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Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

24. Cap. Fortsetzung.

[S. 546] Es fehlte allerdings auch damals nicht an solchen, die ihn nicht verstanden. Auch Thomas, der eine zeitlang ungläubig war, sagte z. B.: „Herr wir wissen nicht, wohin Du gehest und wie sollen wir den Weg kennen?” Und Jesus sagte: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben, und niemand kommt zum Vater als durch mich. Hättet Ihr mich erkannt, so hättet Ihr auch den Vater erkannt, aber von jetzt an kennt Ihr ihn und sehet ihn.”1 Da sind wir nun schon bei Philippus angekommen, der, von der Hoffnung ergriffen, den Vater zu sehen, und nicht verstehend, in welcher Weise er den Vater gesehen und gehört haben könnte, sagte: „Zeige uns den Vater und es ist uns genug.”2 Und der Herr sprach: „Philippus, so lange bin ich schon bei Euch und Ihr kennt mich nicht?”

Als was, meint er, hätte er von ihnen sollen erkannt werden — denn das allein ist zu erwägen — als Vater oder als Sohn? Wenn als Vater, dann muss uns Praxeas erst darüber belehren, wie es hätte möglich sein können, dass Christus, der so lange Zeit mit ihnen umging, auch nur einen Moment, ich sage nicht, erkannt, sondern auch nur von fern als solcher hätte genommen werden können. Alle Bücher der hl. Schrift stellen ihn klar hin als den Gesalbten Gottes, so die Bücher des alten Testamentes, und als Sohn Gottes, so die des neuen. Das wurde in der alten Zeit gelehrt, das wurde von Christus selbst verkündigt, ja sogar auch schon vom Vater selbst in Person, indem er seinem Sohne vom Himmel herab Zeugnis gab und ihn verherrlichte: „Dieser ist mein geliebter Sohn”, „ich habe ihn verherrlicht und werde ihn verherrlichen.” Das wurde von den Jüngern geglaubt und von den Juden nicht geglaubt. Um im Glauben von ihnen für den Sohn gehalten zu werden, darum führte der Herr zu jeder Stunde den Namen seines Vaters im Munde, gab ihm den Vorrang und ehrte ihn. Wenn dem so ist, dann hatten sie folglich nicht den Vater verkannt, der so lange Zeit mit ihnen umgegangen war, sondern den Sohn, und wenn der Herr ihnen zum Vorwurfe machte, dass sie den von ihnen nicht erkannten verkannt hätten, so wollte er gerade, dass sie ihn als den erkennen sollten, als den so lange Zeit ihn nicht erkannt zu haben, er ihnen zum Vorwurfe macht, nämlich als Sohn.

Nun könnte es wohl klar sein, was „wer mich sieht, sieht auch den Vater” heissen soll. Natürlich hat es den Sinn, wie der vorangegangene Ausspruch: „Ich und der Vater sind eins.”3 Warum? Weil er sagt: „Ich bin vom Vater ausgegangen und gekommen”, „ich bin der Weg”, „niemand kommt zum Vater als durch mich”, „niemand kommt zu mir, es sei denn, dass der Vater ihn zieht”, „alles hat der Vater mir übergeben”, „wie der Vater lebendig macht, so auch der Sohn”, und „wenn [S. 547] Ihr mich kennt, so kennt Ihr auch den Vater.”4 Er hatte sich nämlich in dem Sinne als Stellvertreter des Vaters kundgegeben, dass der Vater sich durch ihn in Werken zeige und in Worten hören liess und in dem Sohne, der die Thaten und Worte des Vaters vollzieht, erkannt werde; denn der Vater war unsichtbar. Das hatte Philippus aus dem Gesetze gelernt: „Niemand wird Gott schauen und leben”5 und hätte sich dessen erinnern sollen. Und darum wird er auch zurechtgewiesen ob seines Wunsches, den Vater zu sehen, als sei er sichtbar, und belehrt, dass derselbe im Sohne sichtbar geworden sei durch die Wunder, nicht durch persönliche Gegenwart. Wenn der Herr in dem Ausspruche: „Wer mich sieht, der sieht den Vater”, Vater und Sohn als dieselbe Person hätte angesehen wissen wollen, wie konnte er dann hinzufügen: „Glaubst Du nicht, dass der Vater in mir ist und ich im Vater bin?” Er hätte hinzufügen müssen: Glaubst Du nicht, dass ich der Vater bin? Oder aber wie konnte er ungehalten sein, wenn er nicht geoffenbart hatte, was er erkannt wissen wollte, nämlich, dass er der Sohn sei? Nun ist er aber bei den Worten: „Glaubst Du nicht, dass ich im Vater bin und der Vater in mir”, vielmehr deswegen aufgebracht, weil er wegen des Ausspruchs: „Wer mich sieht, sieht auch den Vater”, nicht für den Vater angesehen werden wollte, wofür er, da er sich immer als den Sohn ausgab, der vom Vater komme, niemals gehalten sein wollte.

Er machte also auch die Verbindung der beiden Personen klar erkennbar, damit man einerseits nicht nach dem Anblicke des Vaters für sich, als sei er sichtbar, verlange, und damit andererseits der Sohn als Repräsentant des Vaters angesehen werde. Nichtsdestoweniger hat er auch noch die Art und Weise erklärt, wie der Vater im Sohne und der Sohn im Vater sei. „Die Worte, die ich zu Euch rede, sind nicht die meinigen”,6 sie gehörten nämlich dem Vater an, „der Vater aber bleibt in mir und wirkt Werke.” Indem der Vater also durch die Wunderwerke und die Lehrworte im Sohne bleibt, wird er sichtbar durch das, wodurch er bleibt und durch den, in welchem er bleibt. Dadurch tritt die Besonderheit beider Personen an den Tag, wenn es heisst: „Ich bin im Vater und der Vater ist in mir.” Und daher ermahnt er: „Glaubet!” Was denn aber? Etwa dass ich der Vater sei? So steht es, glaube ich, nicht geschrieben, sondern: „Ich bin im Vater und der Vater in mir”. „Wenn aber nicht, so glaubet wegen meiner Werke”, wegen derjenigen Werke nämlich, durch welche der Vater im Sohne nicht durch den Gesichtssinn, sondern vermittels der Erkenntnis geschaut wurde.

1: Joh. 14, 5 ff.
2: Joh. 14, 8.
3: Joh. 10, 30.
4: Joh. 14, 6; 6, 44. Matth. 11, 27. Joh. 5, 21; 14, 7.
5: II. Mos. 33, 20.
6: Joh. 14, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger