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Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

5. Cap. Genauere Präzisierung des Thema. Existenz, Wesen und Eigenschaften des Sohnes Gottes. Die göttliche Vernunft ist nach Analogie des menschlichen Denkvermögens in Gott von Ewigkeit an und wird zum persönlichen Wort. Es ist die zweite Person in Gott.

Da sie aber behaupten, die beiden seien eins und Vater und Sohn müssten für dieselbe Person gehalten werden, so ist die ganze Lehre in betreff des Sohnes einer Untersuchung zu unterwerfen, ob er existiere, wer und wie er sei. Dabei wird die Sache selbst für sich sprechen mit Hilfe von Schriftstellen und deren Auslegungen.

[S. 515] Manche behaupten auch, die Genesis beginne im hebräischen Text: „Im Anfange machte sich Gott den Sohn”. Dass das unsicher sei, darauf führen mich andere Beweise, die vom Verhalten Gottes selbst vor der Erschaffung der Welt bis zur Erzeugung des Sohnes hergenommen sind. Vor allem dem nämlich existierte Gott allein und war sich selbst Welt, Raum und alles. Allein existierte er, weil nichts ausser ihm war. Er war aber auch nicht einmal damals allein. Denn er hatte bei sich die Vernunft, die er in sich selbst hatte, die seinige. Denn Gott ist vernünftig und die Vernunft ist in Gott das erste, und so kommt von ihm alles. Diese Vernunft ist seine Erkenntnis. Die Griechen nennen sie Logos, wofür wir das Wort „Wort” brauchen. Daher ist es bei den Unsern infolge schlichter Übersetzung gebräuchlich, zu sagen, „das Wort sei im Anfange bei Gott gewesen”, da man doch richtiger die Vernunft für älter halten müsste, weil Gott nicht bloss von Anfang an mit dem Worte, sondern auch noch vor dem Anfange mit der Vernunft versehen war und weil das Wort selbst, das auf der Vernunft basiert, anzeigt, dass letztere als seine Substanz das ältere sei. Jedoch auch so macht es keinen Unterschied. Denn, wenngleich Gott sein Wort noch nicht hatte ausgehen lassen, so hatte er es doch ebenso mit und in der Vernunft selbst bei sich, indem er schweigend dachte und mit sich überlegte, was er durch das Wort alsbald aussprechen wollte. Indem er nämlich mit seiner Vernunft ratschlagte und überlegte, machte er sie, die er mit dem Worte behandelte, zum Worte.

Um dies besser zu verstehen, erinnere Dich zuvor an Dich selber als an ein Bild und Gleichnis Gottes, zu welchem Zwecke Du die Vernunft in Dir hast. Denn Du bist ein mit Vernunft begabtes Wesen, und nicht bloss von einem mit Vernunft begabten Bildner geschaffen, sondern auch aus seiner Substanz beseelt. Betrachte, wie sich in Dir, wenn Du schweigend mit Dir selbst durch die Vernunft zu Rate gehest, genau dasselbe zuträgt, indem sie Dir bei jeder Bewegung Deines Denkens, bei jeder Regung Deiner Erkenntnis mit dem Worte entgegenkommt. Alles, was Du gedacht hast, ist Wort, was Du einsiehest, ist Vernunft. Du musst es in Deinem Geiste aussprechen, und wenn Du es aussprichst, so fühlst Du, dass das Wort mitspricht. Darin besteht eben diese Eigentümlichkeit selbst, kraft deren Du mit ihm denkend sprichst und sprechend denkst. So findet sich gewissermaassen in Dir ein zweites Wort, durch welches Du beim Denken sprichst und durch welches Du sprechend denkst; das Wort selbst ist ein zweites. Um wie viel vollkommener geht nun aber dieser Vorgang in Gott vor sich, für dessen Bild und Ähnlichkeit Du auch angesehen wirst! Denn er hat seine Vernunft und in der Vernunft das Wort in sich, sogar wenn er schweigt. Ich konnte also ohne Verwegenheit den Satz vorausschicken, Gott sei auch vor Erschaffung des Weltall [S. 516] nicht allein gewesen, da er ebenfalls seine Vernunft und in der Vernunft das Wort in sich selbst hatte, welch letzteres er durch Anstossen zur zweiten Person in sich macht.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger