is. 42, 5.
3: I. Kor. 15, 44 [lies: I. Kor. 15, 46].
4: I. Mos. 2, 24 ff. und Eph. 5, 31 ff.
5: I. Sam. 10, 12.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger