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Tertullian († um 220) - Über die Monogamie. (De monogamia)

16. Cap. Ironische Abfertigung der sonst noch für die Zweckmässigkeit der Wiederverheiratung vorgebrachten, aus dem bürgerlichen Leben genommenen Gründe.

Ich finde es aber lächerlich, dass man mir immer mit der Schwachheit des Fleisches kommt, wo doch der Ausdruck: die grösste Kühnheit am Platze wäre. Um abermals zu heiraten, dazu gehört Kraft; sich von neuem zu erheben zu den Werken des Fleisches, nachdem man die Ruhe der Enthaltsamkeit genossen, dazu gehört eine gute Lunge. Mit einer solchen Schwäche reicht man auch für eine dritte, vierte und vielleicht gar für eine siebente Ehe aus; denn Schwäche wird jedesmal stärker, wenn sie noch schwächer wird, und man wird dabei bald nicht mehr den Apostel zum Gewährsmann brauchen können, wohl aber einen gewissen Hermogenes, der mehr Weiber zu freien pflegt, als er porträtierte. Er hat reichlichen Vorrat von dem Stoffe, aus welchem, wie er glaubt, die Seele stammt, umsoweniger hat er den Geist von Gott. Er ist schon nicht einmal mehr ein Psychiker, weil er seine Psyche nicht aus dem Anhauch Gottes hat.

Was werden wir aber sagen, wenn jemand seine Dürftigkeit vorschützen und aufrichtig eingestehen sollte, dass sein offen feilgebotenes Fleisch um seines Unterhalts willen heirate, ganz vergessend, dass man nicht um Nahrung und Kleidung besorgt sein soll?1 Für ihn ist der Gott da, der auch die Raben aufzieht und den Blumen ihren Schmuck gibt!

[S. 478] Wie aber dann, wenn jemand die Verödung seines Hauses zum Vorwand nimmt? Als wenn eine einzige Frau Leben ins Haus brächte bei einem Menschen, dem die Flucht bevorsteht? Es gibt denn doch noch irgend eine Witwe, die er wird zu sich nehmen dürfen! Gattinnen dieser Art darf man nicht bloss eine, sondern sogar mehrere besitzen. Wie aber dann, wenn jemand auf Nachkommenschaft bedacht wäre mit demselben Sinne, wie Lots Weib2 die Sache ansah, und die Ehe aus dem Grunde erneuern wollte, weil er aus der vorigen keine Kinder hat? — Natürlich, ein Christ muss auch auf Erben bedacht sein, er, der von der ganzen Welt enterbt ist! Er hat doch Brüder, er hat doch die Kirche zur Mutter! Glaubt man aber noch im Christentum nach den Julianischen Gesetzen3 handeln zu sollen, und meint man, Ehe- und Kinderlose könnten nicht testamentarisch Universalerben werden — ja, dann ist es freilich etwas anderes. Solche Leute mögen folglich immerfort bis zu guter letzt heiraten, so dass sie vom letzten Weltende wie Sodoma und Gomorrha und der Tag der Sündflut in diesem Taumel des Fleisches überrascht werden. Sie sollten dann nur gleich auch noch lieber als dritten Grundsatz hinzufügen: „Lasset uns essen und trinken und freien, denn morgen werden wir sterben.”4 Sie denken nicht an jenes Wehe, welches für die Schwangern und Säugenden viel drückender und bitterer sein wird beim Erbeben des Weltall, als es gewesen ist bei der Verwüstung des einzigen Erdenwinkels Judäa. Sie dürften wohl in den letzten Zeiten von ihrem wiederholten Heiraten sehr unzeitige Früchte ernten, wallende Brüste, Beschwerden des Leibes und plärrende Kinder. Sie werden dem Antichrist nur Objekte verschaffen, gegen welche er mit noch grösserer Lust wütet. Er wird ihnen Henkersknechte als Hebammen mitbringen.

1: Matth. 6, 25.
2: Der Autor meint vielleicht Lots Töchter. Aber auch dann stimmen seine Äusserungen nicht ganz mit dem biblischen Bericht.
3: Die Gesetze gegen die Ehelosen.
4: Weish. 2, 6 [s. auch: Is. 22, 13; I. Kor. 15, 32].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger