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Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)
Zweites Buch

24. Cap. Wie der Ausdruck „es reuete Gott“ zu verstehen sei?

Ebenso gibt man bei ihm auch „der Reue“ eine falsche Deutung, als empfinde er sie aus Unbeständigkeit, Mangel an Voraussicht oder gar im Bewusstsein eines Vergehens. Er habe z. B. gesagt: „Es reut mich, dass ich Saul zum König gemacht habe,“ und man präskribiert [S. 202] dabei, Reue bedeute so viel als das Bekenntnis, etwas Böses oder eine Verirrung begangen zu haben.1 Aber so ist es nicht immer. Denn bei guten Thaten geschieht das Bekenntnis, man bereue sie, um die Person anzuschuldigen und anzuklagen, die sich gegen eine Wohlthat undankbar gezeigt hat. So wurde denn auch seiner Zeit hinsichtlich der Person Sauls vom Schöpfergott der Ausspruch gethan, man müsse ihr Ehre erweisen. Derselbe hat durchaus nicht gefehlt, als er den Saul zum Königtum erhob und mit dem hl. Geist ausrüstete; denn er hatte ihn mit Fug und Recht auserwählt, „als er noch sehr gut und seinesgleichen, heisst es, unter den Söhnen Israels nicht zu finden war.“2 Allein Gott hatte auch recht wohl gewusst, dass es so kommen würde. Jedermann wird es unerträglich finden, dass man Gott des Mangels an Voraussicht beschuldigt, obwohl man ihm doch die Gottheit nicht abspricht und ihm damit auch die Voraussicht beilegt. Denn darin besteht die ihm eigene Gotteswürde. Für das schlechte Betragen Sauls war aber das Geständnis seiner Reue, wie gesagt, um so gravierender. Denn da in der Wahl des Saul kein Fehler lag, so muss man jene Reue notwendigerweise mehr für eine Äusserung des Unwillens als für eine Selbstanklage ansehen.

Aber siehe, wendet man ein, eine Selbstanklage finde ich da, wo es sich um die Niniviten handelt; denn das Buch Jonas sagt: „Und es reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er that es nicht.“3 So sprach auch Jonas selbst zum Herrn: „Deswegen bin ich vorweg nach Tarsus geflohen, weil ich erkannt hatte, dass Du barmherzig und zum Mitleide geneigt, langmütig und sehr erbarmend bist, und dass das Unheil Dich gereut.“4 Es war also ganz recht von ihm, dass er den Titel sehr guter Gott voranstellte, der nämlich höchst langmütig gegen die Bösen, reich an Mitleid und Erbarmen gegen die ist, welche ihre Sünden erkennen und beweinen, wie damals die Niniviten. Wenn, wer so beschaffen, sehr gut ist, so wirst Du vorerst von der Behauptung abstehen müssen, dass bei einem solchen, d. h. höchst guten Wesen auch die Bosheit Zutritt erhalte. Und weil auch Marcion dafür einsteht, dass ein guter Baum keine schlechten Früchte tragen dürfe, Gott aber trotzdem den Ausdruck „Bosheit“ gebraucht hat,5 die bei dem höchst guten Wesen nicht eintreten kann, so frage ich, liegt obigem Ausdrucke irgend eine Bedeutung zu Grunde, wonach man „Bosheiten“ anzunehmen hat, die sogar bei einem höchst guten Wesen eintreten können? Antwort: Ja, es liegt ihm eine solche zu Grunde.

[S. 203] Daher sagen wir also, „Bosheit“ bedeutet hier nichts, was sich auf die Wesenheit des Schöpfergottes als solche bezöge, als sei er böse, sondern geht auf seine Macht als Richter. In dieser Eigenschaft hat er den Ausspruch gethan: „Ich bin es, der das Üble schafft“6 und „Siehe, ich schicke Übel gegen Euch aus“;7 nicht Übel der Sünde, sondern Übel der Strafe, und die Vorwürfe gegen diese letztere haben wir, weil wohl verträglich mit seiner Eigenschaft als Richter, hinlänglich widerlegt.8 So wie sie, obwohl sie Übel heissen, doch am Richter nicht zu tadeln sind, und auch trotz dieses ihres Namens doch den Richter nicht als böse erscheinen lassen, so wird unter dieser Art Bosheit jetzt also diejenige zu verstehen sein, welche als Folge der Übel des Richteramtes angesehen mit diesem dem Richter wohl ansteht. Auch bei den Griechen wird das betreffende Wort9 zuweilen für Heimsuchung und Schäden, nicht für Bosheit im eigentlichen Sinne gesetzt, so hier auch.

Wenn den Schöpfergott diese "Bosheit" also reute, nämlich dass er seine Kreatur hatte verwerfen und wegen ihrer Sünde strafen müssen, so wird man gleichwohl auch dieses Vorkommnis nicht als eine Selbstanklage des Schöpfergottes ansehen dürfen, da sein Beschluss, die ganze gottlose Stadt zu vertilgen, ein ganz gerechtfertigter gewesen war. Was er so nicht in "Bosheit", sondern in gerechter Weise beschlossen hatte, das war also auch aus Gerechtigkeit, nicht aus Bosheit beschlossen worden. Er hat die Strafe selbst "Bosheit" genannt, wegen des Übels und der Schuld des Leidens selber.

Wenn man, wirst Du mir nun einwenden, die Bosheit also mit der Gerechtigkeit entschuldigt und Gott mit Recht den Untergang der Niniviten beschlossen hatte, so ist er doch immer noch anzuklagen, weil er einen gerechten Entschluss bereute, den er nicht bereuen durfte. — Nein, antworte ich, seiner Gerechtigkeit wird es Gott nicht gereuen, und es ist uns jetzt noch die Aufgabe übrig, zu erkennen, was die Reue Gottes sei. Wenn der Mensch meistens uns beim Andenken an seine Sünden, zuweilen auch wegen des Undankes, den ein gutes Werk gefunden, Reue empfindet, so ist es darum bei Gott noch nicht auch so. So wenig als Gott Böses begeht oder etwas Gutes verurteilt, ebensowenig gibt es auch bei ihm eine Reue über Gut oder Bös. Auch darüber hat die hl. Schrift Dir eine bestimmte Erklärung gegeben, indem Samuel zu Saul sagt: „Heute hat der Herr, Dein Gott, Israel Dir aus Deiner Hand gerissen und wird es Deinem Nächsten geben, der besser ist als Du“,10 und Israel wird in zwei Teile zerrissen werden. „Er wird sich nicht anders [S. 204] besinnen und es bereuen, weil er nicht ist wie ein Mensch, um zu bereuen“.11

Durch letztere Erklärung ist also in allen Fällen eine andere Norm für die Reue Gottes statuiert; sie darf weder aus Mangel an Voraussicht, noch aus Leichtsinn, noch aus der Verwerfung einer sei es guten oder schlechten Handlung hergeleitet werden wie die menschliche Reue. Welches wird nun die Art und Weise der göttlichen Reue sein? Das wird klar werden, wenn man sie nur nicht in die menschlichen Verhältnisse herabzieht. Sie wird nämlich für nichts anderes zu halten sein als für einfache Abänderung eines frühern Beschlusses, welche ebenfalls, ohne einen Tadel gegen sich hervorzurufen, statthaben kann, sogar bei einem Menschen, geschweige denn bei Gott, bei welchem jeder Beschluss von Schuld frei ist. Auch die griechische Bezeichnung für Reue12 ist nicht vom Eingeständnis einer Schuld, sondern von der Sinnesänderung hergenommen, die, wie wir gezeigt haben, bei Gott sich nach dem Eintritt wechselnder Vorgänge richtet.

1: I. Sam. 15, 11.
2: I. Sam. 9, 2.
3: Jon. 3, 10.
4: Jon. 4, 2.
5: Jon. 3, 10, malitiam, quam locutus fuerat, ut faceret et non fecit. Ohne Annahme einer Beziehung auf diese Bibelstelle und eines Subjektswechsels würde das Ganze unverständlich bleiben.
6: Is. 45, 7, creans malum Vulg.
7: Jer. 18, 11.
8: Oben Cap. 14.
9: Κακία [kakia].
10: I. Kön. 15, 28.
11: Ebend. 15, 29. Die dazwischen stehenden Worte „und Israel u. s. w.“ finden sich nicht in der Vulgata.
12: Μετάνοια [metanoia].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger