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Tertullian († um 220) - Über die Monogamie. (De monogamia)

3. Cap. Etwas bloss Erlaubtes ist nicht in sich gut. Ebensowenig das, was erst dann, wenn es mit etwas Schlechtem in Vergleich gestellt wird, als gut erscheint.

Ob die Monogamie eine Last sei, darüber mag die schamlose Schwachheit des Fleisches zu Rate gehen; dass sie neu sei, das möge vorläufig als feststehend gelten. Denn wir behaupten im folgenden noch ein mehreres: Wenn der Paraklet schon heute sogar die vollständige und unverkürzte Enthaltsamkeit angeordnet hätte, die darin besteht, dass der fleischlichen Glut auch nicht einmal in einer einzigen Ehe sich auszuschäumen verstattet ist, auch dann würde es nicht einmal in den Schein kommen, als führe er etwas Neues ein, da ja der Herr selbst den Verschnittenen das Himmelreich öffnet,1 wie er auch selbst ein solcher war, und der Apostel im Hinblick auf ihn deswegen auch selbst lieber als ein Verschnittener die Enthaltsamkeit vorzieht. — Ja, aber ohne Beeinträchtigung des Rechtes, zu heiraten, wendest du ein. — Allerdings ohne Beeinträchtigung, und wir werden sehen, wie lange; doch hat er es nichtsdestoweniger nach der Seite hin verkürzt, dass er der Enthaltsamkeit den Vorzug gibt. „Es ist gut”, heisst es, „wenn der Mensch kein Weib anrührt”.2 Folglich ist das Anrühren etwas Schlechtes. Denn nur das Schlechte steht im Gegensatz zum Guten.3 „Daher sei es nur übrig, dass auch diejenigen, welche Eheweiber haben, so seien, als hätten sie keine”,4 damit umsomehr die, welche keine haben, auch keine haben sollen. Der Apostel gibt auch die Ursachen an, warum er dazu rät. Die Unverehelichten denken an Gott, die Verehelichten dagegen daran, wie jedes in der Ehe dem andern gefalle.

Ich bin imstande, es zu verfechten, dass alles, was erst erlaubt wird, nicht etwas schlechthin gutes sei.5 Denn was schlechthin gut ist, braucht nicht erst erlaubt zu werden, sondern steht an sich jedem frei. Die Erteilung der Erlaubnis hat manchmal eine zwingende Ursache. So ist denn auch in diesem Falle das Heiraten nicht das, was der Erlaubende wünscht. Er wünscht ja etwas anderes: „Ich wollte”, sagt er, „dass ihr alle so wäret wie ich”.6 Und wenn er andeutet, dass es besser sei, was erklärt er dann anderes zu wollen, als das zuvor angegebene Bessere? Und wenn er etwas [S. 456] anderes erlaubt, als was er wünscht, da seine Erlaubnis nicht aus freiem Willen, sondern aus dem Drang der Umstände hervorgeht, so zeigt er damit an, dass es nicht schlechthin gut sei, da er es nur ungern zugestanden hat. So ist es schliesslich auch dann, wenn er sagt: „Es sei besser zu heiraten, als Brunst zu leiden”. Was für ein Gut sollte das wohl sein, was nur besser ist als eine Plage? Das, was nur dann gut erscheinen kann, wenn es mit etwas recht Schlechtem verglichen wird? Gut ist das, was an und für sich diesen Namen verdient, ohne in Vergleichung gestellt zu werden, ich sage nicht mit etwas Schlechtem, sondern auch mit etwas anderem Gutem, und das, wenn es auch mit einem andern Gute verglichen und dadurch in Schatten gestellt wird, dennoch den Namen gut behauptet. Wenn man aber erst durch Vergleichung mit etwas Schlechtem genötigt wird, es gut zu nennen, so ist es nicht sowohl gut, als vielmehr ein Böses geringerer Art, was, hinter einem grösseren Übel zurückstehend, die Benennung „gut” erlangt. Lass einmal die Bedingung weg und sage nicht: „Es ist besser heiraten, als Brunst leiden”, und ich frage dich, ob du dann noch zu sagen wagst: „Es ist besser”, wenn nicht dabei steht: besser als was. Es ist also dann nicht etwas „Besseres”, und wenn es nicht mehr etwas „Besseres” ist, so ist es auch nicht einmal „gut”, sobald die Bedingung fehlt, die, indem sie es besser macht, als etwas anderes, uns erst zwingt, es für gut zu halten. Besser ist es, ein Auge zu verlieren, als beide. Wenn man aber von der Vergleichung dieser beiden Übel absieht, so ist es nicht mehr besser, ein Auge zu haben, weil es ja auch nichts Gutes ist.7

Wie aber dann, wenn der Apostel die ganze Erlaubnis, zu heiraten, nur aus seiner Anschauung, d. h. aus der bloss menschlichen entnimmt, von der erwähnten Notwendigkeit gedrängt, dass es besser sei, zu heiraten als Brunst zu leiden?! Indem er sich zu dem andern Falle wendet und sagt: „Den Verheirateten aber verkündige nicht ich, sondern der Herr”, gibt er zu verstehen, dass seine vorangehenden früheren Äusserungen nicht auf göttlicher Autorität, sondern auf menschlicher Ansicht beruhten. Wo er aber wieder auf die Enthaltsamkeit aufmerksam macht, und sagt: „Ich wünsche, Ihr alle wäret so”, da braucht er die Worte: „Ich glaube aber auch den Geist Gottes zu haben”, um, wenn er ja etwas gezwungen eingeräumt hatte, es in Kraft der Autorität des hl. Geistes zu widerrufen. Auch, wenn uns Johannes ermahnt, „so zu wandeln, wie der Herr”, so ist das sicher eine Mahnung, auch in Heiligkeit des Leibes zu wandeln. „Und jeder”, sagt er, „welcher seine Hoffnung auf ihn gesetzt hat, der hält sich keusch, wie auch jener rein ist”.8 Denn anderswo sagt er ja auch: „Seid heilig, [S. 457] wie auch er heilig war”, nämlich dem Leibe nach. Hinsichtlich des Geistes Christi würde er sich nicht so ausgedrückt haben, da hinsichtlich des Geistes bereitwillig anerkannt wird, dass er heilig war und keine Aufforderung zur Heiligkeit zu erwarten brauchte; denn dies ist seine eigentliche Natur. Dem Fleische aber, welches in Christo auch heilig war, wird Heiligkeit gelehrt.

Wenn also die Erlaubnis, zu heiraten, durch alle diese Erwägungen in Anbetracht namentlich der Bedingung, woran sie geknüpft ist, und des Vorzuges, welcher der Enthaltsamkeit zuerkannt wird, ausser Kraft gesetzt worden ist, warum sollte nicht derselbe Geist auch noch nach den Zeiten der Apostel kommen können, um die Kirchenzucht „in alle Wahrheit einzuführen”, periodenweise gemäss dem Ausspruch des Ecclesiastes: „Alles hat seine Zeit”, und der Fleischeslust nunmehr den letzten Riegel vorschieben, indem er nämlich nicht mehr indirekt, sondern direkt vom Heiraten abmahnt, zumal da die Zeit jetzt, da seitdem etwa 160 Jahre dazu gekommen sind, jetzt noch mehr „beengt” ist?9 Hättest du da nicht sollen bei dir selbst auf das Bedenken kommen: Diese Praxis ist doch schon recht alt; denn sie ist bereits in jener Zeit am Leibe und Willen des Herrn, sodann in den Ratschlägen und Beispielen seiner Apostel vorgebildet. Schon in alter Zeit wurden wir zu dieser Art Heiligkeit bestimmt. Der Paraklet hat also nichts Neues eingeführt. Worauf er vormals hingewiesen, das bestimmt er nun endgültig; was er erwartet hat, das fordert er jetzt. Und nun wirst du nach solchen Erwägungen dich leicht überzeugen, wie viel angemessener es jetzt für den Paraklet sei, nur ein einmaliges Heiraten zu lehren, da er es ja auch ganz hätte verbieten können, und dass man umsomehr annehmen müsse, er habe nur ermässigt, was er ganz hätte beseitigen sollen, wofern du nur einsiehest, was Christus eigentlich will. Auch in diesem Punkte musst du in dem Paraklet den Tröster anerkennen, da er deine Schwachheit noch immer von der vollständigen Enthaltsamkeit dispensiert.

1: Matth. 19, 12.
2: I. Kor. 7, 1.
3: Der hier daraus gezogene Schluss ist ein Sophisma.
4: I. Kor. 7, 32.
5: Diesem falschen Satze sind wir auch anderwärts z. B. de exhort. castit. begegnet.
6: I Kor. 7, 7 ff.
7: Ein Auge zu „haben”, ist allerdings etwas Gutes, aber nicht ein Auge zu „verlieren”.
8: I. Joh. 3, 3.
9: I. Kor. 7, 29.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger