Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Tertullian († um 220) - Über das Fliehen in der Verfolgung. (De fuga in persecutione)

12. Cap. Ob man sich durch Bestechung der Beamten vor der Verfolgung frei kaufen dürfe?

Da hättest du nun, was den Gegenstand deiner Anfrage betrifft, unsere Ansicht darüber als Antwort und Mahnung, lieber Bruder. Wer aber fragt, ob man in der Verfolgung fliehen dürfe, der muss auch folgende Frage in Betracht ziehen: Wenn man nicht fliehen soll, darf man sich dann wenigstens freikaufen? Ich will mich also aus freiem Antriebe auch darüber aussprechen und die sichere Behauptung aufstellen, man dürfe sich von der Verfolgung, vor der man, wie feststeht, nicht fliehen soll, auch ebensowenig loskaufen. Der einzige Unterschied dabei würde im Preise bestehen; im übrigen aber wäre das Loskaufen nur eine durch Geld ermöglichte Flucht, wie die Flucht ein Loskaufen ohne Geld ist. Gewiss ist auch dieses nur eine Massregel der Furchtsamkeit. Du kaufst dich von dem frei, was du fürchtest, also fliehest du. Deine Füsse bleiben freilich stehen, aber an die Stelle des Ausreissens tritt dein Geld. Gerade darin, dass du bleibst, besteht dein durch Geld ermöglichtes Fliehen. Dass du aber den Menschen, den Christus durch sein Blut erkauft hat, mit Geld freikaufst, das ist Gottes und seiner Ratschlüsse höchst unwürdig! Er hat um deinetwillen seines Sohnes nicht geschont, und er ist für uns zum Fluche geworden, weil verflucht ist, wer am Holze hängt; er ist wie ein Lamm zur Schlachtbank geführt worden, und wie ein Schaf vor dem, der es schert, hat er seinen Mund nicht geöffnet, sondern seinen Rücken hingehalten den Geisseln, seine Wangen ihren Händen und sein Gesicht nicht abgewendet vor ihrem Auswurf; unter die Missethäter ist er gerechnet und zum Tode hingegeben worden, zum Tode aber am Kreuze. Die Sonne gab zu unserer Loskaufung einen Tag zu.1 In der Unterwelt erfolgt unsere Wiederauslieferung an unsern wahren Herrn2 und der Kontrakt darüber wird im Himmel geschlossen. Die ewigen Pforten sind geöffnet, damit der König der Herrlichkeit eintrete, der Herr der Mächte, der den Menschen von der Welt, richtiger aus der Unterwelt für den Himmel erworben hat. Wer wollte nun gegen ihn ankämpfen oder vielmehr die Ware entwerten, die er so teuer erkauft hat, nämlich um den Preis seines Blutes, und sie bemäkeln!?

Da thäte man wirklich schon besser, zu fliehen, als seinen Wert herabzusetzen; denn der Mensch würde dann in seinen eigenen Augen nicht so viel wert sein als in denen des Herrn. Und zwar hat der Herr den Menschen zurückgekauft von Mächten, welche die Welt halten, von den [S. 393] Geistern der Bosheit, von den Finsternissen dieser Welt, vom ewigen Gerichte, vom immerwährenden Tode, du aber feilschest mit einem Denunzianten, einem Häscher oder irgend einem Spitzbuben von Präsidenten, wie man zu sagen pflegt, zwischen Rock und Wams, als scheute der, den Christus vor der ganzen Welt losgekauft oder, richtiger noch, freigelassen hat, die Öffentlichkeit. Ihn also, der ein freier Mann ist, wolltest du um Geldeswert taxieren und ihn für einen Kaufpreis besitzen?! Das ginge nur, wenn der Preis derselbe wäre, den der Herr dafür gegeben hat, nämlich sein Blut. Warum also kaufst du dir Christus von einem Menschen, in dem Christus wohnt? Etwas anderes war es auch nicht, was Simon zu thun versuchte, da er den Aposteln Geld anbot für den Geist Christi. Es wird also auch der, welcher sich loskauft und damit den Geist Christi abkauft, die Worte zu hören bekommen: „Dein Geld sei dir zum Verderben, da du die Gnade Gottes um einen Kaufpreis zu erlangen geglaubt hast.“3

Aber wer will ihn denn als einen Abtrünnigen verachten? — So? was sagt der Denunziant? Gib mir Geld! Sicherlich dann doch, damit er ihn nicht angebe; denn etwas anderes hat er nicht zu verkaufen, als das, was er für deinen Kaufpreis thun will. Wenn du ihm denselben gibst, so hast du dabei jedenfalls den Wunsch, nicht angezeigt zu werden. Hättest du denn ohne Anzeige überführt werden können? Nein. Also folglich, wenn du nicht angezeigt sein willst, so willst du nicht überführt sein; in diesem Nichtwollen aber lag eine Ableugnung dessen, wovon du nicht überführt sein wolltest. — Nein, sagst du da, im Gegenteil, wenn ich nicht überführt sein will von dem, was ich bin, so habe ich bekannt, das zu sein, wovon ich nicht überführt sein will, nämlich ein Christ. — Du wärest wohl gar noch imstande, zu behaupten, als Märtyrer beständig Christum zur Schau getragen zu haben?4 Wer sich loskauft, trägt ihn nicht zur Schau. Du hast ihn höchstens vor einer einzigen Person zur Schau getragen, vor einer viel grössern Zahl hast du ihn verleugnet, indem du nicht vor ihnen bekennen wolltest. Das Faktum der Erhaltung deines Lebens wird gerade das Urteil abgeben: der Mensch ist verloren gegangen, eben indem er entwich. Es geht also verloren, wer es vorgezogen hat, zu entkommen. Die Weigerung, Martyrer zu werden, ist eine Verleugnung.

Der Christ wollte sich durch Geld retten und dazu sein Geld besitzen, um nicht leiden zu müssen, so dass er sich also seines Reichtums gegen Gott bediente? Christus hingegen war reich an Blut für ihn. „Glücklich sind also die Armen“, heisst es, „denn ihrer ist das Himmelreich“, deren einziger Schatz ihr Leben ist! Wenn wir nicht beiden, Gott und dem [S. 394] Mammon, zu dienen imstande sind, können wir uns dann wohl von beiden, von Gott und dem Mammon, loskaufen? Nein, denn wer würde dem Mammon wohl mehr dienen, als wer durch den Mammon losgekauft ist?

Und endlich, auf welche Beispiele wirst du zu gunsten des Loskaufs von der Anzeige dich berufen? Wann haben die Apostel,5 von Verfolgungen beunruhigt, sich durch Geld befreit? Es fehlte ihnen daran aber durchaus nicht, infolge des Verkaufs der Besitztümer, deren Erlös zu ihren Füssen niedergelegt worden war, da gewiss viele reiche Männer und Frauen, von welchen sie sogar mit Bequemlichkeiten versehen wurden, gläubig waren. Wann kam ihnen ein Onesiphorus, Aquila oder Stephanus6 auf diese Weise in der Verfolgung zu Hilfe? Als der Präsident Felix für den Paulus von seinen Schülern Geld zu erhalten hoffte, worüber er sogar im geheimen selbst mit ihm verhandelte, so bezahlte es ihm Paulus weder selbst, noch seine Schüler für ihn. Es waren in jedem Fall die Schüler, welche weinten, weil er darauf bestand, nach Jerusalem zu gehen, weil er die ihm dort vorausgesagten Verfolgungen nicht vermied, und welche zuletzt sagten: „Es geschehe dein Wille.“7 Was für ein Wille war das denn? Natürlich nur der, um des Namens des Herrn willen zu leiden, nicht etwa sich loszukaufen. Denn wie Christus sein Leben für uns einsetzte, so müssen wir es auch machen, und nicht bloss um seinetwillen, sondern auch für unsere Brüder um seinetwillen. Das lehrt Johannes und spricht es aus; man solle für seine Brüder sterben, nicht aber für sie bezahlen. Es macht keinen Unterschied, ob man einen Christen nicht loskaufen oder nicht kaufen soll. Und folglich ist es so der Wille Gottes.

Blicke hin auf den Zustand der Reiche und Kaisertümer, der jedenfalls von Gott, „in dessen Hand das Herz des Königs ist“, so angeordnet ist! Es werden jeden Tag so viele Massregeln zur Vergrösserung der Staatseinnahmen vorgesehen, die Census, Zölle, Gewerbesteuern und Tribute, und doch hat man bis jetzt noch niemals hinsichtlich der Christen etwas derartiges in Aussicht genommen, ihren Kopf und ihr Religionsbekenntnis unter irgend eine Loskaufssumme zu bringen, obwohl doch von einer so grossen Menschenmenge, die jeder kennt, ein ungeheurer Ertrag erzielt werden könnte. Mit Blut erkauft, mit Blut bezahlt, dürfen wir kein Geld für unsere Häupter geben, weil unser Haupt Christus ist. Christus darf nicht in Geld geschätzt werden. Und wie könnte es denn auch zur Ehre Gottes Martyrier geben, wenn wir Duldung unserer [S. 395] Religionsgesellschaft durch eine Abgabe erkauften? Wer Duldung um Geld erhandelt, der widerstrebt der göttlichen Anordnung.

Da uns also der Kaiser in dieser Weise nichts auferlegt hat, wie einer steuerbaren Klasse, und uns auch nicht einmal etwas derartiges auferlegt werden kann, weil der Antichrist schon vor der Thür ist und nach dem Blute, nicht nach dem Gelde der Christen dürstet, wie kann man8 mir da vorhalten, es stehe geschrieben: „Gib dem Kaiser, was des Kaisers ist.“ Der Soldat, der Angeber oder Privatfeind, der mich in prellerhafter Absicht mit der Drohung, mich anzuzeigen, einschüchtert, fordert nichts für den Kaiser; er handelt ihm vielmehr entgegen, indem er den Christen, der sonst den menschlichen Gesetzen verfallen wäre, um Geld frei lässt. Der Denar, den ich dem Kaiser schulde, der ihm gehört, um den es sich dort9 handelte, der ist ein ganz anderer, es ist der Denar des Tributes, den die Tributpflichtigen, nicht die Freien schuldig sind. Oder wie soll ich denn Gott geben, was Gottes ist? Natürlich ganz in entsprechender Weise, sein Bild und die Münze, die seinen Namen trägt, d. h. den Menschen, den Christen? Was aber bin ich Gott in der Weise, wie dem Kaiser den Denar, schuldig, wenn nicht Blut, welches sein Sohn für mich vergossen hat. Wenn ich nun Gott meine Person und mein Blut schuldig bin, jetzt aber die Zeit da ist, wo man, was ich Gott schuldig bin, von mir fordert, dann begehe ich jedenfalls einen Betrug, wenn ich mich bemühe, an der Bezahlung meiner Schuld vorbeizukommen. Wäre das etwa die richtige Beobachtung der Vorschrift, wenn ich dem Kaiser gebe, was des Kaisers ist, aber Gott, was ihm gebührt, verweigere?

1: Vermutlich meint Tertullian dies so, dass durch das Verschwinden der Sonne beim Tode des Herrn und deren nachheriges Wiedererscheinen aus einem Tage zwei geworden seien.
2: Gemeint ist das Hinabsteigen Christi in die Unterwelt.
3: Apostelg. 8, 20.
4: Die Änderung, welche sich Öhler an dieser Stelle erlaubt, ist zu verwerfen.
5: Mit dem tractantes ist nichts anzufangen und die Erläuterung Öhlers führt nicht weiter. Nach meiner Ansicht liegt offenbar ein Les- oder Schreibfehler vor und muss ein Wort hier gestanden haben, welches sich an das vorausgegangene traditiones anlehnte, also etwa: traditi et persecutionibus agitati.
6: Es muss ganz gewiss heissen: Stephanus, vgl. 1. Kor. 1, 16.
7: Apostelg. 21, 13.
8: Ich folge der Lesart des Junius: potes.
9: Matth. 22, 21.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. .  1. Cap. Die ...
. . 2. Cap. Der Teufel ...
. . 3. Cap. In den ...
. . 4. Cap. Man darf ...
. . 5. Cap. Auch die ...
. . 6. Cap. Die Matth. ...
. . 7. Cap. Andere ...
. . 8. Cap. Christus ...
. . 9. Cap. Die Apostel ...
. . 10. Cap. Andere ...
. . 11. Cap. Noch ...
. . 12. Cap. Ob man ...
. . 13. Cap. Fortsetz...
. . 14. Cap. Man soll...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger