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Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)
Drittes Buch

17. Cap. Das äussere Aussehen und Auftreten Christi beweist, dass er der bei Isaias verheissene Messias ist.

Halten wir nun den übrigen Verlauf seiner Erscheinung mit den hl. Schriften zusammen! Wie unscheinbar auch immer jener Leib gewesen sein mag, weil er ihn angenommen hat und zur Schau trug,1 wenn er ohne Herrlichkeit, Ansehen und Ehre war, so wird er mein Christus sein. Denn als so beschaffen wurde er, dem Aussehen und Anblick nach, vorher angekündigt.

Da ist wieder Isaias: „Wir haben ihn“, sagt er, „angekündigt; wie ein Knäblein ist er vor ihm, wie ein Reis in dürrem Lande; Ansehen und Schönheit hat er nicht; wir haben ihn gesehen, er hatte kein Ansehen und keine Schönheit, sondern sein Aussehen war unscheinbar, nachstehend allen Menschen.“2 So lautete auch eben die Anrede des Vaters [S. 239] an den Sohn: „Gleichwie viele über dich erschrecken, so wird ohne Herrlichkeit sein Deine Gestalt vor den Menschen.“3 Wenn er bei David auch „reif an Schönheit vor allen Menschenkindern“ genannt wird, so ist er es in jenem allegorischen Zustande der geistigen Gnade, wo er sich gürtet mit dem Schwerte des Wortes, welches in Wahrheit seine Schönheit, seinen Glanz und seine Herrlichkeit ausmacht. Im übrigen aber ist er in seiner inkarnierten Erscheinung bei demselben Propheten auch „ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und Gegenstand der Verachtung des Volkes“.4

Dergleichen Prophezeiungen gehen nicht etwa auf seine innere Beschaffenheit. Wenn nämlich die Fülle des Geistes in ihm wohnte, so erkenne ich daran das Reis aus der Wurzel Jesse. Die Blüte desselben muss mein Christus sein, auf welchem nach Isaias der Geist der Weisheit und der Erkenntnis ruhte, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und Frömmigkeit, der Geist der Furcht Gottes.5 Denn keinem andern Menschen ausser Christus kommt die Mannigfaltigkeit der Geistesgaben zu. Einer Blume wird er wegen seiner geistigen Gnade verglichen; als entsprossen aus der Wurzel Jesse aber gilt er, indem er durch Maria davon herzuleiten ist. Absichtlich frage ich noch danach, ob Du ihm jede Art von Erniedrigung, Geduld und Gelassenheit schuld gibst; wenn er sie hat, wird er der Christus des Isaias sein. „Der Mann mit Wunden, der Schwachheit zu ertragen weiss, der wie ein Schaf zur Schlachtbank geführt wurde und wie ein Lamm seinen Mund nicht öffnete vor dem, der es schert, der nicht eiferte noch schrie, dessen Stimme draussen nicht gehört wurde, der das geknickte Rohr, d. i. den wankenden Glauben der Juden, nicht zerbrach, der den glimmenden Docht, d. i. den vorübergehenden Eifer der Heiden, nicht auslöschte,6 kann kein anderer sein als der Verheissene. Man muss sein Thun an der Hand der hl. Schrift genau betrachten; dasselbe scheidet sich, wenn ich nicht sehr irre, in zweifacher Richtung als Predigen und Wunder wirken.

Doch ich werde über beide Beziehungen in der Art disponieren, dass ich, weil ich doch über das Evangelium des Marcion noch sprechen will, die Erörterung über die einzelnen Lehren und Wunder bis dahin, also nur für einen Augenblick verschiebe. Hier wollen wir im allgemeinen die angefangene Ordnung zu Ende führen und vorläufig zeigen, dass Isaias in Christus einen Lehrer angekündigt hat. „Wer ist unter Euch,“ sagt er, „der Gott fürchtet und die Stimme seines Sohnes hören wird?“7 ebenso als einen heilbringenden Arzt. „Er selbst“, heisst es, „hat unsere Schwachheiten hinweggenommen und unsere Krankheiten getragen.“8

1: Die gedruckten Texte haben quoniam habitum, quoniam conspectum fuit. Ich vermute, es muss heissen quonam habitu, quonam conspectu fuit oder besser fuerit. Denn die folgenden Bibelstellen sollen die persönliche Unansehnlichkeit Christi beweisen.
2: Is. 53, 2 f. nach den LXX.
3: Is. 53, 14 [Is. 52, 14].
4: Ps. 22, 7.
5: Is. 11 f.
6: Is. 53, 2 ff.
7: Is. 50, 10.
8: Is. 53, 4.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger