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Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

16. Cap. Der Sohn ist es, der schon im alten Testamente alle Heilsratschlüsse Gottes verwirklichte.

Glaube aber nicht, es seien bloss die Dinge der Welt durch den Sohn gemacht worden, nein, auch alles, was von seiten Gottes seitdem geschah. Der Vater nämlich, welcher den Sohn sieht und alles in dessen Hand gegeben hat, hat ihn natürlich von Anfang an geliebt und es ihm von Anfang an verliehen. Daher heisst es: „Von Anfang an war das Wort bei Gott und das Wort war Gott,1 dem alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden.”2 „Der Vater richtet niemanden, sondern hat alles Gericht dem Sohne übergeben,”3 jedoch von Anfang an. Wenn es heisst, alle Gewalt, alles Gericht, er hat alles gemacht und alles ist in seine Hand gegeben, so lässt das keine Ausnahme in bezug auf die [S. 533] Zeit zu, weil es nicht alles wäre, wenn es nicht das aus allen Zeiten sein würde. Der Sohn ist es also, der von Anbeginn an gerichtet hat, der den stolzen Turm zu Boden warf, die Sprachen verwirrte, den ganzen Erdkreis durch die gewaltige Wasserflut strafte, über Sodoma und Gomorrha Feuer und Schwefel regnen liess, der Herr vom Herrn her. Denn er war es immer, der zu den Gesprächen mit den Menschen herabstieg, von Adams Zeit an bis auf die Patriarchen und Propheten, in Erscheinungen, in Träumen, im Spiegel und in Rätseln, indem er von Anbeginn an die Ordnung anbahnte, die er bis zu Ende zu beobachten gesonnen war. So übte sich Gott darin, mit den Menschen auf Erden umzugehen, kein anderer als das Wort, welches Fleisch werden sollte. Er übte sich aber darin, um unserm Glauben vorzuarbeiten, damit wir um so eher glauben möchten, der Sohn Gottes sei in diese Zeitlichkeit herabgestiegen, wenn wir auch in der Vergangenheit schon dem entsprechende Ereignisse wahrnähmen. Um unsertwillen nämlich, die wir bei den letzten Zeiten angelangt sind, geschahen die Aufzeichnungen sowohl als die Ereignisse. So waren ihm auch damals schon menschliche Zustände nicht fremd, da er ja einst sogar die Bestandteile des Menschen, Leib und Seele, annehmen sollte. Er war der, welcher Adam, als wüsste er es nicht, fragte: „Adam, wo bist Du?”4 Er bereute es, den Menschen geschaffen zu haben, als hätte er keine Voraussicht gehabt; er versuchte Abraham, als wüsste er nicht, was im Menschen vorgeht; er wurde beleidigt und verhöhnt, und was die Häretiker sonst noch alles für Dinge aufgreifen zur Beseitigung des Schöpfers, als seien sie Gottes unwürdig, wobei sie nicht bemerken, dass dergleichen Dinge auf den Sohn passen, der sich ja auch dem menschlichen Elende, Hunger, Durst, Thränen, der Geburt und dem Tode selbst hat unterziehen wollen, darum vom Vater ein wenig unter die Engel erniedrigt.

Gewisse Häretiker5 aber werden es noch nicht einmal vom Sohne gelten lassen, was Du hier dem Vater selbst beilegst, nämlich dass er sich um unsertwillen erniedrigt habe, während die Schrift doch sagt, er sei als der eine durch einen andern erniedrigt worden, nicht er durch sich selbst. Wie? wenn auch der, welcher mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt wird, ein anderer ist, als der, welcher krönt, nämlich der Vater den Sohn? Was soll es aber heissen, der allmächtige, unsichtbare Gott, den kein Mensch je gesehen hat, noch sehen kann, der ein unzugängliches Licht bewohnt, der nicht in Wohnungen, von Menschenhänden gemacht, wohnt, vor dessen Anblick die Erde zittert und die Berge schmelzen wie Wachs, der den ganzen Erdkreis mit seiner Hand hält, wie ein Nest, dessen Thron der Himmel und dessen Schemel die Erde ist, an dem alles Raum und der selber nicht im Raume ist, der des Weltall äusserste Linie bildet, — [S. 534] dieser, der Allerhöchste, lustwandele abends im Paradiese, suche Adam, schliess die Arche nach dem Eintritt Noas, erquicke Abraham unter der Eiche, rede Moses aus dem brennenden Dornbusch an, erscheine im Feuerofen des Königs von Babylon als der vierte — wenn das nicht alles, wiewohl er der Menschensohn genannt wird, im Bilde, Rätsel und Spiegel geschah?

Natürlich dürfte man auch dergleichen Dinge nicht in betreff des Sohnes glauben, wenn sie nicht in der Schrift ständen, in betreff des Vaters aber dürfte man sie vielleicht auch dann nicht glauben, wenn sie darin ständen. Und doch lassen sie ihn in den Mutterschooss Mariens herabsteigen, stellen ihn vor das Tribunal des Pilatus und schliessen ihn in das Grabmal des Joseph ein. Dadurch kommt ihr Irrtum an den Tag. Sie wissen nicht, dass sich der ganze Verlauf des göttlichen Heilsratschlusses von Anbeginn an durch den Sohn vollzog; sie glauben, dass der Vater selbst erschienen und in Verkehr getreten sei, dass er gewirkt, Hunger und Durst gelitten habe — letzteres in Widerspruch mit dem Propheten, der da sagt: „den ewigen Gott wird nicht hungern und dürsten”, um wie viel weniger also wird er sterben und begraben werden — und so habe folglich stets der eine Gott, d. h. der Vater alles gethan, was durch den Sohn geschah.

1: Joh. 1, 1.
2: Matth. 28, 18.
3: Joh. 5, 22.
4: I. Mos. 3, 9.
5: Die Marcioniten.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger