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Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

6. Cap. Apelles meint, Christus habe zwar einen wirklichen Leib gehabt, aber derselbe sei nicht durch Geburt entstanden, sondern aus den Gestirnen entnommen gewesen, wie die Leiber, worin die Engel im alten Testamente den Menschen erschienen. Christus musste einen wirklichen Leib haben, weil er wahrhaft den Tod erleiden wollte.

Gewisse Schüler des Mannes aus Pontus1 aber, die sich angetrieben fühlten, klüger sein zu wollen als ihr Meister, räumen Christo die Realität des Leibes ein, ohne sich das Recht nehmen zu lassen, seine Geburt zu verwerfen. Er kann einen Leib gehabt haben, sagen sie, nur keinen, der geboren worden ist. Da sind wir also, wie man zu sagen pflegt, aus dem Kalkhaufen in die Kohlengrube geraten und von Marcion zu Apelles gelangt, der, durch das Fleisch zum Falle gebracht, von der Lehre Marcions ab- und einem Weibe zufiel, sich aus Antrieb des Geistes zur Jungfrau Philumene emporschwang und von ihr den Auftrag empfing, einen materiellen Leib Christi zu predigen, aber ohne Geburt. Diesen Engel der Philumene würde der Apostel mit den Worten angeredet haben, womit er gerade ihn voraus verkündigte, indem er sagte: „Auch wenn ein Engel vom Himmel Euch ein anderes Evangelium verkündigen wollte, als wir Euch verkündigen, der sei verflucht.“2 Wir wollen ihren weiteren Klügeleien aber schon entgegentreten.

Sie geben zu, dass Christus wirklich einen Leib gehabt habe. Woher stammte nun dessen Materie, wenn nicht von der Beschaffenheit, in der sie erschien? Woher der Körper, wenn der Körper nicht Fleisch war? Woher das Fleisch, wenn es nicht geboren war? Es musste geboren sein, da es das sein sollte, was geboren wird. — Aus den Gestirnen und den Substanzen der höhern Welt, antworten sie, hat er sein Fleisch entlehnt, und stellen uns vor, dass man sich über einen nichtgebornen Körper nicht verwundern dürfe, weil es ja auch den Engeln möglich gewesen sei, hienieden ohne Hilfe eines Mutterschoosses im Fleische zu wandeln. Wir geben zu, dass derartiges berichtet wird, aber was soll man dazu sagen, wenn ein Glaube andern Bekenntnisses von dem Glauben, den er bekämpft, für seine Beweisführungen die Hilfsmittel entnimmt? Was hat der mit Moses zu teilen, der den Gott des Moses verwirft? Wenn sein [S. 389] Gott ein anderer ist, so sollten auch seine Sachen anders sein. Doch mögen sich die Häretiker insgesamt der Schriften dessen bedienen, dessen Schöpfung sie ja auch gebrauchen; es wird ein weiteres Zeugnis gegen sie im Gerichte sein, wenn sie ihre Lästerungen mit Belegen, die ihm gehören, unterstützen. Es ist der Wahrheit, auch ohne derartige Prozesseinreden gegen diese Leute anzuwenden, ein leichtes, das Feld zu behaupten.

Darum also, wer für den Leib Christi die Analogie der Engel anführt und behauptet, er sei nicht geboren, obwohl er ein Leib sei, der sollte doch auch die Beweggründe, die Christus hatte, im Fleische zu erscheinen, mit denjenigen vergleichen, welche die Engel hatten. Kein Engel ist jemals zu dem Ende herabgestiegen, um sich kreuzigen zu lassen, um zu sterben und vom Tode wieder auferweckt zu werden. Wenn niemals eine von den genannten die Ursache war, warum die Engel mit Körpern versehen wurden, so ist damit der Grund angegeben, warum sie ihr Fleisch nicht auf dem Wege der Geburt empfingen. Sie waren nicht gekommen, um zu sterben, also auch nicht, um geboren zu werden. Christus hingegen, der gesendet war, um zu sterben, bedurfte auch des Geborenwerdens, um sterben zu können; denn es pflegt nur das zu sterben, was geboren worden ist. Die Geburt steht zum Sterben im Verhältnis einer Schuldnerin. Die Bestimmung zu sterben ist die Ursache des Geborenwerdens. Wenn Christus um dessentwillen, was sterben muss, gestorben ist, wenn aber nur das stirbt, was geboren wird, so ergab sich daraus oder vielmehr bestand schon vorher die innere Notwendigkeit, dass er um dessentwillen, was geboren wird, ebenfalls geboren werde. Denn er sollte sterben für das, was stirbt, weil es geboren wird. Nicht geboren zu werden für das, wofür er sterben musste, wäre ein Unding gewesen.

Dem Abraham hingegen erschien zwischen den zwei Engeln damals auch der Herr selbst, auch ohne vorausgegangene Geburt im Fleische, weil die Ursache eben eine verschiedene war. Dies lasst Ihr jedoch nicht gelten, weil Ihr nichts wissen wollt von dem Christus, der schon damals sich darin übte, zum Menschengeschlechte zu reden, es zu befreien und es zu richten, in der Umhüllung eines Leibes, der nicht geboren war, weil es noch nicht dessen Bestimmung war, zu sterben, bevor seine Geburt und sein Sterben verkündet worden. Mögen daher unsere Gegner beweisen, dass jene Engel ihren Leib von den Gestirnen empfangen haben. Wenn sie es aber nicht beweisen können, weil nichts davon geschrieben steht, so wird auch der Leib Christi, für welchen sie die Analogie der Engel geltend machen, nicht von dorther stammen. Es steht fest, dass die Engel die Leiber nicht als etwas ihnen eigentlich zugehöriges an sich getragen haben, als Wesen, die von Natur aus geistiger Substanz sind, — wenn sie auch eine gewisse Körperlichkeit besitzen, so ist dieselbe doch [S. 390] von ganz besonderer Art,3 — dass sie aber trotzdem in Menschenleiber umgestaltbar zeitweilig erscheinen und mit den Menschen umgehen können.

Da also nicht gesagt ist, woher sie diese Leiber genommen haben, so bleibt es unsrer Einsicht gestattet, zu glauben, dass es eine Eigentümlichkeit der Macht der Engel sei, einen Körper anzunehmen, aber nicht aus einer Materie. — Um wie viel eher noch, wird man einwenden, aus einer Materie! — Ganz gut, aber es steht nichts darüber fest, weil die Schrift nichts an die Hand gibt. Übrigens, wenn sie die Macht haben, sich selbst zu etwas zu machen, was sie von Natur nicht sind, warum sollten sie sich denn nicht dazu machen können, auch ohne irgend eine Materie? Wenn sie etwas werden, was sie nicht sind, warum sollten sie es nicht auch aus dem nicht Existierenden werden können? Was aber noch nicht existiert, wenn es wird, das entsteht aus nichts. Deswegen wird auch nicht untersucht und nicht angegeben, was nachher aus ihren Körpern geworden ist. Was aus nichts entstanden ist, das ist zu nichts geworden. Die, welche sich selbst in Fleisch zu verwandeln vermochten, konnten auch das Nichts selbst in Fleisch verwandeln.4 Eine Wesenheit umwandeln, ist etwas Grösseres, als einen Stoff hervorbringen.

Auch dann, wenn die Engel ihre Leiber einem Stoffe entnommen haben müssten, wäre es jedenfalls glaubwürdiger, dass sie ihn aus einem irdischen Stoffe entnommen haben, als aus einer himmlischen Substanz irgend einer Art, da er sich ja von so irdischer Beschaffenheit erwies, dass er sich sogar mit irdischen Speisen nährte. Es kann nun freilich der Fall gewesen sein, dass das aus den Gestirnen stammende Fleisch, obwohl es nicht irdisch war, auf dieselbe Weise mit irdischer Speise genährt wurde, wie das irdische, ohne himmlisch zu sein, mit himmlischer Nahrung genährt worden ist. Wir haben nämlich gelesen, dass dem Volke Manna als Speise diente; „Brot der Engel“, heisst es, „ass der Mensch“.5 Dennoch wird dadurch das, was über die einmal ganz verschiedene Beschaffenheit des Leibes des Herrn, der eine ganz andere Bestimmung hatte, gesagt worden ist, nicht abgeschwächt. Der, welcher wirklicher Mensch sein sollte bis zum Sterben, der musste sich auch in jenes Fleisch kleiden, dem das Sterben eignet. Das Fleisch aber, dem das Sterben eignet, existiert erst nach vorausgegangener Geburt.

1: Des Marcion.
2: Gal. 1, 8.
3: Nach der Lesart naturas.
4: So der Text. Man erwartet: Sie konnten ihren Leib wieder in Nichts verwandeln.
5: Ps. 78, 24.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger