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Tertullian († um 220) - Über die Monogamie. (De monogamia)

10. Cap. Die Ehen der Christen werden nicht durch den Tod des einen Teils getrennt, sondern dauern über das Grab hinaus fort.

Ich sehe, wir stossen schon hier auf die Lehre des Apostels. Um ihren Sinn desto leichter zu durchdringen, muss man zum voraus um so nachdrücklicher hervorheben, dass das Weib zu sehr an ihren verstorbenen Mann gebunden sei, als dass sie einen andern zulassen könnte. Wir sagen uns nämlich, dass der Scheidebrief entweder die Folge von Zwietracht sei oder Zwietracht bewirke, der Tod hingegen nach der Anordnung Gottes und als Folge der Beschädigung durch einen Menschen eintrete, und dass er ein Tribut sei, den alle zu bezahlen haben, auch die Eheleute. Wenn also eine Verschmähte, die infolge von Zwietracht, Zorn, Hass oder der Veranlassungen dazu, nämlich durch Nachteil, Schande oder irgend einen Anstoss an Leib und Seele, geschieden ist, dennoch an ihren Feind — des Ausdrucks Ehemann will ich mich nicht bedienen — gebunden bleibt, um wie viel mehr wird nicht die andere, deren Ehe weder durch einen Fehler ihres Mannes, noch durch einen eigenen, sondern durch einen vom Herrn angeordneten Vorfall nicht geschieden, sondern die nur verlassen worden ist, noch im Tode dem angehören, dem sie auch im Tode Eintracht schuldig bleibt! Da sie von ihm keine Zurückweisung zu hören bekommen hat, so wendet sie sich nicht von ihm ab; da er ihr keinen Scheidebrief geschrieben, so hält sie sich zu ihm; da er sie [S. 468] nicht verlieren wollte, so hält sie ihn fest. Ihr steht zur Seite jene Fähigkeit der Seele, welche dem Menschen alles, was er nicht besitzt, in eingebildetem Genuss vergegenwärtigt. Ich frage endlich die Frau selbst: Sage mir, Schwester, ist dir dein Mann in Frieden vorausgegangen? Was wird sie antworten? Etwa: Nein, im Zorn? Gewiss nicht. Folglich ist sie dadurch umsomehr an ihn gebunden, da ihrer beider Sache bei Gott steht. Sie hat sich nicht getrennt, da sie an ihm festhält. (Sie antwortet auf obige Frage): Nein, in Frieden. Gut, folglich muss sie mit ihm notwendig im Frieden verbleiben, da sie ihn bereits nicht mehr verschmähen kann, und ihn auch nicht einmal heiraten würde, wenn sie ihn hätte verschmähen können. Denn fürwahr, sie betet ja auch für seine Seele, erfleht für ihn mittlerweile die Befreiung und Teilnahme an der ersten Auferstehung und bringt an den Jahrestagen seines Hinscheidens ein Opfer dar. Wenn sie dies nicht thäte, so würde sie ihn wirklich verschmäht haben, so gut sie es imstande ist, und zwar wäre das um so ungerechtfertigter, als sie es konnte, weil er es nicht konnte, und um so unwürdiger, weil er es nicht verdient hat.

Oder werden wir etwa nach der Lehre eines gewissen Epikur, nicht nach der Lehre Christi, nach dem Tode ein Nichts sein? Wenn wir an eine Auferstehung der Toten glauben, so bleiben wir sicher auch mit denen verbunden, mit welchen wir auferstehen und gegenseitige Rechenschaft ablegen werden. Wofern aber in jener Welt weder zur Ehe gegeben noch genommen wird, sondern wenn man sein wird wie die Engel, sollten wir darum etwa nicht an die verstorbenen Gatten gebunden bleiben, weil es keine Wiederherstellung der Ehe gibt? Im Gegenteil, wir sind um so mehr an sie gebunden, weil wir zu einem bessern Zustande bestimmt sind, auferstehend zur geistigen Genossenschaft, wieder erkennend sowohl uns selbst als die Unsrigen. Wie sollten wir übrigens in Ewigkeit Gottes Lob singen, wenn nicht in uns der Sinn und das Gedächtnis für diese Pflicht bliebe, wenn wir nur nach unserer Wesenheit, nicht hinsichtlich unseres Bewusstseins wieder hergestellt würden? Wir also, die wir bei Gott sein werden, werden zusammen dort sein, da wir alle bei dem einen Gott sind, — trotzdem, dass der Lohn verschieden, dass der Wohnungen bei demselben himmlischen Vater viele sind, — da wir alle um den einen Denar eben desselben Lohnes gearbeitet haben, d. i. um das ewige Leben, in welchem Gott die, die er verbunden hat, noch weniger trennen wird, da er ihnen schon in diesem niedrigen Leben verbietet, sich zu trennen. Wie kann mithin die Frau für einen andern Mann zu haben sein, da sie für den ihrigen auch für die Zukunft in Beschlag genommen ist? Was wir sagen, gilt aber für beide Geschlechter, wenn auch nur eins genannt ist. Denn die Sittenzucht, welche für beide besteht, ist eine und dieselbe. Eine solche Frau würde einen Mann haben dem Geiste nach, [S. 469] den andern dem Fleische nach. Das ist aber Ehebruch, wenn eine Frau von zwei Männern weiss. Wenn der eine dem Fleische nach von ihr getrennt ist, aber in ihrem Herzen seinen Platz behält, so ist er immer noch ihr Ehemann, weil im Herzen schon der blosse Gedanke, ohne die fleischliche Verbindung, durch die Begierde bereits den Ehebruch und durch den blossen Willen schon eine Ehe zustande bringt. Er hat gerade das noch inne, wodurch er Ehemann geworden ist, nämlich den Geist; wenn dort noch ein anderer seinen Platz hätte, so wäre das ein Verbrechen. Übrigens ist er darum nicht ausgeschlossen, weil er den tiefer stehenden fleischlichen Verkehr abgebrochen hat. Er wird als Ehemann in um so höheren Ehren stehen, je reiner er geworden ist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger