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Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

4. Cap. Fortsetzung. Über die vermeintlichen Unwürdigkeiten der menschlichen Geburt.

Wenn Du also die Annahme eines Körpers weder als unmöglich noch als der Gottheit Gefahr bringend zurückweisen kannst, so bleibt noch übrig, sie als seiner unwürdig zu verwerfen und anzuklagen. Von dem Geburtsakt selbst anfangend, peroriere nun über die Unsauberkeit der Zeugungsstoffe im Mutterleibe, über das abscheuliche Zusammenlaufen der Feuchtigkeit und des Blutes zum Zwecke, das Fleisch mit demselben Unflat neun Monate hindurch zu nähren. Beschreibe, wie der Mutterleib von Tag zu Tag mehr anschwillt, wie er schwer, beängstigend, sogar im Schlafe unruhig, zwischen Leckerhaftigkeit und Widerwillen unbeständig hin- und herschwanke. Ziehe dann auch los gegen die Scheu des gebärenden Weibes selbst, das doch vielmehr wegen der Gefahr zu ehren wäre und durch die Natur geheiligt ist. Jedenfalls ist Dir das Kind, das nun mit allen seinen Umhüllungen herausgebracht ist, ein Greuel, Du verabscheuest es gewiss auch dann noch, wenn es abgewaschen ist, weil es mit Windeln zusammengehalten, mit Einreibungen behandelt und mit Liebkosungen angelacht wird. — Diese verehrungswürdige Einrichtung der Natur, Marcion, verachtest Du? Auf welche Weise bist denn Du geboren worden? Du hassest den Menschen in seiner Geburt?! — Wie wirst Du da noch irgend jemand lieben können? Dich wenigstens hast Du offenbar nicht geliebt, indem Du ja der Kirche und dem Glauben Christi untreu geworden bist.

Doch wenn Du Dir selbst missfällst oder auch auf irgend eine andere Art geboren bist, so ist das Deine Sache! Christus wenigstens hat sicher den Menschen geliebt, obwohl derselbe im Mutterleibe aus Unreinigkeiten zusammenrinnt, vermittels der Schamteile ans Licht kommt und unter Schäckereien gross gefüttert wird. Seinetwegen ist er herabgestiegen, seinetwegen hat er gepredigt, seinetwegen sich in jeder Art von Demütigung erniedrigt bis zum Tode, und zwar bis zum Tode am Kreuze. Wen er um einen grossen Preis zurückkaufte, den hat er ganz gewiss geliebt. Wenn Christus dem Schöpfer angehört, so hat er nur das Seinige geliebt, wie es sich gebührt. Kam er dagegen von einem andern Gott, so war seine Liebe noch grösser, weil er Fremdes zurückgekauft hat.

Demzufolge liebte er mit dem Menschen auch dessen Geburt und Leiblichkeit. Denn nichts kann geliebt werden, losgetrennt, von dem [S. 385] wodurch es das ist, was es ist. Verhindere die Geburt und dann zeige uns noch einen Menschen, nimm den Leib hinweg, und lass uns dann den sehen, den Gott erlöst hat.1 Wenn aus diesen Dingen der Mensch besteht, den Gott erlöst hat, so zwingst Du ihn, sich dessen, was er erlöst hat, zu schämen und machst das, was er, wenn er es nicht geliebt, auch nicht erlöst hätte, zu etwas Unwürdigem.

Nachdem er den Geburtsakt durch eine himmlische Geburt wiederhergestellt hatte,2 befreite er den Leib von jeder Art Plage, aussätzige Leiber hat er von ihren Flecken gereinigt, blinden das Licht wiedergegeben, paralytische geheilt, dämonische gesühnt, tote auferweckt — und wir sollten uns des Leibes schämen müssen? Wenn Christus es für gut befunden hätte, seinen Ausgang aus einer Wölfin, Sau oder Kuh zu nehmen und mit einem Tierleibe überkleidet das Himmelreich zu predigen, dann wäre Dein Tadel: das sei Gottes unangemessen, des Sohnes Gottes unwürdig und etwas Dummes, der sei ein Narr, der so etwas glaube, eine wirksame Einrede.

Es würde allerdings etwas Dummes sein, wenn wir über Gott urteilen wollten nach unserer Denkart. Aber sieh zu, Marcion; vielleicht hast Du den Ausspruch; „Was thöricht vor der Welt ist, hat Gott auserwählt, um das, was weise, zu verwirren,“3 noch nicht ausgestrichen.4 Welches sind denn diese thörichten Dinge? Die Bekehrung des Menschen zur Verehrung des wahren Gottes, die Ablegung des Irrtums, die Zucht der Gerechtigkeit, die Keuschheit, Barmherzigkeit, Geduld und jede Art Sittlichkeit. Das alles, sind es nicht Thorheiten? Suche mithin zu erforschen, welche Dinge er gemeint haben könne, und wenn Du glaubst, etwas gefunden zu haben, wird es wohl eine so grosse Thorheit sein, als an einen Gott zu glauben, der geboren worden ist, und zwar von einer Jungfrau, und noch dazu im Fleische, einen, der die genannten Niedrigkeiten der Natur alle durchgemacht hat? Da sage einer noch, das seien keine Thorheiten und es gebe noch andere Dinge, die Gott zur Bekämpfung der irdischen Weisheit auserkoren habe! Diese letztere aber bequemt sich leichter dazu, zu glauben, Jupiter habe sich in einen Stier oder Schwan verwandelt, als dass Marcion glaubt, Christus sei wirklich Mensch geworden.

1: Der Text dieser Stelle lautet nach den älteren Ausgaben: Aufer nativitatem et exhibe hominem; adime carnem et praesta, quem Deus redemit. Si haec sunt, quae deus redemit, tu ... Danach habe ich übersetzt. Öhler schiebt aut . . . aut ein und setzt den Punkt vor Tu. Ich sehe nicht, was damit gebessert wäre; insbesondre ist der Alternativsatz bei seinen Lesarten ganz sinnlos.
2: Nach der Lesart Nativitate reformata . . . Morte ist zu streichen. Auch mit dem Folgenden hat Öhler Verunstaltungen vorgenommen.
3: I. Kor. 1, 27.
4: Aus seinem Evangelium.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger