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Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

20. Cap. Andere Schriftstellen sprechen die wirkliche Geburt Christi aus der Jungfrau klar aus.

Eure Sucht, Winkelzüge zu machen, ist so gross, dass Ihr sogar das Wörtchen „aus“, welches als Präposition dasteht, zu beseitigen trachtet und Euch lieber einer andern bedienen wollt, welche in dieser Weise sich nicht in der hl. Schrift gebraucht findet. Durch die Jungfrau, sagt Ihr, sei er geboren, nicht aus derselben, und in dem Mutterschoosse, nicht aus demselben, weil der Engel im Traumgesicht zu Joseph gesagt habe: „Was in ihr geboren ist, das ist vom hl. Geiste", nicht, was aus ihr geboren ist. Er hat dennoch auch in ihr gemeint, selbst wenn er aus ihr gesagt hätte. Denn was aus ihr war, das war eben in ihr. Wenn er also sagt, in ihr, so bedeutet das genau dasselbe wie aus ihr, weil das aus ihr war, was in ihr war.

Ein Glück ist es nur, dass derselbe Matthäus, indem er den Stammbaum des Herrn von Abraham bis Maria durchläuft, sagt: „Jakob zeugte Joseph, den Mann Mariens, aus der Christus geboren ist.“1 Auch Paulus legt jenen Sprachmeistern Stillschweigen auf. Es sandte, heist es bei ihm, Gott seinen Sohn, „geworden aus dem Weibe“,2 nicht etwa durch das Weib oder in dem Weibe. Dass er sagt „geworden“, das ist ein vollerer Ausdruck als „geboren“; denn es wäre einfacher gewesen, zu sagen „geboren“. Indem er aber sagt „geworden“, bestätigt er den Satz: „Das Wort ist Fleisch geworden“, und behauptet die Realität des aus der Jungfrau gewordenen Fleisches.

Es kommen uns hierfür auch die Psalmen zu statten, nicht die Psalmen des Apostaten, Häretikers und Platonikers Valentinus, sondern [S. 410] die des heiligen und überall rezipierten Propheten David. Er singt bei uns von Christus und durch ihn singt Christus von sich selbst. Nimm Christum an und höre den Herrn, wie er mit Gott Vater redet. „Du bist es, der mich hervorgezogen aus dem Schoosse meiner Mutter.“ Das ist das eine.“Du bist meine Hoffnung von den Brüsten meiner Mutter an; auf Dich ward ich geworfen vom Mutterschoosse an.“ Das ist das andere. „Vom Mutterleibe an warst Du mein Gott.“3 Das ist das dritte.

Nun wollen wir um die Bedeutung der Worte kämpfen. Du hast mich hervorgezogen, sagt er, aus dem Mutterschoosse. Was wird denn hervorgezogen? Doch nur das, was darin ist, was darin haftet, was mit dem verbunden ist, wovon es durch das Hervorziehen getrennt wird. Wenn er sich nicht im Mutterschoosse befand, wie konnte er denn daraus hervorgezogen werden? Wenn aber der Hervorgezogene sich darin befand, so konnte er sich nur dann darin befinden, wenn er zum Mutterschoosse gehörte durch die Nabelschnur, gleichsam den Verbindungskanal seiner Scheide, welche an dem innersten Teile des Mutterschoosses anhaftet. Schon wenn etwas nur äusserlich mit einem andern verbunden ist, ist es so sehr damit zusammengewachsen und verschlungen, dass es beim Losreissen etwas von dem, wovon es losgerissen wird, mit sich nimmt, gleichsam als Folge der getrennten Einheit oder als Rest des wechselseitigen Zusammenhanges.

Endlich, was meint er denn für Mutterbrüste? Ohne Zweifel doch nur die, welche er gesogen. Die Hebammen, die Ärzte und Naturkundigen mögen uns Auskunft geben über die Beschaffenheit der Brüste, ob sie etwa auch sonst ohne dass der Mutterschooss in der Affektion des Gebärens ist, zu fliessen pflegen; denn nur von da ab leiten die Adern den Strom des untern Blutes in die Brust und verändern ihn durch das Überleiten in eine reinere Materie, die Milch. Daher kommt es, dass zur Zeit des Säugens die Blutflüsse aufhören. Wenn aber das Wort aus sich allein Fleisch geworden ist, nicht durch Mitwirkung des Mutterschoosses, so hat der Mutterschooss nichts gethan, nichts gewirkt, keine Affektion erlitten, wie sollte er folglich seinen Strom haben in die Brüste überströmen lassen, welche er nur durch diesen Strom verändert? Er konnte zur Bildung der Milch kein Blut haben, wenn die Ursachen für das Dasein dieses Blutes nicht vorhanden waren, nämlich eine Lostrennung von seinem Fleische.

Was bei der Geburt Christi aus der Jungfrau Ungewöhnliches stattfand, ist klar, nämlich einzig und allein das, dass er aus einer Jungfrau geboren wurde, aus dem früher angegebenen Grunde, und dass die Jungfrau von allen Makeln gereinigt uns zur geistigen Wiedergeburt werde [S. 411] durch Christus, der selbst sogar dem Leibe nach Jungfrau war, weil aus dem Fleische einer Jungfrau.

1: Matth. 1, 16.
2: Gal. 4, 4.
3: Ps. 21, 10. 11.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger