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Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

5. Cap. Leiden und Sterben ist Gottes mindestens ebenso unwürdig als geboren werden. Ein blosser Scheinleib würde Christus in die Notwendigkeit versetzt haben, beständig zu lügen.

Es gibt allerdings noch andere Dinge, welche in demselben Grade den Charakter der Thorheit an sich tragen, nämlich alles, was zu der [S. 386] Schmach und den Leiden Gottes gehört. Oder will man die Lehre von einem gekreuzigten Gott als Klugheit bezeichnen? Beseitige diese auch noch, Marcion, oder richtiger, sie zuerst. Denn was ist Gottes wohl weniger würdig, geboren zu werden oder zu sterben, eine Leiblichkeit zu tragen oder ein Kreuz, beschnitten oder angeheftet zu werden, erzogen oder begraben zu werden, in eine Krippe gelegt oder in einem Grabmal beigesetzt zu werden? Du wirst noch weiser sein, wenn Du diese Dinge auch nicht mehr glaubst. Und doch wirst Du nicht weise werden, wenn Du nicht vor der Welt zum Thoren geworden bist, dadurch, dass Du die Thorheiten Gottes glaubst.

Oder hast Du vielleicht aus dem Grunde das Leiden von Christo nicht hinweggenommen, weil er als ein Phantasma keine Empfindung davon hatte? Ich habe vorhin schon bemerkt, dass er sich der wesenlosen Spielerei einer eingebildeten Geburt und Kindheit ebenso leicht hätte unterziehen können. Antworte daher, Du Mörder der Wahrheit, nunmehr auf folgende Fragen: Ist Gott nicht wirklich gekreuzigt worden? Ist er nicht wirklich gestorben, weil er wirklich gekreuzigt war? Ist er nicht wirklich auferweckt, weil er wirklich tot war? Dann hat sich Paulus also wohl mit Unrecht vorgenommen, unter uns nichts zu wissen, als Jesum den Gekreuzigten?1 Er hat auch seines Begräbnisses mit Unrecht gedacht und mit Unrecht seine Auferstehung betont? Falsch ist also auch unser Glaube und ein Phantasma alles, was wir von Christus hoffen? — Du grösster Verbrecher unter den Menschen, Du entschuldigst ja die Mörder Gottes! Denn wenn Christus nicht wirklich gelitten hat, so hat er auch von ihnen nichts zu leiden gehabt. Übe doch Schonung gegen den einzigen Gegenstand der Hoffnung des ganzen Erdkreises! Warum zerstörst Du die dem Glauben so nötige Schmach? Was immer da auch Gottes unwürdig ist, das ist mein Vorteil. Mein Heil ist es, wenn ich ob meines Herrn nicht in Verwirrung gerate. „Wer sich meiner“, sagt er, „schämen wird, dessen werde ich mich auch schämen.“2

Andere Veranlassungen, mich zu schämen, die mir durch Verachtung der Beschämung Gelegenheit geben, mich zu bewähren, und mein Nichterröten zu einem heilsamen, meine Thorheit zu einer glückseligen machen könnten, finde ich keine. Gottes Sohn ist gekreuzigt worden — ich schäme mich dessen nicht, gerade weil es etwas Beschämendes ist. Gottes Sohn ist gestorben — das ist erst recht glaubwürdig, weil es eine Thorheit ist; er ist begraben und wieder auferstanden — das ist ganz sicher, weil es unmöglich ist. Denn wie könnte etwas Wirkliches an ihm sein, wenn er selbst nicht ein Wirklicher war, wenn er nicht wirklich etwas an sich hatte, was angenagelt werden, was sterben, begraben und wieder auf erweckt [S. 387] werden konnte, nämlich unser Fleisch, vom Blute durchströmt, an einem Knochengerüst aufgebaut, von Nerven durchwoben und von Adern durchflochten, welches geboren werden und sterben konnte und ohne Zweifel ein menschliches war, weil aus einem Menschen geboren. Deshalb eben wird es bei Christus ein sterbliches gewesen sein, weil Christus ein Mensch und der Menschensohn war. Oder warum ist Christus Mensch und Menschensohn, wenn er nichts von einem Menschen und nichts aus einem Menschen an sich hatte? Es müsste denn etwa der Mensch etwas anderes sein können als Fleisch, oder das menschliche Fleisch anderswoher stammen können als aus einem Menschen, oder Maria ist etwas anderes gewesen als ein Mensch, oder aber der Gott Marcions ist Mensch. Andernfalls würde Christus gar nicht Mensch genannt worden sein ― nämlich ohne Fleisch ― noch Menschensohn ― ohne eine menschliche Gebärerin, ebenso wenig als Gott ― ohne den Geist Gottes, oder Gottes Sohn ― ohne einen göttlichen Vater.

So hat die Abstammung beider Naturen uns den Gottmenschen gezeigt, auf der einen Seite als den geborenen, auf der andern als den ungeborenen, hier leiblich, dort geistig, hier schwach, dort überstark, hier sterbend, dort lebend. Diese Eigentümlichkeiten der beiden Seinsweisen, der göttlichen und menschlichen, sind in gleicher Realität bei beiden Naturen vollendet, mit derselben Glaubhaftigkeit des Geistes und des Leibes. Die Wunder des Geistes Gottes haben den Gott, die Leiden den menschlichen Leib dokumentiert. Wenn die Wunder nicht ohne den Geist3 zustande kamen, dann ebenso wenig die Leiden ohne das Fleisch. Wenn das Fleisch mit seinen Leiden ein fingiertes war, dann war auch der Geist mit seinen Wunderkräften kein echter.

Warum spaltest Du durch Deine falschen Aussagen Christum? Nur in seiner Ungeteiltheit war er eine Wirklichkeit. Er hätte es, glaube mir, weit vorgezogen, sich der Geburt zu unterziehen, als in einem Punkte zu lügen und noch dazu in betreff seiner eignen Person, einen Leib zu haben, der ohne Knochen Festigkeit, ohne Muskeln Stärke besass, ohne Blut zu haben, blutig war, der, ohne ein Gewand zu haben, bekleidet war, den ohne die Empfindung des Hungers hungerte, der ohne Zähne ass und ohne Zunge redete, so dass seine Rede durch den Glauben, dass man eine Stimme höre, für die Ohren etwas Gespenstisches gehabt hätte. Er war dann auch nach seiner Auferstehung noch ein blosses Phantasma, als er die Jünger seine Hände und Füsse sehen liess mit den Worten: „Sehet, dass ich es bin, da ein Geist ja keine Knochen hat, wie ihr seht, dass ich habe“,4 ohne Zweifel Hände, Füsse und Knochen, nicht wie sie der [S. 388] Geist besitzt, sondern der menschliche Leib. Wie willst Du diesen Ausspruch erklären, Marcion, der Du ja Deinen Jesus vom höchsten, einfachen, guten Gotte kommen lassest? Siehe da! er täuscht, betrügt und überlistet die Augen aller, die Sinne aller, alle noch beim Herzutreten und Betasten. Folglich hättest Du Deinen Christus nicht sollen vom Himmel kommen lassen, sondern aus irgend einer Gauklertruppe, nicht sollen zum Menschen und Gott machen, sondern zum Menschen und Zauberer, nicht zu einem Priester des Heils, sondern zu einem Bühnenkünstler, nicht zu einem Auferwecker der Toten, sondern zu einem Wegzauberer der Lebendigen. Nur musste er, wenn er ein Zauberer war, jedenfalls auch geboren sein.

1: I. Kor. 2, 2.
2: Matth. 10, 33.
3: Mit „Geist“ spiritus bezeichnet der Autor hier und an andern Stellen die göttliche Natur in Christus.
4: Luc. 24, 39.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger