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Tertullian († um 220) - Über die Monogamie. (De monogamia)

9. Cap. Bei Aufhebung der im alten Testament gestatteten Scheidung durch Scheidebrief gab Christus zu verstehen, dass Gott schon im Anbeginn bei Einsetzung der Ehe im Paradiese nur eine einmalige Heirat gewollt habe.

Man würde das für Sophistereien halten, die sich gezwungen aus blossen Vermutungen ergeben, wenn dem nicht Aussprüche zur Seite ständen, die der Herr that, als er den Scheidebrief besprach, den er verbot, nachdem er lange Zeit erlaubt gewesen war. Denn erstens war es von Anfang an nicht so gewesen, sowie es auch noch keine Mehrzahl von Ehen gegeben hatte, sodann sollte, was Gott zusammengefügt hat, der Mensch nicht trennen, nämlich um nicht gegen Gott zu handeln. Denn nur der soll trennen, der zusammengefügt hat. Er wird aber die Trennung vollziehen, nicht durch die harte Massregel eines Scheidebriefes, den er tadelt [S. 466] und verbietet, sondern durch den Tribut des Todes. Denn von zwei Sperlingen fällt keiner auf die Erde ohne den Willen des Vaters. Wenn also der Mensch die, welche Gott zusammengefügt hat, nicht durch einen Scheidebrief trennen soll, so ist es ebenso angemessen, dass, wenn Gott Leute durch den Tod getrennt hat, der Mensch sie nicht wieder durch eine Ehe verbinde. Er würde ebenso sehr gegen den Willen Gottes handeln, wenn er das Getrennte verbinden als das Verbundene trennen wollte.

So viel darüber, dass man den Willen Gottes nicht vereiteln dürfe, sondern die ursprüngliche Art und Weise wiederherstellen müsse. Aber es kommt auch noch ein anderer Grund hinzu, oder richtiger, es ist kein anderer, sondern vielmehr derselbe, welcher zur Herstellung der uranfänglichen Form führte und den Willen Gottes bewog, die Scheidebriefe zu verbieten, nämlich der, dass, wer seine Gattin entlässt, ausser wegen Ehebruchs, sie zur Ehebrecherin macht, und der, welcher eine Entlassene heiratet, selber Ehebruch begeht. Denn eine Verschmähte darf keine gesetzliche Ehe eingehen, und wenn sie in dieser Hinsicht sich etwas hat zu schulden kommen lassen, ohne den Rechtstitel einer Ehe, so trifft sie keine Anklage auf Ehebruch in dem Sinne, wie der Ehebruch in der Ehe ein Verbrechen ist. Gott hat da eine andere Ansicht als die Menschen; er nennt nämlich im allgemeinen, sei es bei bestehender Ehe, sei es in vulgärer Weise die Zulassung eines andern Mannes Ehebruch.1 Sehen wir zu, was bei Gott als Ehe gilt, so werden wir ebenmässig erkennen, was Ehebruch ist. Eine Ehe ist es, wenn Gott zwei zu einem Fleische verbindet oder sie in demselben Fleische verbunden findet und ihre Verbindung besiegelt.2 Ehebruch ist es, wenn sich mit den beiden wie immer Getrennten ein anderes, richtiger ein fremdes Fleisch verbindet, von welchem nicht gesagt werden kann, das ist Fleisch von meinem Fleisch und Gebein von meinem Gebein. Denn da dieses Wort ein für allemal gesprochen und vollzogen ist, so kann es, wie am Anfange so auch jetzt, nicht von einem andern Fleische gelten.

Somit wird es eine grundlose Behauptung sein, zu sagen, Gott habe nur verboten, dass eine Verschmähte bei Lebzeiten ihres Mannes sich mit einem andern Manne verbinde, es ihr aber nach seinem Tode gestattet. Denn wenn sie nicht an den Verstorbenen gebunden ist, dann ist sie auch nicht an den Lebenden gebunden. Da sowohl durch den Scheidebrief als auch durch den Tod das Eheband zerrissen wird, so kann sie nicht mehr an ihn gebunden sein, wenn das Band, wodurch sie gebunden wurde, [S. 467] zerrissen ist. An wen wird sie denn also gebunden sein? Für Gott macht es keinen Unterschied, ob sie sich bei Lebzeiten oder nach dem Tode des Mannes verheiratet. Denn sie sündigt nicht gegen diesen, sondern gegen sich selbst. „Jede Sünde, die ein Mensch begeht, besteht ausserhalb seines Leibes, wer aber Ehebruch begeht, der sündigt gegen seinen eigenen Leib.”3 Allein, wer sich, wie wir vorausgeschickt haben, mit einem andern Fleische verbindet ausser dem frühern, zu welchem Gott zwei zusammengefügt oder sie zusammengefügt gefunden hat, der ist ein Ehebrecher. Und darum hat Christus eben den Scheidebrief beseitigt, welcher am Anfang unbekannt war, um das, was von Anfang da war, zu stärken, nämlich das Ausharren der zwei in einem Fleische. Damit nicht die Notwendigkeit oder Gelegenheit zu einer dritten Fleischesverbindung hereinbreche, so hat er bloss aus der Ursache einen Scheidebrief zu geben erlaubt, wenn das, was er verhüten wollte, schon eingetreten war. So wenig aber existierte von Anfang an der Scheidebrief, dass selbst bei den Römern, wie aufgezeichnet ist, erst 600 Jahre nach Erbauung der Stadt ein Fall von Härte dieser Art vorkam. Aber jene begehen auch ohne Scheidebrief Ehebrüche, uns dagegen dürfte es, auch wenn wir den Scheidebrief geben, nicht erlaubt sein, zu heiraten.

1: Die Conjecturen taliter statt aliter und Non statt nam im vorigen Satze, die Öhler hier in den Text setzt, sowie das Fragezeichen hinter est würden den Sinn dieser Stelle vollständig verdrehen. Denn die repudiata durfte sich anderweitig verheiraten. V. Mos. 24, 1.
2: Durch die Taufe.
3: I. Kor. 6, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger