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Tertullian († um 220) - Über den Leib Christi. (De carne Christi)

12. Cap. Jenes war überdies nicht einmal notwendig, da die Seele von Natur aus mit Empfindungen und Selbstbewusstsein begabt ist.

Gut, möge für jetzt die Seele als vermittelst des Fleisches geoffenbart gelten, wenn es nur feststeht, dass sie, die sich selbst und uns unbekannte Seele, auf irgend eine Weise geoffenbart werden musste. Doch auch in diesem Punkte ist die Unterscheidung eine grundlose und nimmt sich so aus, als wenn wir von der Seele getrennt existierten, da doch alles, was wir sind, die Seele ist. Mit Einem Worte, ohne die Seele sind wir nichts, nur Leichname, und verdienen nicht einmal den Namen Menschen. Wenn wir uns also in betreff der Seele in Unwissenheit befinden, so kennt sie sich selber nicht.

Somit ist nur noch die Frage zu untersuchen übrig, ob sich die Seele darum nicht gekannt habe, damit sie auf irgend eine Weise bekannt werde. Ich bin der Ansicht, die Seele ist ihrer Natur nach mit Wahrnehmungsvermögen begabt. Also es existiert nichts Seelisches ohne Wahrnehmungsvermögen und nichts mit Wahrnehmungsvermögen Begabtes ohne Seele. Und um es noch ausdrücklicher zu sagen, das Empfinden ist die Seele der Seele. Da also die Seele in Ansehung des Empfindens alle Dinge übertrifft, und da sie nicht bloss die Eigenschaften, sondern auch die Eindrücke aller Dinge wahrnimmt, wer möchte da wohl glauben, sie habe nicht von Anfang an Bewusstsein von sich selbst empfangen? Woher kommt ihr das Wissen, was ihr vermöge des naturnotwendigen Verlaufs der Dinge zuweilen unentbehrlich ist, wenn sie ihre eigene Beschaffenheit, und was dieser unentbehrlich ist, nicht kennt?

Diese Eigentümlichkeit, ich meine das Bewusstsein ihrer selbst, ohne welches sich eine Seele gar nicht zu leiten vermag, kann man bei einer jeden Seele wahrnehmen. In betreff des Menschen aber, des einzigen mit Vernunft begabten Wesens, glaube ich es noch mehr, dass er eine ihrer selbst mächtige Seele empfangen habe, die ihn zum vernünftigen Wesen [S. 399] machen kann, indem sie vor allen Dingen selbst mit Vernunft begabt ist. Aber wie könnte sie, die den Menschen zum vernünftigen Wesen macht, mit Vernunft begabt sein, wenn sie selbst ihr eigenes Verhältnis nicht kennte und nichts von sich selbst wüsste?

Sie kennt sich aber so gut, dass sie sogar ihren Urheber, ihren Richter und ihre Lage kennt. Schon wenn sie noch nichts über Gott gelernt hat, spricht sie den Namen: Gott aus. Wenn sie noch sein Gericht nicht zugibt, so sagt sie schon, sie empfehle sich Gott. Wenn sie noch nichts weiter gehört hat, als dass nach dem Tode alles aus sei, wünscht sie doch schon jedem Verstorbenen, dass es ihm gut, beziehungsweise schlecht gehen möge. Vollständiger findet sich dieser Gedanke in einem von uns verfassten Schriftchen: Vom Zeugnis der Seele erörtert.

Wenn die Seele übrigens anfänglich sich selbst nicht kannte, dann hätte sie weiter nichts von Christus zu lernen gebraucht, als wer und wie sie sei. Nun aber hat sie nicht ihr Aussehen von Christus kennen gelernt, sondern ihr Heil. Deswegen ist der Sohn Gottes vom Himmel herabgestiegen und hat eine Seele angenommen, nicht etwa, damit die Seele in Christo sich selbst kennen lerne, sondern umgekehrt in sich selbst Christum. Denn nicht dann befindet sie sich in Heilsgefahr, wenn sie sich selbst nicht kennt, sondern dann, wenn sie Christum nicht kennt. „Das Leben“, heisst es, „ist uns geoffenbart worden“,1 nicht die Seele. Und „ich bin gekommen,“ hat er gesagt, „um die Seele zu erretten“,2 — nicht, um sie sehen zu lassen, sagte er. Natürlich, wir wussten ja nicht, dass die Seele, da sie unsichtbar ist, geboren werde und sterbe, wenn sie uns nicht fleischlich dargestellt wurde. Wir wussten allerdings nicht, dass sie mit dem Fleische auferstehen werde. Das wird es sein, was Christus uns geoffenbart hat. Aber auch das offenbarte er uns an seiner Person eben in keiner andern Weise wie an Lazarus, dessen Fleisch nicht seelisch und dessen Seele nicht fleischern war.

Was ist uns nun also über den Zustand der früher unbekannten Seele weiter noch bekannt geworden? Was gab es an ihr Unsichtbares, das einer Sichtbarmachung vermittelst des Fleisches bedurft hätte?

1: Joh. 1, 4.
2: Luk. 9, 56.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger