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Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

13. Cap. Dieselben sind aber darum nicht als zwei Götter aufzufassen. Protest gegen den Ditheismus. Die ditheistisch klingenden Stellen des alten Testamentes sollten dazu dienen, dem Glauben an die Gottheit Christi die Wege zu bahnen.

Folglich werden, wendest Du ein, wenn ein Gott sprach und ein Gott schuf, wenn1 ein anderer Gott sprach und ein anderer schuf, zwei Götter gepredigt.— Wenn Du so hartnäckig bist, so glaube es vorläufig; und um mit noch mehr Grund daran zu glauben, vernimm, wie auch in den Psalmen von zwei Göttern gesprochen wird. „Dein Thron, o Gott, steht in Ewigkeit, das Scepter Deines Reiches.” „Du hast die Gerechtigkeit geliebt und die Ungerechtigkeit gehasst, deshalb salbte Dich Gott, Dein Gott.”2 Wenn er Gott anredet und lehrt, Gott werde von Gott gesalbt, so lehrt er hier doch zwei Götter zum Zwecke des „Scepters [S. 526] Deines Reiches”3. Mit bezug darauf redet auch Isaias die Person Christi an: „Die stolzen Männer von Seboin werden zu Dir übergehen und Dir folgen mit gebundenen Händen und Dich anbeten, weil in Dir Gott ist; denn in Dir ist Gott und Du bist unser Gott und wir wussten es nicht, Gott Israels.”4 Auch er statuiert mit den Worten: „Gott ist in Dir” und „Du bist Gott” zwei Götter5, die da waren, in Christo auch noch den hl. Geist.

Mehr Gewicht hat, was man im Evangelium so oft findet: „Im Anfange war das Wort und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort.”6 Einer, der war und einer, bei dem er war. Aber selbst den Namen „Herr” finde ich bei zweien: „Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze Dich zu meiner Rechten.”7 Und Isaias sagt: „Herr, wer glaubt dem, was wir sagen, und der Arm des Herrn, wem ist er geoffenbart worden.”8 Er hätte sich gewiss ausgedrückt: Dein Arm, wenn er nicht den Vater für einen Herrn und den Sohn für einen Herrn hätte angesehen wissen wollen. Noch älter ist die Genesis: „Und es liess der Herr Schwefel und Feuer über Sodoma und Gomorrha regnen vom Himmel, vom Herrn her.”9 Diese Schriftstellen leugne entweder, oder, wenn Du sie nicht wörtlich nehmen willst, wer gibt Dir das Recht dazu? zumal da sie, nicht als Allegorien oder Parabeln, sondern, als einfache und bestimmte Sätze gefasst, einen Sinn geben. Wenn Du zu denen gehörst, die nicht zugeben wollten, dass der Herr sich bei jener Gelegenheit10 für den Sohn Gottes ausgab, damit sie nicht an ihn als den Herrn glauben müssten, so erinnere Dich mit ihnen, dass geschrieben steht: „Ich sprach: Ihr seid Götter und Söhne des Allerhöchsten”, und „Gott stand in der Versammlung der Götter”.11 Wenn die hl. Schrift keinen Anstand nahm, Menschen, die durch den Glauben Söhne Gottes geworden sind, so Götter zu nennen, so magst Du einsehen, dass sie mit noch viel grösserem Recht dem wahren und eingeborenen Sohne Gottes den Namen Herr beigelegt hat.

Ich werde mithin fordern dürfen, wirst Du wohl entgegnen, dass man auch jetzt auf Grund dieser Schriftstellen beständig zwei Götter und zwei Herren lehre. — Nein, bei Leibe nicht. Wir, die wir die Einsicht in die biblischen Zeitepochen und Motive besitzen, besonders wir, die wir nicht Schüler von Menschen sind, sondern des Paraklet, wir lehren [S. 527] allerdings zwei, den Vater und Sohn, und eigentlich drei mit dem hl. Geiste entsprechend dem Wesen der sogenannten Ökonomie, die eine Mehrzahl bedingt, und man darf keineswegs, wie Euer Irrtum es mit sich bringt, glauben, der Vater sei geboren worden und habe gelitten. Das darf man nicht annehmen, weil es nicht überliefert worden ist. Dennoch nehmen wir den Ausdruck zwei Götter und zwei Herren niemals in den Mund,12 nicht etwa als wäre der Vater nicht Gott und der Sohn nicht Gott und der hl. Geist nicht Gott und nicht jede einzelne Person Gott, sondern es wurden in der Vorzeit zwei Götter und zwei Herren verkündigt, damit, wenn Christus käme, er als Gott anerkannt und Herr genannt würde, da er der Sohn Gottes und des Herrn ist. Denn wenn in der hl. Schrift nur eine Person Gottes und des Herrn vorkäme, so würde mit Recht die Führung des Namens Gott und Herr seitens Christi nicht geduldet worden sein. Denn es wäre weiter kein anderer als der eine Herr und Gott gepredigt worden, und es hätte den Anschein haben müssen, als sei der Vater selber herabgekommen. Man hätte dann nur von dem einen Gott und Herrn gelesen und seine ganze sogenannte Ökonomie wäre in Dunkel gehüllt geblieben, während sie doch als Objekt des Glaubens vorhergesehen und eingerichtet ist.

Als Christus aber kam und von uns als der erkannt wurde, der vordem den Gebrauch der Mehrzahl verursacht hatte, als der, welcher zweiter geworden war nach dem Vater und der dritte mit dem hl. Geiste, und als der Vater durch ihn vollständiger geoffenbart worden war, da wurde die Benennung Gottes, des Herrn, auf die Einheit zurückgeführt, so dass, weil die Menge der Heiden von der Vielheit der Götter zu dem einen Gott übergehen sollte, auch zwischen den Verehrern der einen Gottheit und denen einer Mehrheit von Gottheiten ein Unterschied festgestellt würde. Als Kinder des Lichtes mussten die Christen in der Welt auch leuchten, sie, die als Licht der Welt den einen Gott verehrten und benannten. Hätten wir aber infolge unseres besseren Wissens, wonach der Name Gott und Herr sowohl dem Vater als dem Sohne und dem hl. Geiste zukommt, von Göttern und Herren sprechen dürfen, dann würden auch wir, furchtsamer vor dem Martyrertum, die uns bereiteten Fackeln dadurch zum Erlöschen gebracht haben, und es wäre für uns, wenn wir wie gewisse Häretiker, die mehrere Götter haben, sofort bei den Göttern und Herren hätten schwören wollen, überall Gelegenheit zum Entkommen gewesen.

Ich werde daher überhaupt gar nicht mehr von Göttern und Herren [S. 528] sprechen, sondern dem Apostel darin folgen, dass ich, wenn Vater und Sohn gemeinschaftlich zu nennen sind, den Vater als Gott bezeichne und Jesum Christum den Herrn nenne. Ich werde aber auch Christus für sich Gott nennen dürfen, so gut wie derselbe Apostel. „Aus welchen”, heisst es bei ihm, „Christus ist, der Gott ist, hochgelobt in Ewigkeit”.13 Nenne ich doch auch einen Sonnenstrahl für sich allein Sonne; wenn ich aber von der Sonne spreche, welcher der Strahl angehört, so werde ich sie nicht ohne weiteres Sonnenstrahl nennen. Denn wenn ich auch zwei Sonnen statuierte, so würde ich doch die Sonne und ihren Strahl ebenso sehr als zwei Dinge und zwei Teile derselben untrennbaren Substanz aufzählen, als Gott und sein Wort, den Vater und den Sohn.

1: Was Öhler mit der Änderung sic statt si bezweckt, ist unerfindlich.
2: Ps. 44, 7 und 8 [hebr.: Ps. 45, 7 und 8].
3: Mir scheint, man kann bei dieser vielfach mit Konjekturen malträtirten Stelle den handschriftlichen Text ruhig beibehalten und muss dann interpungieren: affirmat, sed hic duos deos pro virga regni tui (sc. affirmat). Inde et Esaias.....
4: Is. 45, 14.
5: Besser wohl „zwei göttliche Personen”. Denn duos deos ist nicht gleich duas divinitates. Tertullian braucht diesen auffallenden Ausdruck nur im Anschluss an den gemachten Einwand, also aus polemischen Gründen.
6: Joh. 1, 1.
7: Ps. 110, 1 [lies: Septuag. Ps. 109, 1]; [hebr.: Ps. 110, 1].
8: Is. 53, 1.
9: I. Mos. 19, 24.
10: Joh. 19, 7.
11: Ps. 81, 6 und 1 [hebr.: Ps. 82, 6 und 1].
12: Auch c. 19 protestiert Tertullian ausdrücklich gegen diesen Ausdruck. Folglich ist, wenn neuestens das Mangelhafte an seiner Trinitätslehre als „feinerer Ditheismus” bezeichnet wurde, diese Bezeichnung jedenfalls höchst unglücklich gewählt. Sie ist weder feiner noch grober Ditheismus, sondern subordinatrianisch.
13: Röm. 1, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger