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Tertullian († um 220) - Über die Monogamie. (De monogamia)

11. Cap. Der Apostel und die Kirche wollen, dass nur Monogamische in den Klerus aufgenommen werden. Woher sollte man nun die Kleriker nehmen, wenn nicht auch für die Laien dieselbe Vorschrift der Monogamie bestände? Erklärung der Aussprüche des heiligen Paulus über die Ehe im 7. Cap. des ersten Korintherbriefes.

Gesetzt also, du wolltest, entsprechend dem Gesetze und dem Apostel — wofern dir nämlich daran noch etwas gelegen ist — im Herrn1 dich verehelichen, wie kommst du dir denn eigentlich vor, wenn du eine Ehe2 verlangst, wie sie denen, von welchen du sie verlangst, nicht erlaubt ist, nämlich von dem monogamischen Bischof, den Priestern, den Diakonen, die an demselben Sakrament teil haben, und von den Witwen, deren Gefolgschaft du verschmähst? Bei unsern Gegnern wird man allerdings die Männer und Frauen austeilen, wie Stücke Brot unter die Armen. Denn diese Bedeutung hat bei ihnen der Spruch: „Gib jedem, der dich bittet”. Sie werden auch dann in der jungfräulichen Kirche, der einzigen Braut des einen Christus, sich zusammenthun. Und du wirst dann für deine Ehemänner beten, für den alten sowohl als den neuen. Entscheide dich, welchem gegenüber du eine Ehebrecherin sein willst. Ich sollte denken, du bist es beiden gegenüber. Wenn du also klug bist, so sprich lieber gar nicht von dem Verstorbenen. Dein Stillschweigen wird ihm dann als Scheidebrief gelten, der ihm bei schon bestehender anderweitiger Vermählung geschrieben wird. Auf diese Weise wirst du dir deinen neuen Ehemann geneigt machen, wenn du den alten vergissest. Du musst ihm ja auch umsomehr gefallen, da du um seinetwillen Gott lieber missfallen wolltest.

Solche Dinge, behaupten die Psychiker, habe der Apostel gebilligt oder doch nicht beanstandet, da er schrieb: „Das Weib ist, so lange ihr Mann lebt, an ihn gebunden; wenn er aber gestorben ist, so ist sie frei, sie mag heiraten, wen sie will, nur im Herrn”. Denn mit diesem Verse verteidigen sie die Statthaftigkeit der zweiten Ehe oder richtiger, wenn die zweite schon erlaubt ist, der mehrfachen Ehe; denn, was das einzige zu sein aufgehört hat, das ist überhaupt der Mehrzahl verfallen.3 In welchem [S. 470] Sinne aber der Apostel so geschrieben hat, das wird sich dann ergeben, wenn erst festgestellt ist, dass er es nicht in dem Sinne gemeint hat, wie es die Psychiker anwenden. Es wird aber festgestellt werden können, wenn man sich an das erinnert, was es von diesem Verse abweichendes gibt, sowohl in der Lehre, als im Willen und in der eigenen Disziplin des Paulus selbst. Wenn er nämlich die zweite Ehe erlaubt, die am Anfang nicht vorkam, wie kann er dann behaupten, es werde alles wieder zu „seinem Uranfange gesammelt in Christo”? Wenn er will, dass wir unsere Ehen vervielfältigen, wie kann er behaupten, unser Same sei in Isaak, dem einmal verheirateten Ehemann? Wie kann er verordnen, dass der ganze Stand der Kirchendiener nur aus Monogamischen bestehe, wenn nicht diese selbige Sittenzucht schon vorher bei den Laien vorhanden ist, aus denen ja der kirchliche Stand hervorgeht? Wie kann er den in der Ehe Lebenden vom Gebrauche der Ehe abraten und sagen, die Zeit sei bedrängt, wenn er die mit Hilfe des Todes der Ehe Entgangenen wiederum zur Ehe zurückruft?

Wenn dieses alles dem in Rede stehenden Verse widerspricht, so wird damit festgestellt sein, dass Paulus obige Worte nicht in dem Sinne geschrieben habe, wie sie die Psychiker nehmen. Denn es ist eher möglich, dass jener eine Vers einen innern Grund habe, der ihn mit dem übrigen im Einklang setzt, als dass der Apostel Widersprechendes gelehrt habe. Diesen innern Grund können wir aus der Veranlassung selbst wieder erkennen. Was für eine Veranlassung war für den Apostel vorhanden, so zu schreiben? Das Jugendalter der neuen und gerade damals entstehenden Kirche, die er ja gross zog mit Milch und noch nicht mit der festen Speise einer kräftigeren Lehre, so dass man in jenem Kindheitszustande des Glaubens noch nicht wusste, wie man sich hinsichtlich des fleischlichen und geschlechtlichen Triebes zu verhalten habe.4 Belege dafür sehen wir auch in seiner Antwort, wenn er sagt: „In betreff dessen, was Ihr mir schreibt, erwidere ich, es ist gut, wenn der Mensch kein Weib anrührt, allein der Hurerei wegen möge jeder sein Weib haben”. Er deutet an, dass es Leute gab, die, in der Ehe stehend, von der Gnade des Glaubens gefunden, fürchteten, es wäre ihnen vielleicht von jetzt an nicht mehr erlaubt, sich der Ehe zu bedienen, da sie nun an das heilige Fleisch Christi geglaubt hätten. Und doch gestattet er es ihnen erlaubnisweise, nicht in Form eines Befehls, d. h. nachsehend, nicht vorschreibend, dass es geschehen solle. Im übrigen aber wünschte er, alle möchten sein wie er selbst.

Ebenso lässt er in seiner Antwort in betreff des Scheidebriefes erkennen, dass einige sich auch darüber Gedanken gemacht hatten, besonders, weil sie meinten, sie dürften nach Annahme des Glaubens nicht [S. 471] mehr in der Ehe mit Heiden verbleiben. Sie verlangten auch in betreff der Jungfrauen seinen Rat — eine Vorschrift des Herrn gab es nämlich nicht, — dass es für den Menschen gut sei, wenn er so bleibe, nämlich jedenfalls so, wie er von der Gnade des Glaubens vorgefunden wurde. „Bist du an eine Gattin gebunden, so verlange nicht, gelöst zu werden; bist du von deiner Gattin gelöst, so verlange keine.5 Wenn du aber eine Gattin genommen hast, so hast du nicht gesündigt”, weil für den, der vor Annahme des Glaubens von seiner Frau befreit wurde, die zweite Frau, die er nach Annahme des Glaubens nimmt, nicht als zweite zählt, da sie nach Annahme des Glaubens die erste ist. Denn mit dem Glauben fängt unser Leben selbst erst an. Allein er schone ihrer, sagt er hier, sonst würde Bedrängnis des Fleisches folgen wegen der bedrückten Zeitverhältnisse, welche die Beschwerden der Ehe widerraten; ja noch mehr, man müsse Sorge tragen, sich mehr den Herrn geneigt zu machen als seinen Ehemann. So widerruft er, was er gestattet hatte.6

So ist es auch in demselben Kapitel, wo er bestimmt, dass jeder in dem Zustande bleibe, wie ihn die Berufung getroffen hat, durch den Beisatz: „Das Weib ist gebunden, so lange ihr Mann lebt, wenn er aber entschlafen ist, so ist sie frei und mag heiraten, wen sie will, nur im Herrn”. — Auch damit zeigt er an, dass nur eine solche gemeint sei, welche so, nämlich von ihrem Mann gelöst, getroffen worden, wie auch der Mann von der Frau gelöst wird, nämlich durch den Tod, nicht aber, indem die Lösung durch einen Scheidebrief geschieht, weil er den Geschiedenen nicht die Wiederverheiratung gestattet haben würde im Gegensatz zu seiner früheren Weisung. Und so wird dann das Weib, wenn sie heiratet, keine Sünde begehen, weil dieser ihr Mann, der nach Annahme des Glaubens der erste ist, nicht als zweiter gerechnet wird, und es ist also dies der Grund, warum er hinzugefügt hat: „Es sei denn im Herrn”, weil es sich nämlich um eine Person handelte, die einen Heiden zum Manne gehabt und nach dessen Verlust den Glauben angenommen hatte. Sie sollte nicht etwa glauben, nach Annahme des Glaubens noch einen Heiden heiraten zu dürfen, obwohl die Psychiker sich auch daraus nichts machen. Denn man muss allerdings wissen, dass es im griechischen Original nicht so steht, wie es in Gebrauch gekommen ist, mit der entweder aus schlauer Berechnung oder Dummheit vorgenommenen Beseitigung von nur zwei Silben: „Wenn aber ihr Mann entschlafen sein wird”. Das wäre, als ob von der Zukunft gesprochen würde, und darum könnte es auch den Anschein gewinnen, als beziehe sich die Stelle auch auf eine, welche bereits als [S. 472] Christin ihren Mann verloren hat.7 Wenn das so wäre, dann hätte er eine unbeschränkte Freiheit erteilt und die Weiber so oft mit einem Mann versehen, als sie einen verlieren, ohne alle Scheu im Heiraten, welche doch selbst den Heiden zukommt. Aber auch, wenn es so wäre, auch wenn es im Futurum hiesse: „Wenn einer der Mann gestorben sein wird”, so würde das Futurum doch nur für die Frau gelten, der ihr Mann vor Annahme des Glaubens sterben wird. Nimm es, wie du willst, wenn du nur nicht auch das übrige über den Haufen wirfst. Denn auch die übrigen Punkte der betreffenden Sentenz würden damit fallen, nämlich: „Bist du als Unbeschnittener berufen worden, lass dich nicht beschneiden”, „Bist du als Beschnittener berufen, wolle keine Vorhaut anlegen”,8 womit zusammentrifft: „Bist du an eine Gattin gebunden, suche nicht gelöst zu werden; bist du von der Gattin gelöst, suche keine andere”. — Daher ist es hinlänglich klar, dass sich alles auf die bezieht, welche, in noch frischer und neuer Berufung stehend, in betreff der Zustände anfragten, in welchen sie der Glaube gefunden hatte.

Das wäre nun die Erklärung dieses Abschnittes. Sie ist daraufhin zu prüfen, ob sie passe zu der Zeit und der Ursache, wie auch zu den Beispielen und Beweisen, sowohl denen, die vorhergehen, als auch zu den Sentenzen und Gedanken, die nachfolgen, und zwar zuerst, ob sie zu dem Plan und dem Vorhaben des Apostels selbst stimme; denn es ist auf nichts so sehr zu sehen, als darauf, dass jemand nicht mit sich selbst im Widerspruch gefunden werde.

1: I. Kor. 7, 39.
2: D. h. die Einsegnung einer solchen Ehe.
3: Eine Übertreibung.
4: Ein ziemlich kläglicher Behelf!
5: I. Kor. 7, 27.
6: Tertullian nimmt also ziemlich unverhohlen einen sachlichen Widerspruch bei Paulus an, während es nur seine Erklärungsweise ist, die den Widerspruch bewirkt.
7: Tertullian will also I. Kor. 7, 39 gelesen haben: ἐὰν κοιμᾶται [ean koimatai] statt ἐὰν κοιμηθη [ean koimēthē] conj. aor. im Sinne eines Futur. exact.
8: I. Kor. 7, 18 ff.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger