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Tertullian († um 220) - Über die Monogamie. (De monogamia)

7. Cap. Die im Gesetze vorgeschriebene Leviratsehe ist kein Präjudiz gegen die montanistische Monogamie. Die gesetzlichen Vorschriften über die Priesterehe im alten Testament sprechen direkt für sie.

[S. 462] Nach den alten Beispielen der Personen der Urzeit wollen wir ebenso zu den alten Urkunden und Schriften des jüdischen Gesetzes übergehen, um der Reihe nach unsern ganzen Vorrat durchzunehmen. Und da manche zuweilen die Behauptung aussprechen, sie hätten mit dem Gesetze nichts zu schaffen, während es doch von Christus nicht aufgehoben, sondern erfüllt wurde, andererseits sie sich aber manchmal irgend etwas Beliebiges aus dem Gesetze aneignen, so wollen wir es unverhohlen aussprechen: das Gesetz hat aufgehört hinsichtlich seiner Lasten, welche, wie der Apostel sagt, auch die Väter nicht zu ertragen vermochten. Was aber davon auf die Gerechtigkeit abzielt, ist nicht nur nicht geblieben, sondern sogar noch erweitert, auf dass unsere Gerechtigkeit die der Pharisäer und Schriftgelehrten übertreffe. Wenn aber schon unsere Gerechtigkeit die ihrige übertrifft, dann jedenfalls auch unsere Keuschheit.

Wenn also jemand nach der Vorschrift des Gesetzes die Gattin seines ohne Kinder verstorbenen Bruders zum Weibe nehmen sollte, um seinem Bruder Samen zu erwecken, und dieses eine Person mehrere Male treffen kann, wie jene schlaue Frage des Sadduzäers zeigt, und wenn man darum glaubt, mehrmaliges Heiraten sei auch sonst erlaubt, so sollte man erst die innern Gründe zu einer solchen Vorschrift erkennen, dann würde man einsehen, dass diese jetzt aufhörenden Gründe zu den Stücken des Gesetzes gehören, welche hinfällig geworden sind. Es war eine notwendige Pflicht, in die Ehe des ohne Kinder verstorbenen Bruders einzutreten. Zuerst, weil noch jener alte Segen: „Wachset und mehret Euch” seinen Lauf durchmachen musste, sodann, weil die Sünden der Väter auch an den Kindern gestraft wurden, drittens, weil die Verschnittenen und Unfruchtbaren Gegenstand der Schmach waren. Damit also die, welche nicht durch Verschuldung der Natur, sondern durch allzu frühen Tod das Erdenleben verlassen hatten, nicht in der Folge für verflucht gelten, darum wurden sie aus ihrer Familie mit einer stellvertretenden und gleichsam nachträglichen Nachkommenschaft versorgt. Sobald aber das „Wachset und mehret Euch” in den letzten Zeiten seine Geltung verloren hatte, indem der Apostel sagt: „Es erübrigt noch, dass die, welche Weiber haben, so seien, als hätten sie keine, da die Zeit bedrängt ist”,1 und da die von den Vätern verzehrte saure Traube aufgehört hat, den Kindern die Zähne stumpf zu machen, denn jeder wird nur in seiner eigenen Sünde sterben, und da die Verschnittenen nicht bloss von Schimpf und Schande frei sind, sondern sogar Gottes Wohlgefallen verdienen und zum Himmelreich eingeladen werden, darum ist das Gesetz, in die Ehe des Bruders einzutreten, begraben, und das Gegenteil davon hat Geltung erlangt, nicht in die Ehe des Bruders einzutreten. Was daher, wie oben bemerkt, nach Aufhören des Grundes [S. 463] aufgehört hat, Geltung zu haben, das kann nicht mehr als Beweis für etwas anderes dienen. Folglich heiratet eine Ehefrau nach dem Tode ihres Mannes nicht, da sie, wenn sie heiratete, jedenfalls den Bruder heiraten würde. Denn wir sind alle Brüder. Auch sie hat, wenn sie heiraten will, im Herrn zu heiraten, d. h. nicht einen Heiden, sondern einen Bruder, weil auch das alte Gesetz die Ehe mit fremden Nationen verbietet. Wenn aber im Levitikus die Vorsicht getroffen ist: „Wer immer seines Bruders Ehefrau nimmt, es ist Unreinheit, Schande; er wird ohne Kinder sterben”,2 so gilt ohne Zweifel das ihm gegebene Verbot, von neuem zu heiraten, auch für die Frau, da sie nicht heiraten darf ausser einen Bruder. Wie der Apostel also mit dem Gesetze, welches er nicht durchaus bekämpft, harmoniere, das wird sich zeigen, wenn wir auf seinen Brief zu sprechen kommen.

Was ferner das Gesetz angeht, so kommt sein Gedankengang jetzt vielmehr uns zu statten. Es verbietet z. B. den Priestern, zum zweiten Male zu heiraten. Auch die Tochter eines Priesters, wenn sie Witwe oder eine Verstossene ist, soll, wenn sie keine Nachkommen hat, zum Hause ihres Vaters heimkehren und von ihm unterhalten werden. Also wenn sie keine Nachkommen hat, nicht als sollte sie, wenn sie welche hat, abermals heiraten — um wie viel weniger geziemt es ihr alsdann, wieder zu heiraten, wenn sie Kinder hat! — sondern wenn sie welche hat, so soll sie vielmehr von ihrem Sohne als von ihrem Vater erhalten werden, damit auch der Sohn den Befehl Gottes ausübe: „Du sollst Vater und Mutter ehren.” Uns aber hat Jesus, der höchste und grösste Priester des Vaters3 mit dem Seinigen bekleidet; denn „die in Christus eingetaucht werden, haben Christum angezogen” und nach Johannes4 zu Priestern für seinen Vater gemacht. Denn er hielt jenen Jüngling, der zum Begräbnis seines Vaters eilen wollte, davon zurück, zum Zeichen dessen, dass wir von ihm zu Priestern berufen würden, denen das Gesetz, dem Begräbnis der Eltern beizuwohnen, untersagte. „Zu einem Toten soll der Priester”, heisst es, „nicht gehen, auch an seinem Vater oder seiner Mutter soll er sich nicht beflecken.”5 Also müssen auch wir dieses Verbot beachten? Nicht in allen Fällen. Denn es lebt Gott, unser einziger Vater, und unsere Mutter, die Kirche, und auch wir sind nicht tot, da wir Gott leben; wir begraben keine Toten, da auch sie in Christo das Leben haben. Gewiss aber sind wir die von Christus berufenen, zur Monogamie verpflichteten Priester infolge des vorigen Gesetzes Gottes, welches damals in seinen Priestern eine Prophezeiung auf uns gegeben hat.

1: I. Kor. 7, 29.
2: III. Mos. 20. 21.
3: Die Ausgaben haben hier magnus patris, dem ich keinen rechten Geschmack abgewinnen kann. Auch Scaligers Konjektur: agnus patris will mir nicht recht gefallen.
4: Apok. 1, 6.
5: III. Mos. 21, 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger