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Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

9. Cap. Der Leib des Menschen kommt von der Erde. Ebenso war der Leib Christi und nicht aus himmlischen Stoffen gebildet.

Wir heben ferner hervor, dass etwas, was von etwas anderem herrührt, mit der Bestimmung, wieder etwas anderes zu werden als das erste, sich nie in dem Grade verändere, dass es seine Herkunft nicht ahnen liesse. Jede Materie trägt ein Ursprungsattest an sich, wenn sie auch zu einer neuen Besonderheit des Wesens umgestaltet wird.

Jedenfalls gibt dieser unser Körper, der aus Lehm gebildet ist — eine Wahrheit, die ihren Weg auch in die heidnische Mythologie gefunden [S. 395] hat, — seine Entstehung aus beiden Elementen deutlich zu erkennen, und zwar die Entstehung aus Erde durch das Fleisch, die aus Wasser durch das Blut. Denn mag auch die äussere Beschaffenheit, d. i. was sich an den Dingen verändert, anders erscheinen — was ist denn Blut anderes als eine rote Flüssigkeit und Fleisch anderes als Erde in ihrer besondern Bildung? Betrachte die einzelnen Eigenschaften, so nehmen die Muskeln die Stelle der Erdschollen ein, die Knochen vertreten die Felsen, auch gewisse kleine Steinchen finden sich um die Saugwarzen herum. Blicke hin auf die so haltbaren Verbindungen der Sehnen, — sie gleichen den Verzweigungen von Wurzeln; die Adern wie sie sich durcheinander verästeln, — sie gleichen dem gewundenen Lauf der Bäche; das Flaumhaar entspricht dem Moose, das Haupthaar dem Rasen und die verborgen liegenden Massen des Markes sind die Metalladern des Leibes.

Alle diese Kennzeichen des Ursprungs von der Erde fanden sich auch in Christo, und sie sind es, welche seine Gottessohnschaft verhüllten; sonst hätte er gar nicht für einen blossen Menschen gehalten werden können, als wenn er für das Auge die Substanz eines menschlichen Körpers darbot. Wo nicht, so zeigt uns an ihm etwas, was aus dem Sternbild des grossen Bären, aus den Plejaden oder Hyaden erbettelt worden wäre! Denn die Dinge, welche wir aufgezählt haben, sind bei ihm ebenso kräftige Beweise für einen irdischen Leib als bei uns. Aber Neues, Fremdartiges kann ich nichts an ihm entdecken. Mit Einem Wort, die Leute staunten bloss wegen seiner Worte und Thaten, bloss wegen seiner Lehren und Tugenden den Menschen Christus an. Wenn man eine ungewöhnliche Erscheinung an seinem Leibe für ein Wunder angesehen hätte, so wäre das sicher auch aufgezeichnet worden. Es war aber keineswegs eine wunderbare Beschaffenheit seines Leibes, welche sein sonstiges Auftreten so auffallend machte; denn sie sagten: „Woher hat er diese Lehre und diese Wunderzeichen?“1 Auch die, welche seine Gestalt verachteten, sprachen so. Mithin besass sein Körper nicht einmal menschliche Wohlgestalt, geschweige denn himmlischen Glanz. Da sogar unsere Propheten2 von seinem unscheinbaren Aussehen schweigen, so sprechen seine Leiden und die ihm widerfahrenen Beschimpfungen dafür. Die Leiden nämlich bekunden seinen menschlichen Leib, die Beschimpfungen aber die Unansehnlichkeit desselben. Oder würde es jemand gewagt haben, einen Leib von aussergewöhnlicher Beschaffenheit auch nur mit der Spitze eines Nagels anzurühren oder ein Antlitz durch Anspeien zu besudeln, welches nicht dazu herausforderte?

Wie kann man mir überhaupt einen Leib als himmlisch bezeichnen, woran man keine Spur von etwas Himmlischem wahrnimmt? Wie kann [S. 396] man die irdische Beschaffenheit leugnen, da, wo man die klaren Beweise davon sieht? Es hungerte ihn — unter den Augen des Teufels, es dürstete ihn — in Gegenwart der Samariterin, er weinte — über Lazarus, er zagte — im Angesichte des Todes, denn das Fleisch, ruft er aus, ist schwach, und zuletzt vergoss er sein Blut. Das sind mir die rechten himmlischen Zeichen! Wie hätte er überhaupt, wiederhole ich nochmals, verachtet werden und leiden können, wenn an seinem Leibe auch nur der geringste Schimmer himmlischen Adels erglänzt hätte? Gerade darum, so lautet mein siegreicher Beweis, trug er nichts Himmlisches an sich, damit er leiden und sterben könne.

1: Matth. 13, 54.
2: Die Montanistischen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger