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Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

27. Cap. Die letzte Ausflucht des Praxeas ist die, das geistige Element Jesu sei der Vater, das leibliche der Sohn. Damit würde aber eine Vermischung der göttlichen und menschlichen Natur in Christo gelehrt, während beide in ihm unvermischt bestehen.

Was soll ich mich bei so klaren Sachen lange aufhalten, da ich vielmehr das angreifen müsste, womit die Gegner das Klare zu [S. 551] verdunkeln streben?! Indem sie nämlich von allen Seiten durch die Unterscheidung von Vater und Sohn in die Enge getrieben werden, eine Unterscheidung, die wir uns unbeschadet der Vereinigung analog der von Sonne und Strahl, Quelle und Bach erklären, aber ohne Teilung, versuchen sie die Zahlen zwei und drei in anderer Weise nichtsdestoweniger nach ihrem Sinne zu deuten, so dass sie an der einen Person beides, Vater und Sohn unterscheiden und sagen, der Sohn sei das Leibliche, d. h. der Mensch oder Jesus, der Vater aber das Geistige, d. h. Gott oder der Christus. Und dieselben Leute, die den Vater und Sohn für identisch ausgeben, fangen nun an, sie vielmehr zu zerreissen statt zu einen. Denn wenn Jesus ein anderer ist als Christus, so ist auch der Sohn ein anderer als der Vater; denn Jesus soll ja den Sohn, Christus den Vater bedeuten. Diese Art von Monarchie und zwei daraus zu machen, den Jesus und den Christus, das haben sie vielleicht von Valentinus gelernt. Auch dieser Einwurf ist in dem oben Behandelten bereits zurückgewiesen, weil das Wort Gottes, das sie zum Vater stempeln, auch Geist Gottes und Kraft des Allerhöchsten genannt worden ist, denn sie sind ja nicht identisch mit dem, welchem sie beigelegt werden, sondern nur aus ihm und von ihm.

Doch sie sollen in diesem Punkte auch noch auf andere Weise widerlegt werden. Siehe, sagen sie, es ist vom Engel verkündet worden: „Deswegen wird das Heilige, welches wird geboren werden, Sohn Gottes genannt werden.”1 Es ist also ein Leib, der geboren wird; folglich würde ein Leib Sohn Gottes werden. Aber nein, es ist vielmehr vom Geiste Gottes die Rede. Denn es ist sicher, dass die Jungfrau vom hl. Geiste empfangen hat, und was sie empfing, das hat sie auch geboren. Es sollte also das geboren werden, was empfangen war, und was geboren werden musste, nämlich der Geist, der auch Emmanuel, d. h. Gott mit uns genannt werden wird. Ein Leib hingegen ist kein Gott, und es kann davon nicht gesagt werden: „das Heilige wird Sohn Gottes genannt werden”, sondern der, welcher in ihr geboren wird, ist der Gott, von dem der Psalm sagt, dass Gott als Mensch „geboren sei in ihr und sie erbaut hat”2 nach dem Willen des Vaters.

Welcher Gott ist es nun, der in ihr geboren wurde? Das Wort und der Geist, der mit dem Worte nach dem Willen des Vaters geboren ist. Also befindet sich das Wort im Fleische, und es bleibt auch noch die Frage zu untersuchen, in welcher Weise das Wort Fleisch geworden ist, ob es etwa im Fleische sozusagen umgebildet worden sei, oder nur Fleisch angezogen habe? Es hat nur Fleisch angezogen. Im Übrigen aber muss man Gott als unveränderlich und unbildsam ansehen, weil er ewig ist. [S. 552] Umbildung wäre Vernichtung des früheren Zustandes. Alles nun, was umgebildet wird, hört auf zu sein, was es war, und fängt an zu werden, was es nicht war. Gott hört nicht auf zu sein und kann nichts anderes werden. Das Wort aber ist Gott und Gottes Wort bleibt in Ewigkeit, indem es in seiner bestimmten Form verharrt. Wenn es nun nicht umgebildet werden kann, so folgt daraus, dass man seine Fleischwerdung so auffassen muss, dass es sich im Fleische befinde, und sich durch das Fleisch offenbare, sehen und berühren lasse, weil alles übrige diese Auffassung fordert. Denn würde das Wort vermittelst einer Umbildung und Veränderung seiner Substanz Fleisch geworden sein, so wäre Jesus alsbald eine aus zweierlei, aus Leib und Gottes Geist, bestehende Substanz, eine Art Mischung, wie das Elektrum aus Gold und Silber besteht. Dieselbe finge an, nicht mehr Gold, d. h. Gottesgeist, und nicht mehr Silber, d. h. Menschenleib zu sein, sobald das Eine sich ins Andere verwandelt und das Dritte entsteht. Jesus wäre also nicht mehr Gott; denn er hat aufgehört, Wort zu sein, weil er Fleisch geworden ist; auch der Leib wäre kein Mensch; denn er ist eigentlich kein Leib, weil er Wort war. So ist also von den beiden Bestandteilen keiner mehr da, sondern etwas Drittes, von beidem weit verschiedenes.

Wir finden ihn aber, was der eben angeführte Psalm selbst andeutet, direkt als Gott und Menschen hingestellt, weil Gott als Mensch in ihm3 geboren ist; er hat ihn erbaut nach dem Willen des Vaters; jedenfalls ist er beständig Gottessohn und Menschensohn, weil Gott und Mensch, und ohne Zweifel hinsichtlich jeder der beiden Substanzen, die in ihren Eigentümlichkeiten auseinander gehen; denn das Wort ist nichts anders als Gott und der Leib nichts anders als der Mensch. So lehrt auch der Apostel in betreff beider Substanzen. „Der geworden ist”, sagt er, „aus dem Samen Davids.”4 Dieser wird jener Mensch und Menschensohn sein, der dem Geiste nach für den Sohn Gottes erklärt worden ist.5 Dieser wird Gott und das Wort und der Menschensohn sein. Da haben wir den Doppelzustand, der nicht in einer Vermischung, wohl aber in einer Verbindung besteht, in der einen Person, dem Gott und Menschen Jesus. Über ihn als den Christus zu sprechen, schiebe ich auf.6

So ist denn also jeder der beiden Substanzen ihre Eigentümlichkeit gewahrt. Der Geist verrichtet seine Werke in ihm, d. h. Kräfte und Wunder und Zeichen, und das Fleisch besteht seine Leiden: es hungert — man vergleiche den Vorfall mit dem Teufel; es dürstet, — man denke an [S. 553] den Vorfall mit der Sameriterin; es beweint den Lazarus, es ist betrübt bis in den Tod; es stirbt endlich. Wäre es etwas Drittes, eine Mischung aus Beiden, wie das Elektrum, so würden nicht so bestimmte Beweise vom Dasein der beiden Substanzen an den Tag treten. Auch würde das geistige Element leibliche Handlungen und das leibliche geistige vollbringen infolge der Übertragung, oder sie würden weder geistige noch leibliche Verrichtungen vollbringen, sondern etwas ganz neues als Folge der Vermischung, oder es würde gar das Wort gestorben und der Leib nicht gestorben sein, wenn das Wort in den Leib verwandelt worden wäre, oder das Fleisch würde unsterblich und das Wort sterblich geworden sein. Da vielmehr beide Substanzen je nach ihrem Zustande immer in deutlich unterschiedener Weise handelten, deshalb wurden ihnen auch die ihnen eigentümlichen Verrichtungen und endlichen Schicksale zu Teil. Lerne also mit Nikodemus, dass das im Fleische Geborene Fleisch ist, und das im Geiste Geborene Geist. Fleisch wird weder Geist noch der Geist Fleisch; sie können sich aber ganz gut in Einem finden. Aus ihnen bestand Jesus, dem Leibe nach Mensch, dem Geiste nach Gott; seinem geistigen Teile nach kündigte ihn der Engel als „Gottes Sohn” an, für den Leib reservierte er ihm den Ausdruck „Menschensohn”. Auch der Apostel bestätigt beide Substanzen, indem er ihn Mittler zwischen Gott und den Menschen nennt.7 Zuletzt endlich gib mir an, wer denn der Menschensohn sei, wenn Du den Gottessohn für Fleisch erklärst! Oder was soll denn der Geist sein? Allein Du willst, dass wir den Vater selber für den Geist ansehen, weil Gott ein Geist ist, als wäre er nicht auch Geist und Wort Gottes, Gott und Wort Gottes.

1: Luk. 1, 25 [lies: Luk. 1, 35].
2: Nach Ps. 86, 5 [hebr.: Ps. 87, 5].
3: Tertullian bezieht das ea und eam des Ps. 86, 5 [hebr.: Ps. 87, 5] auf caro, den Leib, das Fleisch Christi.
4: Röm, 1, 3.
5: Ebend. [Röm.] 1, 4.
6: Es geschieht im folgenden Capitel.
7: I. Tim. 2, 5.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger