Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem) Drittes Buch
10. Cap. Es ist kein Grund abzusehen, warum Gottes ein Scheinleib würdiger sein sollte als ein wirklicher. [S. 228] Da Deine Berufung auf analoge Handlungen des Schöpfergottes nicht angenommen werden kann, weil sie Dich nichts angehen und ihre besonderen Ursachen haben, so wünschte ich, Du legtest mir nun die Ratschlüsse Deines Gottes dar, warum er nicht haben will, dass sein Christus in einem wirklichen Leibe erscheine. Wenn er einen solchen verschmähte als etwas irdisches, etwas, wie Ihr vorgebt, mit Unreinigkeiten erfülltes, warum hat er denn nicht ebenso auch das Scheinbild davon verachtet? Denn von einer Sache, die man verachten muss, darf man auch das Abbild nicht in Ehren halten; das Bild teilt das Los des Originals. „Allein wie hätte er denn mit den Menschen umgehen können, ohne das Abbild der menschlichen Substanz“? — Noch besser konnte er es durch das Original und dann auch wirklich mit ihnen umgehen, wenn er überhaupt mit ihnen umgehen musste! Viel würdiger wäre es seiner gewesen, ehrlich zu sein, als sich mit Possen abzugeben! Du kommst uns da mit einem recht erbärmlichen Gott! Denn er vermag seinen Christus nicht auftreten zu lassen, als in einem der Sache unwürdigen Bilde, das noch dazu nicht einmal ihm gehört. Manchmal mag es ihm anstehen, sich seiner unwürdiger Dinge zu bedienen, wenn er sich nämlich unserer Dinge bedienen muss, fremder Sachen aber darf er sich nicht bedienen, wären sie ihm auch noch so angemessen. Warum ist er denn nicht in einer andern noch angemesseneren Wesenheit erschienen, und vor allem, warum nicht in seiner eigenen? Dann wäre er gar nicht in den Schein gekommen, als sei er unwürdiger und fremdartiger Dinge bedürftig. Ist mein Schöpfergott mittels des Dornstrauchs und Feuers mit dem Menschen in Verkehr getreten, so hat er es nachher auch mittels der Wolke und der Feuersäule gethan und hat sich bei seinen Erscheinungen der Körper der Elemente bedient. Diese Beispiele göttlicher Macht beweisen aber zur Genüge, dass Gott des leiblichen Apparats, sei er nun wirklich oder fingiert, nicht bedurfte. Wollen wir der Sache auf den Grund gehen, so ist überhaupt keine Substanz würdig genug, dass Gott sich mit ihr bekleide. Demjenigen aber, womit er sich bekleidet, dem gibt er damit selber auch die Würde, doch ohne Täuschung. Was könnte also der Satz, er habe die wirkliche Leiblichkeit für eine grössere Schmach erachtet als deren Trugbild, noch für einen Sinn haben? Und doch hat er sie geehrt, indem er sie fingierte? Wie erhaben ist also der menschliche Leib, da der oberste Gott sogar ein Phantasma davon nötig hatte!
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