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Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

10. Cap. Sohn und Vater können nicht eine und dieselbe Person sein, schon aus natürlichen und logischen Gründen. Auch kann man hiefür nicht darauf rekurrieren, Gott habe es so gewollt.

Daher ist man entweder Vater oder Sohn; und so wenig Tag und Nacht dasselbe sind, so wenig Vater und Sohn, so dass sie also beide einer wären und jeder von beiden beides, wie die jetzigen so äusserst unverständigen Monarchianer lehren. „Er hat sich selber”, drücken sie es aus, „zum Sohne gemacht.” Nun macht aber der Vater den Sohn und der Sohn macht den Vater. Und da sie der eine durch den anderen werden, so können sie es durchaus nicht aus sich selbst werden und der Vater so wenig sich selber zum Sohne machen, als der Sohn sich zum Vater. Eine Einrichtung, die Gott selber aufgestellt hat, muss er auch selber beobachten. Der Vater muss einen Sohn haben, um Vater zu sein, und der Sohn einen Vater, um Sohn zu sein. Haben ist aber etwas anderes als Sein, z. B. um Ehemann zu sein, muss ich eine Frau haben, aber nicht selber meine Frau sein. Ebenso, um Vater zu sein, habe ich einen Sohn, bin aber nicht selber mein Sohn; um Sohn zu sein, habe ich [S. 521] einen Vater, bin aber nicht selber mein Vater. Denn wenn ich das habe, was mich zu etwas macht, so werde ich es sein, Vater, wenn ich einen Sohn habe, und Sohn, wenn ich einen Vater habe. Wenn ich aber eines von den Genannten bin, so habe ich das nicht, was ich selber bin, keinen Vater, da ich selber Vater bin, keinen Sohn, da ich selber Sohn bin. Ebenso sehr aber, als ich das eine von diesen Dingen haben und das andere sein muss, ebensowenig werde ich, wenn ich beides bin, das andere sein, da ich das eine nicht habe. Denn wenn ich selber der Sohn bin, da ich auch Vater bin, so habe ich keinen Sohn, sondern bin es selbst. Wenn ich aber — weil selber mein Sohn — keinen Sohn habe, wie kann ich da Vater sein? Ich muss ja einen Sohn haben, um Vater zu sein. Ich bin also nicht Sohn, da ich keinen Vater habe, was mich erst zum Sohn machen würde. Wenn aber ich, dieselbe Person, die ich Sohn bin, Vater bin, so habe ich keinen Vater, sondern ich bin eben Vater. Wenn ich aber — weil selber mein Vater — keinen Vater habe, wie kann ich da Sohn sein? Ich muss ja einen Vater haben, um Sohn zu sein. Ich bin also nicht Vater, da ich keinen Sohn habe, was mich erst zum Vater machen würde.

Es sind nichts als lauter Schliche des Teufels, das eine vom andern auszuschliessen, indem er zu gunsten der Monarchie beides in eins einschliesst und bewirkt, dass keins von beiden vorhanden ist, so dass kein Vater mehr da ist, weil er nämlich keinen Sohn mehr hat, und kein Sohn mehr vorhanden ist, weil er ebensowenig einen Vater hat. Denn da er der Vater ist, so ist er nicht Sohn. So halten diese Leute, die weder am Vater noch am Sohne festhalten, die Monarchie aufrecht!

„Allein für Gott ist nichts schwer.” — Wer sollte das nicht wissen! Wer weiss nicht, dass das, „was bei der Welt unmöglich ist, bei Gott möglich sei”?1 „Gott hat, was thöricht vor der Welt, auserwählt, um das Weise zu beschämen”2 — das alles steht geschrieben. Folglich, sagen sie, war es für Gott nicht schwer, sich selbst zum Vater und zum Sohne zu machen im Gegensatz zu der herkömmlichen menschlichen Art und Weise. Denn dass gegen den Lauf der Natur eine Unfruchtbare gebar, das war für Gott ebenso leicht zu bewirken, als dass eine Jungfrau gebar. Offenbar gibt es für Gott nichts schwieriges. — Wollten wir aber letzteren Satz in unsern Einbildungen so willkürlich anwenden, dann dürften wir uns, wer weiss was alles, von Gott einbilden und denken, er hätte es wirklich gemacht, weil er es machen konnte. Wenn Gott alles machen konnte, so darf man darum noch lange nicht glauben, er habe etwas gemacht, was er faktisch nicht gemacht hat, sondern man muss fragen, ob er es auch wirklich gemacht habe. Hätte Gott gewollt, so hätte er allerdings können [S. 522] den Menschen mit Federn zum Fliegen ausrüsten, ein Vorzug, den er sogar den Aasgeiern gewährt hat. Aber er hat es doch nicht ohne Weiteres gethan, obwohl er es konnte. Er hätte auch können Praxeas und alle Häretiker sofort des Todes sterben lassen; trotzdem hat er es nicht gethan, obwohl er es konnte. Denn es musste sowohl Aasgeier als Häretiker geben; auch war es notwendig, dass der Sohn gekreuzigt wurde.

Aus diesem Grunde dürfte es doch Dinge geben, die für Gott schwierig sind, nicht weil er sie nicht konnte, sondern weil er sie nicht wollte. Denn Gottes Können ist sein Wollen und sein Nichtkönnen sein Nichtwollen. Was er aber gewollt, das hat er auch gekonnt und gezeigt. Also, da er sich selbst zu seinem Sohne hätte machen können, wenn er es hätte thun wollen, und da er, wenn er es konnte, es auch wirklich gethan hat, so wirst du den Beweis dafür, dass er konnte und wollte, liefern, wenn du bewiesen hast, dass er es auch faktisch gethan hat.3

1: Matth. 19, 26.
2: I. Kor. 1, 27.
3: Das ist Praxeas aber nicht imstande, ist der Sinn, wie aus dem folgenden hervorgeht.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger