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Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

15. Cap. Die menschliche Natur Christi ist durch seine eigenen Aussprüche und die der hl. Schrift so klar bezeugt, dass der Irrglaube der Valentinianer sich von dem Unglauben der Heiden nicht wesentlich unterscheidet.

Wie es die Vorrechte der Häresie so mit sich bringen, hatte auch Valentinus die Freiheit, den Satz auszuhecken, das Fleisch Christi sei pneumatisch gewesen. Wer einmal nicht glauben wollte, dass es menschliches Fleisch sei, der konnte es für alles Beliebige ausgeben, weil — und das sei gegen alle bemerkt — weil, wenn sein Fleisch kein menschliches und kein von einem Menschen entnommenes war, dann gar keine Substanz mehr für mich erfindbar ist, kraft deren sich Christus selber einen Menschen und Menschensohn hätte nennen dürfen.

„Nun aber wollt Ihr einen Menschen töten, der die Wahrheit zu Euch geredet hat,“1 Und „der Menschensohn ist der Herr des Sabbats.“2 Von ihm sagt Isaias: „Er ist ein Mann der Schmerzen, der Schwachheit zu tragen versteht“3 und Jeremias: „Er ist ein Mensch, und wer hat ihn erkannt?“4 und Daniel: „Über den Wolken gleich wie der Menschensohn.“5 Auch der Apostel Paulus sagt: „Der Mittler zwischen Gott und den Menschen, der Mensch Christus Jesus.“6 Ebenso Petrus in der [S. 403] Apostelgeschichte: „Jesum von Nazareth, den Mann, der Euch von Gott gesandt war“,7 also doch ein Mensch.

Das allein hätte als alles niederschlagende Prozesseinrede zum Erweise eines menschlichen und von einem Menschen entnommenen Leibes, der also ebensowenig ein pneumatischer wie ein psychischer, kein aus den Sternen entnommener und kein phantastischer ist, genügen müssen, wenn die Häresien imstande wären, die Sucht und die Künstelei des Disputierens beiseite zu lassen. Denn wie ich bei einem Autor aus dem Häuflein des Valentinus gelesen habe, leugnen sie erstens, dass Christus mit einer irdischen und menschlichen Substanz versehen sei, damit der Herr nicht geringer erscheine als die Engel, zweitens, dass sein dem unsrigen ähnlicher Leib auch auf eine ähnliche Weise habe geboren werden müssen, und zwar nicht aus dem Geiste, auch nicht aus Gott, sondern aus dem Willen des Mannes.

Und warum aus Verweslichem, nicht aus Unverweslichem? Und warum wird nicht sofort auch unser Leib, der seinem ja gleich ist, gleichwie der seinige auferstanden und in den Himmel zurückgenommen ist, ebenfalls dahin aufgenommen? Oder warum löste sich nicht sein Leib, der unserem ja gleich war, so wie dieser in Staub auf? Solche Zweifel hegen die Heiden ungefähr auch: Also zu einem solchen Grade der Erniedrigung ist der Sohn Gottes herabgedrückt worden? Wenn er aber als Vorbild unserer Hoffnung, wieder auferstanden ist, warum hat sich denn in betreff unser nichts derartiges bestätigt?

Solche Fragen sind bei Heiden natürlich. Bei Häretikern sind sie aber auch natürlich; denn worin besteht denn der Unterschied zwischen beiden? Nur darin, dass die Heiden glauben, indem sie nicht glauben, und die Häretiker nicht glauben, indem sie glauben. So lesen sie z.B.: „Du hast ihn ein wenig unter die Engel erniedrigt“,8 leugnen aber, dass die Substanz Christi geringer sei [als die der Engel], wiewohl er sich einen Wurm, nicht einmal einen Menschen nennt,9 einen, der keine Gestalt und kein Ansehen hat, sondern dessen Gestalt unansehnlich und verachtet war mehr als aller Menschen, einen Mann der Heimsuchung, der Schwachheit zu tragen gewohnt ist.10 Sie erkennen eine mit der Gottheit vereinigte Menschheit an, leugnen aber die Menschheit. Sie glauben an seinen Tod, behaupten aber das Sterbliche an ihm sei aus dem Unverweslichen geboren, als ob die Verwesung etwas anderes wäre als der Tod. — Aber, wenden sie ein, dann müsste auch unser Leib sogleich auferstehen. — Wartet es ab! Christus hat seine Feinde noch nicht vernichtet, um mit seinen Freunden über sie zu triumphieren.

1: Joh. 8, 40.
2: Luk. 6, 5; Matth. 12, 8.
3: Is. 53, 3.
4: Jer. 17, 9.
5: Dan. 7, 13.
6: 1. Tim. 2, 5.
7: Apostelg. 1, 22.
8: Ps. 8, 6.
9: Ps. 22, 7.
10: Is. 53, 2.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger