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Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)
Erstes Buch

9. Cap. Der letztere soll allerdings eigentlich schon vorhanden gewesen, aber neu bekannt geworden sein. Dies ist undenkbar.

Ich weiss recht gut, in welchem Sinne sie von ihrem neuen Gott reden, nämlich dass er neu sei hinsichtlich seiner Anerkennung. Allein diese vermeintliche neue Erkenntnis, womit man unbefangene Gemüter verblüfft macht, so wie auch diesen natürlichen Reiz der Neuheit beabsichtigte ich zu zerstören und damit auf ihren unbekannten Gott zu kommen. Denn natürlich, wenn sie entgegnen, er sei hinsichtlich der Kenntnis neu, die man von ihm hat, so besagt das, er sei vor seiner Wiederanerkennung unbekannt gewesen. Wohlan also, wiederum in die Schranken und Stellung genommen! Überzeuge uns davon, dass ein Gott habe unbekannt sein können! Ich finde allerdings, dass man den unbekannten Göttern Altäre aufgestellt hat, — aber das ist nur eine Abgötterei der Athener; ebenso den ungewissen Göttern — das ist ein Aberglaube der Römer. Nun sind aber ungewisse Götter, die zu wenig bekannten und darum zu wenig gewissen und mithin unbekannt, weil zu wenig gewiss. Welchen von diesen beiden Titeln sollen wir nun dem Gott des Marcion beilegen? Ich denke, beide. Ungewiss ist er jetzt und unbekannt war er früher. Denn so gut wie er durch das Bekanntsein des Demiurgen zum unbekannten Gott wurde, so machte ihn auch der sichere Gott zu einem unsichern.

[S. 140] Ich will nicht von der Sache abschweifen und sagen: Wenn Gott unbekannt und verborgen war, so hat ihn eine Region der Finsternis umhüllt, die natürlich dann ebenfalls neu und unbekannt und auch jetzt noch ungewiss, jedenfalls aber unermesslich gross und ohne Zweifel grösser ist als der, den sie birgt. Nein, ich will in meiner Proposition kurz und in meiner Ausführung möglichst vollständig sein und nur die Einrede erheben: Gott konnte gar nicht unbekannt bleiben wegen seiner Grösse und er durfte es nicht — wegen seiner Güte, zumal da er in beiden Beziehungen vorzüglicher war als unser sogenannter Demiurg. Allein, da ich bemerke, dass der Beweis für jeden neuen und früher unbekannten Gott in einigen Punkten auf die Analogie des Schöpfergottes zurückkommen muss, so werde ich vorerst darlegen müssen, dass wir dazu guten Grund haben, um mich dann mit desto grösserer Sicherheit des angegebenen Grundes bedienen zu können.

Was soll es nun vor allem heissen, dass man Gott anerkennt und ihm infolge dieser Kenntnis die Eigenschaften des Schaffens und der Priorität zugesteht, dann aber sich nicht dazu verstehen will, auch dem andern Gott mit demselben Massstabe zu prüfen, wodurch man, wie man bereits einmal erfahren hat, Gott erkennen kann? Jedes Ding, das früher ist, hat offenbar die Norm für das spätere vorgezeichnet. Man legt uns als Problem zwei Götter vor, einen bekannten und einen unbekannten. In betreff des bekannten sind Fragen überflüssig. Es steht fest, dass er existiert; denn er würde nicht bekannt sein, wenn er nicht existierte. In betreff des unbekannten dagegen ist die Sache strittig. Denn er könnte möglicherweise ja auch nicht existieren, da er, wenn er existierte, ja bekannt geworden sein würde. Worüber man also, so lange es unbekannt ist, Fragen aufwirft, das bleibt auch ungewiss, so lange man Fragen darüber aufwirft, und es kann möglicherweise gar nicht existieren, so lange die Ungewissheit dauert.

Bei Dir gibt es einen gewissen Gott, weil er bekannt ist, und einen ungewissen, weil der unbekannt ist. Wenn dem so ist, was könnte Dich vernünftigerweise abhalten, nach Massgabe, Analogie und Regel des Bekannten das Unbekannte zu beweisen? Wenn dagegen bei diesem Gegenstande, der selber ein unsicherer ist, auch noch unsichere Argumente angewandt würden, so würde der Gang der Untersuchung verwickelt werden infolge der Bedenken über die Argumente selbst, die ebenso ungewiss sind und wegen ihrer Ungewissheit wenig oder gar keinen Glauben erwecken. Man würde so zu jenen endlosen Fragen kommen, welche der Apostel nicht liebt. Wenn aber von sicheren, unzweifelhaften und absoluten Dingen entnommene Regeln das Präjudiz für unsichere, zweifelhafte und unfertige Partien abgeben müssen, wobei sich ein verschiedener Zustand der Dinge findet, dann wird man sich wohl nicht in der Art auf sie berufen, wie [S. 141] man es bei unumstösslichen Dingen thut, weil sie wegen der Verschiedenartigkeit ihres Grundwesens nicht weiter in Vergleich gezogen werden dürfen. Werden aber zwei Götter aufgestellt, so ist ihre Grundbeschaffenheit dieselbe; denn was zur Gottheit gehört, das haben sie beide; sie sind ungeworden, unerschaffen, ewig. Das ist ihr wesentlicher Zustand.

Im übrigen mag Marcion sehen, wie er zurecht kommt, wenn er eine Verschiedenheit annimmt. Denn das Nachfolgende ist bedenklich oder vielmehr gar nicht annehmbar, wenn der wesentliche Zustand gesichert ist. Er ist aber gesichert; denn sie sind beide Götter. Und wenn daher in betreff ihres Wesens feststeht, dass es das gleiche sei, und sie aus der Rücksicht, dass es noch etwas Ungewisses bei ihnen gebe, einer Prüfung unterworfen werden, dann müssen sie nach Analogie derjenigen gewissen Dinge behandelt werden, mit denen sie die wesentliche Beschaffenheit teilen, und werden demnach dann auch hinsichtlich der Bewährung mit ihnen gleich stehen. Daher werde ich aufs entschiedenste darauf bestehen, der kann kein Gott sein, der heute ungewiss ist, weil er früher unbekannt war. Denn in betreff desjenigen, dessen Existenz ausgemacht ist, haben wir gerade darum Gewissheit, weil er niemals unbekannt und darum auch niemals ungewiss war.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger