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Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

15. Cap. Ebenso wird im neuen Testamente die Sichtbarkeit des Sohnes und die Unsichtbarkeit des Vaters klar bezeugt, woraus folgt, dass sie als Personen verschieden sein müssen.

Wenn ich diesen Punkt nicht durch Untersuchungen aus dem alten Testamente erledigen kann, so werde ich die Bestätigung unserer Auslegung aus dem neuen herleiten, damit Du nicht, was ich dem Sohne beilege, für den Vater in Anspruch nehmen kannst. Denn siehe, auch in den Evangelien und Apostelbriefen finde ich einen sichtbaren und einen unsichtbaren Gott unter deutlicher und persönlicher Unterscheidung der Eigentümlichkeit beider. Johannes lässt gewissermaassen den Ruf ertönen: „Niemand hat Gott jemals gesehen.”1 Also auch vorher nicht; denn er schneidet ja die Zeitfrage ab durch den Ausdruck: „Niemals” sei Gott gesehen worden. Auch der Apostel bestätigt es in betreff Gottes: „Niemand unter den Menschen hat ihn gesehen und er kann auch nicht gesehen werden.”2 Denn wer ihn sieht, der wird ja sterben. Eben [S. 531] dieselben Apostel aber behaupten von sich, Christus gesehen und berührt zu haben. Ist nun Christus sowohl Vater als Sohn, wie kann er gesehen und nicht gesehen worden sein? Um diesen Widerspruch auszugleichen, wird man von seiten der Gegenpartei argumentieren, beides sei richtig ausgedrückt; sichtbar sei er im Fleische, unsichtbar aber in der Zeit vor Annahme desselben, so dass der vorher unsichtbare Vater dieselbe Person sei mit dem im Fleische sichtbaren Sohne. — Ich entgegne, wenn dieselbe Person nach Annahme des Leibes sichtbar ist, wie kann sie dann früher, vor Annahme des Leibes auch schon gesehen worden sein? Ebenso, wenn sie nach Annahme des Leibes, sichtbar wird, wie kann sie von den Aposteln als unsichtbar auch jetzt noch bezeichnet werden, wenn nicht, weil der, welcher früher bloss in Rätseln sichtbar, durch den Leib vollständiger sichtbar gemacht, nämlich das Wort, das Fleisch geworden ist, ein andrer ist als der, welchen niemals jemand gesehen hat, nämlich als der Vater, dem das Wort gehört.

Sehen wir also zu, wer es ist, den die Apostel gesehen haben! „Was wir gesehen und was wir gehört haben,” sagt Johannes, „was wir mit unseren Augen gesehen und was unsere Hände berührt haben vom Wort des Lebens.”3 Das Wort des Lebens nämlich ist Fleisch geworden, wurde gehört, gesehen und berührt. Denn es ward Fleisch, da es doch vor der Annahme des Leibes zu Anfang der Dinge als blosses Wort sich bei Gott dem Vater befand, — nicht umgekehrt der Vater beim Wort, denn obwohl das Wort Gott ist, so ist es doch bei Gott, weil es Gott aus Gott und mit dem Vater bei dem Vater ist. „Wir haben seine Herrlichkeit gesehen als die des Eingeborenen vom Vater,”4 versteht sich, des Sohnes, nämlich des sichtbaren, vom unsichtbaren Vater verherrlichten Sohnes. Eben darum, weil Johannes das Wort Gottes Gott genannt hat, setzt er noch hinzu: „Niemand hat Gott jemals gesehen,”5 um zwischen dem unsichtbaren Vater und dem sichtbaren Sohne zu unterscheiden und nicht der Annahme der Gegner Vorschub zu leisten, als habe er den Vater selbst gesehen. Wer ist der Gott, den niemand gesehen hat? Etwa das Wort? Aber vorher hiess es ja: „Wir haben gesehen und gehört und berührt das Wort des Lebens.” Welchen Gott also hat niemand gesehen? Versteht sich, den Vater, bei welchem sich das Wort befand, er, der eingeborene Sohn, der, wie er selbst sagt, im Schoosse des Vaters war. Er wurde gesehen und gehört, und damit er nicht für ein Gespenst gehalten würde, auch berührt. Ihn hat auch Paulus geschaut, aber doch darum den Vater nicht gesehen. „Habe ich nicht”, fragt er, „Jesum gesehen?”6 Christus ist von ihm selber aber als Gott bezeichnet worden: „Von welchen Christus dem Fleische nach stammt, der da ist Gott über [S. 532] alles, hochgelobt in Ewigkeit.”7 Paulus gibt auch zu erkennen, dass der Sohn Gottes, d. i. das Wort Gottes, sichtbar sei, weil es Fleisch geworden war und Christus hiess. In betreff des Vaters aber schreibt er an Timotheus: „Den niemals ein Mensch gesehen hat, noch auch sehen kann”, und indem er sich noch höher erhebt: „Der allein Unsterblichkeit hat und ein unzugängliches Licht bewohnt.”8 Zuvor hatte er von ihm gesagt: „Dem Könige aber der Ewigkeiten, dem unsterblichen, unsichtbaren, dem alleinigen Gott,”9 damit wir dem Sohne das Gegenteil davon beilegen sollten, Sterblichkeit und Zugänglichkeit. Von ihm bezeugte er gemäss der hl. Schrift, dass er gestorben10 und von ihm zuletzt gesehen worden sei, natürlich in einem unnahbaren Lichte, und selbst dieses konnte er nicht ohne Gefahr für seine Augen anblicken, ebensowenig wie Petrus, Johannes und Jakobus ohne Gefahr für ihre Geisteskräfte und ihr Bewusstsein.11 Hätten diese nicht die Herrlichkeit des dem Leiden entgegengehenden Sohnes, sondern gar den Vater selbst gesehen, so hätten sie vermutlich auf der Stelle sterben müssen. „Denn niemand wird Gott sehen und leben.” Wenn dem so ist, so steht fest, dass von Anbeginn immer nur der erschienen ist, der auch zuletzt gesehen wurde, dass aber der, der im Anfang nicht erschienen, auch am Ende nicht gesehen wurde, und so sind sie zwei Personen, ein Erschienener und ein nicht Erschienener. Es war also immer der Sohn, der erschien, in Verkehr trat und im Auftrage sowie nach dem Willen des Vaters wirkte, weil „der Sohn aus sich nichts thun kann, was er nicht auch den Vater thun sieht,”12 im Geiste natürlich thun sieht. Denn der Vater handelt in der Erkenntnis, der Sohn aber, der in der Erkenntnis des Vaters wohnt, sieht und vollendet es. In dieser Weise ist alles durch den Sohn gemacht und ohne ihn nichts gemacht worden.

1: Joh. 1, 18.
2: I. Tim. 6, 16.
3: I. Joh. 1, 1.
4: Joh. 1, 14.
5: Joh. 4, 12 [lies: I. Joh. 4, 12] [und Joh. 1, 18].
6: I. Kor. 9, 1.
7: Röm. 9, 5.
8: I. Tim. 6, 16.
9: I. Tim. 1, 17.
10: I. Kor. 15, 3.
11: Auf dem Berge Tabor.
12: Joh. 5, 19.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger